Starlet

Das Starlet ist hier nicht der Star, es ist ein Hund, eine mexikanische Hündin mit einem männlichen Vornamen, weil Jane noch bevor sie ihn gekauft hat, sich diesen Namen ausgedacht hat, und das erzählt schon sehr viel über diese eine der beiden Protagonistinnen in diesem Film.

Jane wird gespielt von Dree Hemingway, eine Urenkelin des berühmten Ernest, aber das ist eher ein zusätzliches Flair, was diesem Film verliehen wird, der überhaupt durch den internationalen Mix an Namen in Crew und Besetzungsliste für ein vibrierendes lautmalerisches Gedicht herhalten könnte: Sean Baker und Chris Bergoch als Autoren, Sean Baker als Regisseur; Besedka Johnson – sie ist vielleicht die wahre Entdeckung in diesem Film, Tochter eines Stummfilmstars, die davon geträumt hat, Schauspielerin zu werden, und jetzt mit 86 Jahren ihren Traum erfüllt und die nicht ein Fältchen im Gesicht wegretouchiert hat, das gibt ihrer Figur soviel Wahrhaftigkeit, James Ransone als Mikey, weitere Namen, die als solche musikalische Aura verbreiten, die sich einfach gut anhören: Asa Akira, Dean Andre, Dave Bean, Liz Beebe, Manuel Ferrara, Cesar Garcia, Tess Hunt, Kurt Leitner, Michael Adrenne O’Hagan, Eliezer Ortiz, Nick Santoro, Josh Sussman, Victoria Tate, Karren Karagulian, Amin Joseph und beim Stab und der Produktion: Blake Ashman, Giancarlo Canavesio, Kevin Chinoy, Julie Cumming, Patrick Cunningham, Spaemi Kim, Saerom Kim, Chris Maybach, Francesca Silvestry, Radium Cheung; also diese Klanghaftigkeit der Namen auch das ist nur ein periphere Sphärenerscheinung, die ganz gut passt zu diesem merkwürdig pastell gehaltenen Bildwerk, in welchem sogar Stromautobahnen poetisch wirken, fast beschützend.

Dieser kinematographische Zauber, der auch von der vollen Hingabe der Macher, des Teams und der Darsteller an den Film erzählt, umhüllt eine Story, die merkwürdig gespreitzt oder auf den ersten Blick simpel erscheint. Jane ist ein Pornosternchen, was nicht besonders gut im Geschäft ist; Geld ist immer ein Problem. Sie kann bei einer Kollegin und deren Macker wohnen. Sie möchte aber das leere Zimmer, das auch für Drehs verwendet wird, persönlich einrichten, vielleicht bei Ikea. Ihre Kollegin findet das sei zu teuer, sie solle sich auf Flohmärkten umschauen.

Jane folgt ohne Umstände oder Einwände dem Rat, angenehm unkompliziert; keine Bedenken, keine Widerrede; das erzählt viel über sie – und auch über Mikey und Melissa– dass eigentlich egal ist, was sie machen, welche Story sie uns vorspielen; es ist immer so, als täten sie es bloss für ein Fotoshooting; fast blasiert, obwohl das wieder zu negativ sich anhört; einfach immer schön, ganz abgesehen von der durchgehend sexy Bekleidung, die sehr knapp sein kann, wie Hot-Pants nur knapp sein können. Schönheit als Selbstzweck zelebriert und gelebt; es gibt keinen Pragmatismus, keine Gewinnmaximierung, keine Zwänge will es scheinen. Man ist. Man ist schön. Man ist fotogen. Man freut sich auf das nächste Shooting.

Sicher, es gibt Auseinandersetzungen, sogar einen Rauswurf, weil Melissa die Zwanglosigkeit zu sehr praktiziert und nicht erscheint zu einem Termin.

Dee Hemingway kommt von einer Karriere als Fotomodel; was ihren Bewegungsabläufen bestechende bis provokante Faszination verleiht. Ein Hingucker.

Auf ihrer Flohmarkttour ersteht sie eine alte Thermoskanne. Sie hält sie für eine Urne und will sie als Vase benutzen – vielleicht schon ein Hinweis auf die ungewöhnlich ruhig-berauschende Friedhofsszene am Schluss; die alte Dame, die diese Kanne anbietet, ist Sadie und äußerst kurz angebunden in ihren Antworten.

Zuhause nimmt die Geschichte eine Wendung, die konträr zu bisher konsequent blasierten Atmosphäre ist. Jane findet in der Thermoskanne 10’000 Dollar in alten Scheinen und zu Rollen gerollt. Hier bricht jetzt, irgendwie aber auch nicht kochend, eher fast theoretisch, der Gewissenskonflikt in ihr aus, ob sie das Geld zurückbringen soll oder nicht. Gebrauchen könnte sie es. Ein langmütiger Konflikt.

Erst fährt sie wieder zu der Dame, denn sie hatte ihren Krempel vor ihrem Haus zum Verkauf angeboten, und will die Kanne zurückgeben. Sie bekommt durch die geschlossene Tür nur zu hören, dass nichts zurückgenommen werde. Ihr Gewissen gibt aber keine Ruhe. Jetzt wartet sie vor dem Haus in ihrem Auto. Wie die Dame mit einer Taxe wegfährt, nimmt Jane die Verfolgung auf. Schickt den Fahrer, der vor einem Geschäft auf sie wartet weg, bezahlt ihn aus. Und bietet der ratlosen Dame an, sie nach Hause zu fahren. Es ist faktisch ein Stalken, was Jane zu praktizieren anfängt, was wiederum in merkwürdigem Kontrast zu ihrem nonchalanten Bewegungsablauf und der entsprechenden Weltbefindlichkeit sich verhält; was darum auch so schräg, so überraschend wirkt.

Jane folgt Sadie in einen Bingoladen. Die Hartnäckigkeit fruchtet allmählich, anders wäre es nicht zu erwarten, die Annäherung nimmt ihren Lauf bis Jane Sadie sogar den früheren Traum einer Reise nach Paris erfüllen will. Die Bilder erzählen von einem nachlässig-gepflegten Lifestyle, style blaisé, ein gebrochener Fingernagel kann wahre Panik auslösen.

Ein Film in verhaltenem Beige; Farbgebung so, dass aus dem realistischen Bild fast mehr ein Dekor wird so mild und unprätentiös, unaufdringlich elegant wie eine exklusive Seidentapete; wir wollen unsere Geschichte nicht zu laut erzählen; auch ohne diesen oft zu sehenden, nervenden amerikanischen-nervösen, hysterischen Schauspielerhabitus.; eine Aquarellmalerei mit Erdfarben drin.

Hotpants und beinlange Strümpfe mit unifarbenen Kringeln im Oberschenkelbereich.

Ein Besuch in einen vor Jahren schon geschlossenen Zoo, wo Sadie ihren Mann das erste Mal geküsst hat, ein Einschlag von Morbidität in die Geschichte von malerischem Zerfall.
Die Porno-Messe eXXXotica in Downtown L.A.
Die Story ist eine kleine, hm, nicht mal eine Diebstahlgeschichte.
Die Models als schlanke Stuten.
Die Soundspur kongenial zur Bild- und Storyspur.
Im größten, lasziven Getue findet sich noch ein Hauch Menschlichkeit, das ist vielleicht die Botschaft. Aber nicht auf das Auge gedrückt, sondern eher beiläufig zu entdecken.

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