Schimpansen

Dieser Tier- und Naturfilm ist ein doppelter Glücksfall, einmal durch das Sujet, Schimpansen im tropischen Urwald von Tansanien in den Fokus zu setzen, also die Tiere, die dem Menschen am nächsten stehen und somit so etwas wie einen Blick in eine eigene, menschliche Urvergangenheit ermöglichen (somit sind auch die anthropozentrischen Texte nicht allzu weit her geholt) und zum andern ein Glücksfall für die Disney-Studios, die dank dem Material, was die Filmer lieferten, eine rührende Geschichte ganz in ihrem Sinne zusammenschneiden konnten.

Die Filmemacher Alastair Fothergill und Mark Linfield haben sich eine Großfamilie von etwa 35 Schimpansen vorgenommen. Im Abspann gibt es Hinweise auf die Dreharbeiten, was man schon gerne wissen möchte; den stundenlangen Anmarsch mit dem ganzen Equipment durch dichtesten Dschungel; die Nähe zu den Tieren, die sich offenbar an den Filmemachern wenig stören oder auch, wie diese mit Pfeil und Bogen ein Seil spannen, an dem die Kamera fahren kann.

In dieser Gruppe ist gerade ein Junge zur Welt gekommen. Die Filmemacher nennen ihn Oscar. Den Stammchef nennen sie Freddy. Er dürfte in etwa 50 Jahre alt sein.

Die Filmemacher profitieren vom Wissen von Prof. Christophe Boesch, dem Direktor des Max-Planck-Institutes in Leipzig, der seit 33 Jahren sich mit diesen Schimpansen befasst. Insofern ist der Film auch eine Einführung in die Schimpansenkunde. Mit einer richtig schönen Geschichte geschmückt. Von Oscar, der zuerst bei seiner Mutter aufwächst und dann Halbwaise wird.

Nun sind die Nahrungsmittel im Stammesgebiet des Freddy-Clans nicht allzu reich gesät. Beim Nachbarstamm von Scar, einem extrem bulligen Schimpansenchef, ist der Nahrungsmangel allerdings noch deutlicher ausgeprägt. Deswegen versucht der Clan von Scar immer wieder in das Gebiet des Clans von Freddy einzudringen. Hier gibt es Feigen und Honig und Nussbäume und auch Wasser, das in malerischen Wasserfällen den Dschungel aufbricht. Der Mangel an Nahrungsmittel setzt einen Kampf der beiden Clans in Gang. Das ist der Thriller an der Geschichte. Der Kampf der beiden Gruppen um die Ressourcen.

Scar und Konsorten dringen in das Gebiet von Freddy eindringen. Es kommt zu Kämpfen um Leben und Tod. Dabei verliert Oscar seine Mutter. Lange Zeit will ihn im Stamm niemand annehmen. Die anderen Mütter haben selber Kinder zu versorgen. Oscar kann sich noch nicht richtig ernähren. Denn dazu sind teilweise ausgefeilte Techniken, wie das Knacken von Nüssen mit Steinen nötig, die zu erlernen ein Schimpanse Jahre braucht. Erst mit 20 Jahren wird er richtig groß sein und alle diese Dinge beherrschen.

Oscar versucht Anschluss zu erhalten. Er wird überall abgewiesen und auch die Spielkameraden übernehmen das Verhalten ihrer Eltern. Bis er sich schließlich dem Clanchef Freddy nähert. Das wird wirklich eine total anrührende Hollywood-Geschichte, wie Freddy Oscar adoptiert und in ihm, dem Macho, mütterliche Instinkte bis zum Lausen und Herausgeben von Vorgekautem und den Jungen auf dem Rücken tragen, erwachen. Vielleicht ist es sogar das, was ihn so stark macht, die Gegner im entscheidenden Moment in die Flucht zu schlagen. Denn wegen der Adoption und dem Kümmern um den Kleinen hat Freddy seinen Stamm und vor allem das Bewachen der Grenzen vernachlässigt. Dadurch sind die Gegner immer dreister geworden, bis sie einen tollkühnen Angriff auf das Innerste des Gebietes von Freddys Clan wagten.

Faszinierend überhaupt die Urwaldwelt, die kameratechnisch nicht dankbar ist, weil es wenig Licht gibt im Urwald. Im Schnelldurchlauf werden Pilze gezeigt wie sie wachsen, Glühpflanzen, Pilzverpuffungen nach Regentropfeneinschlag, ein sensationelles Gewitter, ein Ameisenstaat. Zum Verschnaufen als Bindeglied zwischen den doch sehr kurzen Szenen fliegt die Kamera immer wieder in aller Ruhe über das Blättermeer. Das entspannt das Auge und den Sinn. Jazzige Musik trägt das ihre bei zu diesem sicher einmaligen Kino-Urwald-Erlebnis.

2 Gedanken zu „Schimpansen“

  1. Wie ich gelesen habe, stimmt an diesem Film die Story überhaupt nicht. Sie ist am Schneidetisch zusammengebastelt worden. Siehe Kölner Stadtanzeiger, TERMINE Beilage vom 9./10. Mai. Komische Sache. Was will man damit erreichen? Für mich ist das wirklich glattgebügelter Hollywood Kitsch. Stimmt, ich habe den Film nicht gesehen. Brauche ich auch nicht, aber das ist ein anderes Thema.

  2. Sicher, Anna, Disney hat aus dem Originalmaterial eine rührende Geschichte zusammengeschnitten. Kitschig würde ich sie auf gar keinen Fall nennen. Sicher ließe sich diskutieren, ob die jetzt die tragische Variante, dass Oscar nicht überlebt hat, hätten zeigen sollen. Dagegen sollte man abwägen, was dieser bedrohten Tierart mehr Aufmerksamkeit verschafft. Und wie Bewusstsein für ihre Bedrohtheit geschaffen werden kann. Was wiederum für Schutzmaßnahmen hilfreich sein könnte. In diesem Falle würde ich fast argumentieren, entweder ist Disney und den Schimpansen geholfen. Oder mit einem unattraktiven Film keinem von beiden. Aber vielleicht wäre die tragische Variante sogar die gewesen, die mehr Aufmerksamkeit geschafft hätte. Dann hätte Disney mit der vorliegenden Variante sowohl sich selbst als auch den Schimpansen ein Ei gelegt. – Im übrigen ist es natürlich leicht, über Filme zu schimpfen, die man gar nicht gesehen hat.

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