Stoker – die Unschuld endet

Die Hauptfigur ist India Stoker, gespielt von Mia Wasikowska. Sie wird als eine junge Frau vorgestellt, die hochsensibel ist, hypersensibel. Sie sieht Dinge, die andere nicht sehen. Sie hört Dinge, die andere nicht spüren. Sie durchschaut Familie als einen Ort tödlicher Liebe. So kann das vielleicht interpretiert werden, falls dieser Film ein Halbwachtraum von India ist.

Ein einfühlsamer Bewusstseinsstrom, den uns Chan-wook Park hier höchst künstlerisch nach einem Buch von Wentworth Miller und Erin Cresida Wilson angerichtet hat. Es mischen sich Vergangenheit und Gegenwart der Familie Stoker. Nicole Kidman ist die Mutter Evelyn Stoker. Der Vater Richard, der ist ums Leben gekommen bei einem furchtbaren Unfall.

Vielleicht sind es Trauerfantasien, Traueralpträume, die der Film uns schildert, ein Film, der auch innehalten kann, der zurückblättern kann zu einer vorhergehenden Szene. Der in den Briefen blättert, die der Bruder des Vaters, Charles, seiner Nichte India geschrieben hat, wie sie noch klein war und er in aller Welt unterwegs.

Charles taucht auf bei der Beerdigung seines Bruders. Und bleibt vorerst in der vornehmen Villa. Die Stokers scheinen gut betucht zu sein. Personal ist vorhanden. Frau Stoker wäre selbst unfähig im Haushalt mit anzupacken. Ihre Augen richten sich jetzt auf Charles. Das tun aber auch die Augen von India. Sie ist versonnen, in sich gekehrt. Sie kann sich vieles vorstellen, was in dieser Familie alles passieren könnte, passiert sein könnte.

Die Chefin des Hauspersonals, Mrs. McGarrick ist plötzlich verschwunden. Genau so wie die Tante aus England, Gwendolyn. Sie wollte sich unbedingt allein mit Evelyn unterhalten. Aber das war nicht leicht. Sie ist in einem Motel abgestiegen. Ließ sich mit der Taxe dorthin chauffieren. Fuhr aber in ein anderes Hotel. Unregelmäßigkeiten in den Aussagen der Menschen.

Dann wieder Erinnerungen. An den Vater. Mit dem ging India gerne auf die Jagd. Er stopfte alle von ihr geschossenen Tiere aus. Vor allem Federvieh. Pistolen spielen mit. Eine blaue Wasserpistole. Und eine schwarze, schwere, echte. Aus Schubladen oder aus mit gelben Bändern verpackten Schuhschachteln kommen Gegenstände. Jedes Jahr ein neues Paar Turnschuhe. Morbidität wird zelebriert. Schwer dahinter zu kommen.

Wer sind die Blooms? Piano spielen. Ein Metronom kann auch nerven. Die Zeit laut bemerkbar machen. Klavierspielen vierhändig mit dem Onkel. Ein Film im Schwebezustand. Der immer wieder in Vergangenheit oder Vorstellungen abdriftet. Die Highschool von Middlebend hat Jungs, die in die Vorstellungswelt von India Eingang finden. Anmache und Selbstverteidigung. Die Liebe wollen und nicht wollen. Hin und her gerissen. Blutige Enden in der Fantasie.

Der Gürtel des Vaters dringt immer wieder ein in diese Fantasiewelt. Sein Bruder trägt genau so einen. Was Gürtel allein für Bilder der Angst auslösen können. Und immer wieder. India geht normalerweise nicht zum Pöbel. Nicht zur neongrell erleuchteten Bar „Rockets“, wo die jungen Männer mit ihren Motorrädern sich aufhalten. Aber dort ist Whip anzutreffen, ein Mann, vor dem sie vielleicht nicht so viel Angst haben muss. Schöne Ausrede, wie India alles hinter sich lassen will, mit dem Jaguar-Cabriolet viel zu schnell über die Landstraße braust und der Sheriff sie anhält. Sie entschuldigt die Geschwindigkeitsübertretung mit den Musikbegriffen vivace affectuoso. Hier gibt der Film sich selbst sein Etikett. In diesem Film jedenfalls können weiße Blumen nicht weiß bleiben, wenn drumherum Blut spritzt; aber auch rote Blumen sind doch filmschön.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert