Da hatte ich doch glatt nach Verlassen des Kinos kurzfristig die Pin-Nummer für meine Bankkarte vergessen, so hat mich dieser weltallphilosophische Film von Peter Mettler, der mit Alexandra Gill auch das Buch geschrieben hat, rausgerissen aus meinem Alltag.
Dabei ist die Präsentation der Fakten und Vorgänge und Beobachtungen vom Werden und Vergehen, von Zerfall und Umwälzung und die Fragen nach Raum und Zeit überhaupt nicht auf sensationell getrimmt, eher mit diesem typisch schweizerischen Understatement vorgetragen. Wobei es sich doch um aufregende Dinge handelt.
Es gibt eine Erzählerstimme und auch Stimmen von Interviewpartnern, die werden aber gar nicht als Individuen personifiziert. Was ist schon der Name? Was ist schon ein Name? Diese Frage wird gleich eingangs gestellt. Dabei ist alles nicht neu und der Film folgt nicht einmal einem stringent narrativen Muster, was für einen Dokumentarfilm von Vorteil sein kann. Eher orientiert er sich an der Art illustrierter Zeitungen mit Themenschwerpunkt.
Wobei der Film am Schluss zu einem Finale Experimentale Furioso anhebt, in dem die ganzen Strukturen, Konvulsionen, Eruptionen sich zu einem großartigen Bildorchester vereinen. Bevor wir die Mutter des Autors erleben, wie sie uns auf die alltagsmenschliche Ebene zurückholt mit der Definition von Glück, wie sie in einem Buch von Dostojewski zu finden ist: Glück sei Zeitlosigkeit, Glück brauche keine Zeit.
Die Philosopheme, die Philsophiererei, die wissenschaftlichen Populärgrunderkenntnisse im Film, die kennt jeder, der schon mal in einer lauschigen Sommernacht in der freien Natur fern einer Stadt unter dem Sternenhimmel gelegen hat. Dabei ist von Gott hier nicht die Rede. Die Grundgröße ist der Raum und die Zeit und die Relation der beiden mit ausdrücklichem Bezug auf Einstein.
Die kleine Reise zu den Zeitstationen fängt in 30 Kilometern über der Erde an. 1960 ließ sich Joe Kittinger in einem Heißluftballon auf diese Höhe über der Erdoberfläche transportieren um anschließend hinunterzuspringen. Da ihm Vergleichsgegenstände fehlten, konnte er gar nicht sagen, ob er das Gefühl hatte, schnell zu sein. Die Zeit stand still.
Es stellt sich die Frage nach dem Beginn der Zeit. In der Nähe der Frage nach dem Urknall anzusiedeln. Nach diesem forschen Wissenschaftler in Genf beim CERN (die technische Ausstattung dort, die Apparaturen, die Rohre und Gänge sind eine Sci-Fi-Bild-Strukturwelt für sich), indem sie im größten Teilchenbeschleuniger der Welt, einem über 20 Kilometer langen Tunnel, durch den die bekanntest kleinsten Teilchen zum Zusammenprall gebracht werden sollen, nach Hinweisen auf die allerkleinsten kleinsten Teilchen suchen. Hier löst sich alles in Struktur auf.
Zwischen die Besuchsstationen schneidet Mettler Wolkengebilde im Zeitraffer, in Zeitlupe, Blitze, Regen, Regenbogen, kontemplative Bilder steter Veränderung, begabte Bild-Spielereien, Versuche, sich dem Unvorstellbaren zu nähern, der Zeit, dem, was jenseits der Physis sein mag. Wie nehmen wir Zeit wahr? Wie Veränderungen im Zeitraffer, in der Zeitlupe?
Um dem näher zu kommen, besucht der Filmemacher einen Zivilisationsflüchtling, der allein auf einer Vulkaninsel lebt. Für ihn kann sich die Zeit sowohl ziehen als auch sehr schnell ablaufen. Kaum los kommt hier unser Filmemacher von ganz langsam ins Tal sich quälenden, glühenden Lava-Asche-Strömen, wie sie noch die letzten Pflanzen unter sich begraben, ein Faszinosum sondergleichen.
Ein anderer Ort der Zerfalls ist Detroit. Straßenzüge leerstehender Häuser oder nur in einzelnen noch menschliches Leben (und das mitten in unserer prosperierenden Wohlstandsgesellschaft; da wo Ford einst die Arbeiter Autos vom Fließband bauen ließ, war später ein Prunk-Kino, heute bildet die leere Hülle des Hauses einen überdachten Parkplatz). Ein Eisverkäufer samt Wagen mit sorgloser Musik dreht in den halbverfallenen Straßen seine Runden.
Die Buddhisten würden die Zeit am liebsten negieren. Das erfahren wir in einem Buddha-Tempel, denn es gibt keine Zeit an sich. Wir wohnen einem buddhistischen Begräbnis bei, wie der Leichnam auf einem Scheiterhaufen in der freien Natur verbrannt wird.
Mit Teleskopen kann der Mensch in ferne, vergangen Galaxien schauen, wenn er von bloßem Auge zwei Milliarden zurück sehen kann, so sind es mit den Teleskopen ein mehrfaches davon. Faszinierend ein Zeitraffer über eine ganze Nacht, wie der Sternenhimmel mit Kometenschweifen sich über den Teleskopen dreht.
Aufregende Glutbilder auch von der Sonne, der die Wissenschaftler noch 6 Milliarden Jahre bis zu ihrem Tod geben. Das Schlusswort spricht am 9. Mai 2010 die Mutter des Filmemachers in Canada, denn sie spricht Englisch, betont aber, dass sie Ausländerin sei. Wohl der letzte Drehtag dieser kanadisch-schweizerischen Koproduktion. Ein festes, klares Datum. Es muss der Muttertag gewesen sein. Womit der Übergang zu einem Film zum Thema Mutter Erde vielleicht gegeben wäre, nach diesen doch primär abstrakten Erläuterungen zu wunderbar eruptiven, konvulsiven, das Gedeihen und Verderben, den Kreislauf des Seins illustrierenden Bildern.