Dank 3D, Computeranimation und Kameras, die wie ferngesteuerte Flugzeuge den Raum durchpflügen und queren können, auch in rasendem Tempo, wirkt dieser bombastische Film, als ob man mit einer Zeitmaschine in einer ferne Zeit eintaucht. Es ist sogar eine doppelte Zeitreise, in die uns Baz Luhrmann mit seinem Opus mitnimmt, einmal in die goldenen 20er in New York, in denen der Roman von F. Scott Fitzgerald spielt, zum anderen dank Inszenierungs- und Ausstattungsart in das schwülstige, überladene, erstarrte Hollywood-Studio-Kino der 50er Jahre.
Gatsby verleitet zur Ausstattungsorgien wegen der rauschenden Feste, die er veranstaltet. Diese Mega- und Superlativ-Partys, in denen Tout New York, alles, was irgendwie sorglos war, seine Aufwartung machte, sind an Fülle von Menschen, Kostümen, Masken, Girlanden, Blumen, Feuerwerk, Musik kaum zu überbieten. Das ist das Messbare, das Imitierbare, das Rekonstruierbare am Roman im Gegensatz zum Metaphysischen, was in all dem Pomp und den Kostümen und den Frisuren und rasenden Autofahrten und Texten und Spielart der Schauspieler nirgends zu finden ist.
Was F. Scott Fitzgerald an dieser Gesellschaft durchschaut hat, woran auch das Plakat mit der Brille und den zwei Augen, die hier so leer schauen, was in einer Industriebrache rumsteht und hier wie im Roman immer wieder prominent ins Bild gerückt wird, das was also der Autor und das Plakat sehen, das in einem Film sichtbar zu machen, dürfte wohl kaum gelingen, wenn man sich, wie Baz Luhrmann, von der Überfülle an handwerklich Replizierbarem und in Zahlen von Stoffmetern und Darstellern und Kilowatt Messbarem verleiten lässt.
Der Storyfaden ist, wie es sich fürs Hollywood auch der 50er Jahre gehört, aufs Feinste herausgearbeitet. Der Autor Nick, der das alles beschreibt, kommt zufälligerweise in einer kleinen Behausung direkt neben dem Palais, das der große Gatsby bewohnt, zu wohnen und wird so unmittelbar in die Geschichte hineingezogen. Diese dürfte ihn arg mitgenommen haben, denn die Rahmengeschichte, die allerdings nur einen Anfangsrahmen abgibt und am Schluss nicht mehr vorkommt oder vielleicht erst am Ende des Abspannes, ich musste dann jedenfalls meine Augen vom sehr anstrengenden 3D erholen, das auch immer wieder bei Überblendungen zu verwirrenden Unschärfen führt, diese angeschnittene Rahmengeschichte findet im Perkins Sanitarium statt. Hier wird Nick von einem Arzt befragt, wie das denn alles gewesen sein.
Über diesen Halbrahmen wird auch der Zuschauer in die Geschichte hinein geführt. Nick erwähnt die unerschöpfliche Fülle, diese Vielfalt des Lebens, deren er ansichtig geworden sei; der Film allerdings dürfte den Begriff der Fülle als Ausstattungstipp deutlich missinterpretiert haben; was war die Fülle des Lebens, die Vielfalt, die den Autor Nick so mitgenommen hat? Eher nicht eine zudröhnende Ausstattungsorgie in 3D.
In der Filmrealität erscheint Gatsby wenig geheimnisvoll, obwohl er doch vom Text her genau dies sein soll. Die Begründung hingegen, weshalb er seinen Partyladen am Laufen hält, die wird akkurat gegeben. Es ist Daisy, die er vor fünf Jahren kennen gelernt hat, in die er unsterblich verliebt ist. Sie hat aber, da sie gegen Reichtum nicht unsensibel ist, den reichen Tom Buchanan geheiratet hat. Sein Prunkpalazzo steht am Ufer einer Bucht. Genau gegenüber hat Gatsby den seinigen hingestellt oder gekauft. Er sieht das grüne Licht vom Buchananbau. Es ist der Sehnsuchtspunkt für Gatsby, in dessen Kleidern Leonardo di Caprio steckt. Die Geste, die diese Sehnsucht anfangs und Ende des Films am Pier vor seinem Palast ausdrücken soll, die wirkt allerdings schlicht überdeutlich langsam statt irgendwie geheimnisvoll.
