Mutter und Sohn

Dieser Film von Peter Netzer, der mit Razvan Radulsecu auch das Drehbuch geschrieben hat, guckt ganz genau hin auf ein verhängnisvolles, aber in manchen Situationen auch rettendes Mutter-Sohn-Verhältnis.

Netzer zeigt nicht, wie die Amerikaner es kürzlich mit Barbara Streisand versucht haben, ein Mutter-Sohn-Verhältnis, das fraternisierend mit dem Publikum die stillschweigende Abhängigkeit einer solchen Paarung augenzwinkernd voraussetzt und zum Anlass für einen auf den Publikumserfolg schielenden und hoffentlich die Kinokassen füllenden Streifen genommen haben.

Netzer guckt ganz genau hin. Auf eine schreckliche, gegenseitige Lähmung und Verwünschungen hervorrufende Mutter-Sohn-Beziehung mit nicht bis ins letzte durchschaubaren Mechanismen von Anziehung und Abstoßung, von Nicht-Voneinander-Loskommen-Können.

Netzer baut in sein Buch einen Unfall ein, der dieses direkt brutal zu nennende Verhältnis auf den Prüfstand bringt. Der Sohn, der aus der Wohnung der Eltern ausgezogen ist, die Mutter ist erfolgreiche Architektin und Bühnenbildnerin, überfährt bei einer Verfolgungsjagd mit einem anderen Wagen einen 14-Jährigen, der bei dem Zusammenprall tödlich verunglückt.

Jetzt erleben wir von dieser Mutter das krasse Gegenteil dessen, wie Netzer sie uns zuerst vorgestellt hat; das war in einem Gespräch mit ihrer Schwester oder Freundin, die Angaben darüber vor den Behörden variieren, in der die Mutter ohne sich sprachliche und gedankliche Zügel anzulegen ihren Frust über ihren missratenen Sohn rauslässt. Ein harter Anfang.

Die Mutter schimpft über die Freundin ihres Sohnes, die mit ihm, dem Waschlappen, mache, was er wolle. Dann sehen wir die Mutter auf einer Geburtstagsfeier der feinen Gesellschaft ausgelassen tanzen. Madame hat ihr Vergnügen. Als nächstes zitiert sie ihre Putzfrau, die auch die Bude ihres Sohne sauber macht. Welche Bücher er auf dem Nachttisch liegen habe. Den Pamuk oder die Hertha Müller. Aber die hat er nicht angerührt. Er bevorzuge ein Buch über schöne Frauen, wird der Mutter von der Putzfrau hinterbracht. Das hat er allerdings nicht von der Mutter erhalten. So ein undankbarer Sohn.

Als Ouvertüre zur dramatischen Handlung nach der Einführung und Vorstellung der Mutter, den Sohn hat man noch gar nicht gesehen, schiebt Netzer eine Probe bei der Oper ein, wo sie als pelzumhüllte Dame und Bühnenbildnerin zuschauen und zuhören darf.

Ihre Freundin holt sie aus der Probe heraus. Ein Anruf ist eingegangen, dass mit dem Sohn etwas passiert sei. Die Mutter wird gespielt von Luminita Gheorghiu, einer fantastischen Schauspielerin, die die Rolle mit eiserner Konsequenz durchzieht, nie weich, auch kaum durchlässig wird, so einen schockierenden und nie befreienden Muttermechanismus in verschiedenen Varianten vorführend, zuerst in der bösartigen, den eigenen Sohn nachspionierenden und denunzierenden, dann nach dem Anruf in der bedingungslos für den Sohn kämpfenden Variante.

Der Sohn hat einen Jungen überfahren. Der Mutter ist klar, dass der dumme Sohn mit den Behörden und den Befragungen nicht zurecht kommen wird. Also mischt sie sich ein. Fährt mit ihrer Freundin zum Tatort. Ständig das Handy am Ohr, einen Ratgeber dran, wie mit den Behörden zu verfahren sei, wie die Folgen des Deliktes abzumindern seien. Auch hier kennt diese Mutter nichts. Sie hat einen Auftritt wie ein Staatspräsident oder ein Minister, wenn sie auf der kleinen Polizeistation eintrifft, wo ihr Sohn gerade ein Geständnis ausfüllen soll.

Die Mutter nimmt alles in die Hand. Sie wird später auch den Zeugen, der sich mit dem Sohn das Wettrennen geliefert hat, aufsuchen, denn wenn er angibt, er sei beispielsweise nur 50 gefahren, dann ist der Sohn nur 80 gefahren, und das wäre nicht so ein gravierendes Delikt wie die hundert Stundenkilometer, die anfänglich zur Debatte stehen.

Auch muss bei der Blutuntersuchung mitgemischt werden, mit den Polizisten geredet und ratsam scheint es der Mutter, eine Beziehung zur Familie des Opfers aufzubauen, ein große Hürde, für den Sohn fast nicht machbar. Ein Hochschaukeln von zwei Muttermechanismen findet bei der Familie, die den 14 jährigen Buben verloren hat, statt. Beide Mütter beklagen ihr jeweiliges Schicksal, die eine hat nur den einen Sohn, den Täter, während die andere ja noch einen jüngeren Sohn, einen Elfjährigen hat. Drama über Drama.

Der Vater des überfahrenen Jungen bleibt hart. Er will sich das Begräbnis nicht bezahlen lassen. Denn alles ist auch in Rumänien nicht für Geld zu haben. Mit den Behörden war das schon leichter. Dem einen Beamten fällt plötzlich ein, wie er liest, dass Madame Architektin ist, dass er gerade beim Hausbau gewisse Probleme habe. Hier waschen Hände sich gegenseitig. Die Wahrheit kann sich nicht wehren.

Durch diesen Unfall und das ganz genaue Rekonstruieren der behördlichen Vorgänge drum herum, bleibt Netzer nah an seinen Figuren dran, welche nötige Dinge zu erledigen haben, die durch das Wie, wie sie es machen, auch die Figuren prima charakterisieren, vor allem der bedingungslose, immer wieder irrational erscheinende Muttermechanismus. Der Höhepunkt, der emotional schier aus der Bahn läuft, ist der Wettbewerb der beiden Mütter, welche das schwerere Schicksal habe und wie die Mutter ihrem untauglichen Sohn plötzlich die strahlendste Zukunft zuschreibt, die nun platzen würde, wenn er ins Gefängnis müsste.

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