Diese Dokumentation von Mario Schneider ist es durchaus wert, im Kino angeschaut zu werden. Dokumentation verstanden als erlebnishafter Bericht aus einer fremd-nichtfremden Welt.
Mario Schneider hat sich ein Dorf im Schatten einer gigantischen Bergbau-Abraumhalde in Ostdeutschland vorgenommen. Hier erzählt er über die Figuren der drei Protagonisten, das sind die Schulbuben Tom, Sebastian und Paul, vom familiären Alltagsleben im Dorf und als Ziel- und Höhepunkt seiner Dokumentationsdramaturgie von einem uralten Pfingstbrauch, der den Winter vertreiben soll.
Den Storyfaden baut er in die Beobachtungen nur sporadisch ein, um dem Film genügend Luft für stimmungsvolle Bilder um kleine Begebenheiten und immer wieder filmmelancholische Ansichten vom Dorf und der Abraumhalde einzuflechten. Wie zum Beispiel die „Rosen“ hergestellt werden für die farbenprächtigen Hüte der Jungs, die in ganz weißer Kleidung und mit bunten Bändern an den Hüten zum Fest erscheinen oder die Peitschen, die zum Knallen zu bringen sie immer wieder üben.
Aber auch Schulstunden fehlen nicht. Deutsche Sprache – schwere Sprache. Die Assoziationen sind ortsverbunden, da liest einer automatisch Stoffkleber auch wenn Stopfleber im Lesebuch steht. Oder wie die Eltern, meist die Mütter, bei den Hausaufgaben helfen.
Essen ist eine wichtige Angelegenheit. Mal in der Familie, mal richtet sich ein Bub das selber her. Schlachter wäre ein schöner Beruf. Wenn man als Kind zuschauen kann, wie zu Hause ein Kaninchen oder gar ein Schwein geschlachtet und ausgenommen wird. Das wird eine Festtafel geben.
Mario Schneider hat es geschafft, ein vertrautes Verhältnis zu den Familien herzustellen. Er scheint wie dazugehörig, selbst wenn die Buben zu Bett gehen oder wenn sie geweckt und angezogen werden für den großen Tag. Er stellt auch Fragen. Was sie von Gott halten. Oder wie sie sich ihr Leben mit dreißig vorstellen.
Er zeigt die Väter in ihren Familien. Es sind Männer, die man eher am Steuer eines LKWs oder beim Schlachten sich vorstellt denn als fürsorgliche Familienväter. Die Eltern eines der Jungen bestehen aus zwei Frauen, zwei Mütter. Der leibliche Vater kommt zu Besuch und schenkt moderne elektronische Spiele, die dem Buben gefallen.
Faszinierend sind die Archivaufnahmen von einem Pfingstfest tief in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts. Die Kamera muss eine Sensation gewesen sein. Wie die Menschen ärmlich gekleidet waren und auf die Kamera glotzen. Heute sind die Kinder gekleidet wie in einem modernen Industriestaat irgendwo in Deutschland, in Europa oder sonst wo auf der Welt.
Es ist abzusehen, dass einige das Dorf verlassen werden, sobald es um Bildung und Beruf geht. Als kleine Referenz auf die Kameragucker aus dem Archivmaterial lässt Schneider als launige letzte Sequenz die Schulkinder vor der Kamera sich aufstellen und sie dürfen Gaudi mit dem Objektiv, den imaginierten Zuschauern machen.
Das Fest selber hat überraschende Knaller bereit, die weit entfernt von Etepetete aber auch von sinnlosem Besäufnis sind. Es wird hart zur Sache gehen in einem eigens vorbereiteten Schlammtümpel – da bleibt kein weißes Hemd weiß.
Kino verstanden als Ersatz für eine Reise zur Entdeckung des Besonderen im vermeintlich Gewöhnlich-Alltäglichen – was interessiert uns der Osten. Um das alles zu erleben, was dieser Film sorgfältig montiert, wobei die Einsätze klassischer Musik gar nicht nötig gewesen wären, die Angst braucht Schneider nicht haben, die Angst vor der Leere, um das alles zu erleben, müsste der Zuschauer bestimmt einige Zeit im Mansfelder Land verbringen. Und mit Dreck bespritzt wird er beim Kinobesuch auch nicht.