Auch Gatsbys Selbstdarstellungen, seine Erzählung aus seiner Vergangenheit, sind nicht geeignet, ihm Geheimnis einzupflanzen, dass er aus ärmlichsten Landarbeiterverhältnissen stamme – und der Film entblödet sich nicht, auch das noch zu illustrieren -, dann Gatsbys fabulierte, fantastische Kriegsvergangenheit im ersten Weltkrieg in Deutschland und dass er sogar mit dem Kaiser Wilhelm verwandt sein will.
Die Story reduziert sich letztlich auf eine simple Rivalitätsgeschichte, Dreiecksgeschichte, die weiter nicht von Belang scheint, wie es Dutzende, ja wohl Hunderte oder gar Tausende gibt und wie sie sicher schon subtiler und raffinierter und nicht so staatstheaterlich altmodisch, mit filmstudiohaft künstlich ausgeleuchteten Stars gezeigt worden ist und wie sie mit einem modernen Kino, was dem Heute-Menschen unter die Haut gehen könnte, nicht viel zu tun hat.
Gerade auch Glasscheiben, zum Beispiel in offenen Luxuswägen, führen dank der 3D-Brille immer wieder zu irritierenden Effekten, die dem Reiz oder Verständnis der Geschichte keineswegs hilfreich sind, die lediglich die Augen mit zusätzlichen Anstrengungen belasten. Stars fast wie aus dem Wachsfigurenkabinett und aus einer anderen Zeit, das wird durch 3D noch stärker hervorgehoben.
Nick, Tobey Maguire, hat den dankbarsten Part, der natürlichste, der die Geheimnisse von so vielen Leuten anvertraut bekommt.
Ein Hollywood-Schinken mit modernster Technik, der glaubt, der im Roman so scharf beobachteten und analysierten Abwesenheit von Metaphysik mit simplem Verzicht auf Metaphysik Genüge getan zu haben; vermutlich ein teurer Irrtum. Oder vielleicht der Versuch, die Kunst jahrmarktgängig zu machen.
Diese Abwesenheit der Metaphysik, vor allem jedoch die Abwesenheit eines Hinweises auf diese Abwesenheit, Abwesenheit also qua Nichtvorhandensein statt qua Abwesenheitsmeldung zeitigt die schwerwiegende Folge, dass die Wiedersehensszene zwischen Gatsby und Daisy, die Nick in seinem schnuckeligen Häuschen arrangiert, sich aus der Not der doppelten Abwesenheit der Metaphysik mit metaphysikfreiem Kindertheater und Kicherkino behelfen muss und Nick eher als einen plumpen Kuppler denn einen sensiblen Beobachter aussehen lässt.
Ein sonderbarer Schnitt, wie Gatsby aus Wut eine kleine Schirmlampe zu Boden schleudert, erst greift er sie, dann fällt sie mitten aus der Luft weiter.
Diese Leere an Inhalt, dieses Überaugenmerk auf den Augenschmaus führt gezwungenermaßen dazu, da ja keine psychologische Figurführung angestrebt war, sondern Ausleuchten der Stars, und wenns passt mit viel Glycerin für langhaltende Tränen, müssen emotionale Auseinandersetzungen auch immer einen Tick zu laut, zu theatralisch sein. Aber Gott sieht alles. Er wird sich auch mit so einer Schmonzette abfinden können. Denn die Vielfalt nicht nur an menschlichen Wesen, auch an möglichen Kinofilmen ist unendlich, auch wenn ein heutiger Film nur wie eine nach einer längst vergangenen Kinozeit lechzende Replik erscheinen mag.