In einer verführerisch schönen, gefühlvollen, den Zuschauer einwickelnden Filmschrift in der Art eines magischen Realismus erzählt uns Ana Piterbarg die Geschichte von den eineiigen Zwillingsbrüdern Agustin und Pedro, gespielt von Viggo Mortensen, die mit ihrem Spielkameraden Adrian, Daniel Fanego, auf einer filmtraumhaft schönen, argentinischen Insel mit Flusslandschaft und Pfahlbauten aufgewachsen sind.
Jeder Mensch hat einen Plan. Und so wie die Menschen verschieden sind, haben sie verschiedene Pläne, erzählt uns dieser Film, selbst eineiige Zwillinge, die nächste Freunde nur schwer auseinanderhalten können.
Auf der Brust sind beide Brüder etwas schwach. Agustin hat die heimatliche Flusslandschaft verlassen. Er hat studiert und es zu einem Lehrauftrag an der Uni gebracht. Seine Freundin Claudia wird gespielt von Soledad Villamil, einer argentinischen Schönheit mit schwarzem Haar, breiten Lippen und einem Auftritt, der im Untertext jeden spüren lässt, dass er es hier nicht nur mit einer Schönheit, sondern auch mit einer dominanten Figur zu tun hat. So eine Frau möchte Kinder. Und wenn es auf natürlichem Wege nicht klappt, so muss eine Adoption her. Wir lernen das Paar kennen, wie es in einem Spital sich schon mal heimlich den ausgesuchten Säugling zeigen lässt, den es hoffentlich bald schon sei eigen nennen und mit nach Hause nehmen kann. Aber Agustin will nicht. Meldet sich in der Uni krank. Claudia packt das nicht. Sie will die Wohnung, die ihr gehört, verkaufen, sich trennen.
In der Flusslandschaft kümmert sich derweil Pedro um seine Bienen. Von denen kann er nicht leben. Ihm hilft Rosa, die später von Adrian als Schlampe bezeichnet wird. Pedro hustet heftig, spuckt Blut, entführt zwecks Aufbesserung der Finanzlage mit Adrian Menschen, um Lösegeld zu kassieren; die Zeitungen drucken Schlagzeilen von den Entführungen in Tigre.
Die Erzählweise von Ana Piterbarg dürfte sehr geprägt sein von der Kultur der in Lateinamerika besonders beliebten Telenovela, die einen Realismus vorgibt. Hier wird er zum Beispiel greifbar in einer Szene mit den Bienen. Rosa meint, der Honig sei besonders dunkel, das sei weil gerade der Staudenknöterich blühe.
Die lieblose deutsche Routinesynchronisation erschwert deutlich den Einstieg in die argentinische Stimmung, aber irgendwann obsiegt die Gewohnheit, der Geist ist durch die Bilderfolge mehr als absorbiert, die sich schnurgerade auf den Weg des Melodrams begibt. Denn Pedro ist sehr krank, macht sich auf den Weg, taucht bei seinem Zwillingsbruder in der Stadt auf; ein kurzer Wortwechsel teilt uns mit, dass die beiden sich seit Jahren nicht gesehen haben. Immerhin bringt Pedro ein Glas Honig mit. Aber auch eine Pistole, die im weiteren Verlauf des Filmes noch ein wichtiges Requisit bleiben wird. Denn es spielt sich ein Drama zwischen den beiden Brüdern ab. Der eine kehrt als der andere an dessen Stelle auf die Insel zurück. Hier schwebt das Thema Identität in der Luft. Das Drama wird sich zuspitzen, wie Liebe zwischen Rosa und dem vermeintlichen Pedro sich entwickelt und verschiedene Pläne sich in die Quere kommen, auch der von Adrian für die nächste Entführung und der von Pedro/Agustin für ein Glück zu zweit mit Rosa irgendwo, nur nicht hier.
Es gibt ein kurzes moral-philosophisches Gespräch zwischen Rosa im pinken Herzchenpullover und Pedro/Agustin über das Böse, was der Mensch in sich trage und dass ihr Plan es sei, Gutes zu tun und Pedro/Agustin fragt: egal für wen? Es wird auch bedauert, dass es offenbar nicht möglich sei, einen Plan durchzuführen, ohne andere zu verletzen. Auch, dass Adrian wie eine Drohne ohne Geruch sei, die in jeden Bienenstock eindringen könne. Diese Diskussionen laufen ohne jede Aufregung so konzentriert und ernst ab wie das Sammeln des Honigs, fast wie dekorativ, in dem step-by-step beherrschten Bilderfortschritt, der das Drama seinem Höhe- und Endpunkt zuführt und den Zuschauer wie aus einer anderen Welt wieder entlassen wird.