Paradies Hoffnung

Seidl besticht auch hier wie in den zwei anderen Filmen der Paradies-Trilogie mit einer radikalen kinoästhetischen Konsequenz. Das wäre nichts für Anthroposophen. Immer schnurgerade in einen Flur, schnurgerade in ein Zimmer hinein oder die Akteure vor einer Wand fotografiert. Rechte Ecken. Gerade Linien. Und keine unnötigen Kamerabewegungen. So das Guckkastenprinzip vom Theater oder vom Türspion gnadenlos verschärfend.

Radikal aber auch von seiner inhaltlichen Gewichtung her: nicht für Geist, nicht für Visionen, nicht für Pläne von Menschen interessiert er sich. Er schaut sich an, was Leute im Bereich einmal entschiedener Vornahmen, Vorgaben und Pläne, die vorgeblich ihrem Glück dienen, tun. Wobei er in diesem Tun doch primär von den fleischlichen Vorgängen entzückt zu sein scheint. Von der Schwerkraft des Fleisches und nicht der erhebenden Kraft des Geistes.

Hier geht es um fette Mädels und Jungs. Melanie, die Tochter der Hauptfigur aus „Paradies Liebe“ und die Nichte der Hauptfigur aus „Paradies Glaube“, soll im Sommerurlaub, während ihre Mutter in Kenia Schwarze zu ficken und die Tante Menschen zu missionieren versucht, in einem Diät-Sommercamp nicht nur abspecken, sondern auch zu einer gesunden Ernährung finden.

Die Tante bringt sie hin. Im Camp selbst interessiert Seidl, wie die Gruppen adrett angezogen im Gänsemarsch ausrücken oder einmarschieren oder überhaupt marschieren. Wie sie in Einerkolonne walken. Wie sie im Flur zur Strafe in Reih und Glied stehend die Arme hochhalten müssen. Wie die Mädels im Zimmer liegen und Kissenschlachten machen oder auch über „das erste Mal“ sich unterhalten, wie sie mit ihren Handys telefonieren. Wie sie vermessen werden, wie sie schwimmen, wie sie Gymnastikübungen machen, Kniebeugen und Purzelbäume oder Sprossenwandhängen. Wie sie vor die Zimmer treten müssen.

Eine kleine Verführungsgeschichte ist eingebaut. Melanie verliebt sich in den Arzt, der vor den Untersuchungen sich auf die Patientenliege hinfläzt und Zigarette raucht. Sie lässt sich gerne und oft von ihm untersuchen. Macht sich schick dafür. Was dank der Seidl-Kino-Aesthetik mehr wie ein physisches Protokoll denn als ein seelischer Vorgang geschildert wird, warum er mir so leer vorkommt und so wenig inspirierend. Eine aufs Fleischliche reduzierte Sicht des Menschen. Mit diesem Fokus wird eine Art Wahrhaftigkeit vorgegaukelt. Gegen die Macht des Fleisches ist kein Kraut gewachsen. Das kann dem Kino die Magie austreiben.

Vom Narrativen her gibt es noch ein nächtliches Abenteuer von Melanie und einer ihrer Zimmerkumpaninnen und bei einem Ausflug einen Verführungsspaziergang mit dem Lehrer in die freie Natur. Das Gewöhnliche am Fleischlichen. Das Austauschbare daran. Das Fleisch ist die Hoffnungslosigkeit. Denn das Fleisch wird verwesen. Negativtheologie des Ulrich Seidl. Zelebrieren der Negativausstrahlung und Negativtheologie des Fleischlichen. Der Weg alles Fleischlichen. Vielleicht sollte Seidl Schauspiellercoach werden, denn seine Darsteller agieren unverkrampft und natürlich.

Sicher wird es möglich sein, anhand solcher Thesenfilme, die behaupten vom großen Thema Paradies zu handeln, die faktisch jedoch nur von der Vergänglichkeit alles Irdischen erzählen, Diskussionen zu beginnen. Ich wüsste aber nicht worüber. Denn wenn mir einer erzählt, alles Fleischliche ist irdisch, so kann man ihm nur beipflichten und sagen, gut, das das habe ich auch schon vermutet, das brauche ich mir nicht extra in einem Film noch vorführen lassen.

Imponierend an dieser Trilogie ist immerhin, dass Seidl jede Premiere bei je einem anderen der wichtigsten europäischen Filmfestivals gehabt hat. Cannes, Venedig und Berlin.

Die Hoffnung zeigt sich rein bildnerisch: dass meist bei den Frontalaufnahmen in Zimmer und Flure, hinten oder zumindest seitlich eine Lichtquelle sich befindet. Da könnte Christus der Erlöser auftreten. Oder vielleicht kommt doch noch ein Kinogott.

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