The International Criminal Court

Die Idee zu dieser eindrücklichen Dokumentation über den Internationalen Gerichtshof in Den Haag stammt laut Presseheft vom Protagonisten selber, von Luis Moreno Ocampo, der während der Dokumentationszeit Chefankläger dieses noch jungen und ersten Internationalen Gerichtshofes ist, der Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen ahndet.

Ocampo lernte den Filmemacher Marcus Vetter bei einer Vorführung seiner Filmes „Herz von Jenin“ kennen und machte den Vorschlag, um diesen wichtigen Gerichtshof auch über einen Film bekannt zu machen und Vertrauen zu dieser Institution aufzubauen. Beides dürfte Marcus Vetter und Michele Gentile gelungen sein.

Gerade dank der Leitfigur Ocampo bekommt dieses Gericht ein klares Gesicht. Ocampo, ein schwerer Mann, humorvoll, engagiert, mit buschigen Augenbrauen wie Musiker sie gerne haben; er hat eine entfernte Ähnlichkeit mit dem italienischen Komiker Toto; im Auto ständig mit dem Handy telefonierend oder mitten während eines Vortrages vor Gericht ein ganzes Glas Wasser in Ruhe austrinkend.

Ocampo hatte Vetters Bedingung für die Zusage, dass dieser sehr viel Freiheit fürs Drehen bräuchte, akzeptiert; nur wenige Szenen seien aus Gründen des Schutzes von Personen für den Schnitt nicht mehr in Frage gekommen. Der Zuschauer bekommt so die seltene Gelegenheit, intime Einblicke in die Abläufe bei diesem Gerichtshof, der gerade von Großmächten wie den USA, Russland, China, aber auch Israel noch nicht anerkannt wird, zu erhalten.

Zu sehen ist, wie Plädoyers vorbereitet werden, wie das Problem Palästina nicht leicht zu behandeln ist; denn der Gerichtshof kann nur für Staaten aktiv werden, die ihn anerkennen; Palästina hat nicht einmal den Status eines Staates. Das wird sich im Laufe der Dreharbeiten insofern ändern, als die UN Palästina endlich den Status eines Beobachters zuerkennt und somit Palästina demnächst Verbrechen der Israelis vor den Internationalen Gerichtshof bringen kann.

Das Ziel des Gerichtshofes ist es, nicht Waffen, sondern Argumente sprechen zu lassen, zu verhandeln. Ziel ist es, dass der Gerichtshof für Potentaten und Rechtsbrecher an staatlichen Positionen zu einem Alptraum wird, so Ocampo. Ziel ist es, das Gewissen der Welt zu wecken.

Ausgangspunkt für Vetter und Gentile ist Palästina und seine Hoffnung, vor dem Internationalen Gerichtshof Gerechtigkeit erfahren zu können. Das zog sich aber hin. Dazwischen kam die Anklage gegen Thomas Lubanga Dyilo aus dem Kongo. Der Chefankläger hat sich aus pragmatischen Gründen entschieden, die Anklage auf das Thema Kindersoldaten unter 15 zu beschränken, die Lubanga in den Krieg eingezogen haben soll. Aus diesem Prozess sind viele Ausschnitte zu sehen, durchaus auch solche, die die Klägerseite als nicht investigativ genug darstellen.

Es war aber der erste Prozess, der an diesem Gerichtshof zu einem Urteil geführt hat und insofern von eminenter Wichtigkeit. Bei diesem trat, ein geschickter PR-Schachzug Ocampos, Ben Ferencz auf, der schon bei den Nürnberger Prozessen sich einen Namen gemacht hat. Damit war der Bogen von den Nürnberger Prozessen zu einer sich in Bildung befindlichen Weltjustiz in Den Haag historisch gespannt.

Ein weiterer Promi-Faktor bildet Angelina Joli. Sie hat selbst einen Film über den Jugoslawien-Krieg gedreht und ist seither von der Wichtigkeit des Internationalen Gerichtshofes überzeugt und betont dies auch öffentlich, leiht ihm ihre Prominenz.

Während der Dreharbeiten ereignete sich der Aufstand in Libyen. Ocampo reiste mit einem Team nach Tripolis, um abzuklären, wie weit der Internationale Gerichtshof gegen Gaddafi und weitere ermitteln kann. Sicher für viele Zuschauer spannend, einmal in einer VIP-Wagenkolonne mit Polizeibegleitung voraus unterwegs zu sein, auch zu sehen, wie die Fahrer offenbar nicht wissen, wohin sie den Konvoi bringen sollen. Groteskes Bild für internationale Aktivitäten.

Ocampo kommt einem ein bisschen vor wie ein Spieler; das Gesetz gibt die Spielregeln vor; und es macht ihm Spaß, Brecher dieser Regeln vor Gericht zu bringen. Er kämpft nicht für irgend eine idealistische Vorstellung von Gerechtigkeit; er fühlt sich auch nicht für die Weltgerechtigkeit zuständig; er kann nur innerhalb der Regeln seines Gerichtshofes agieren; und allenfalls Leuten, wie den Palästinensern Tipps geben, wie sie sich auch unter den Schutz dieses Regelwerkes, das das Recht des Menschen auf ein würdiges Leben und ohne Krieg in den Mittelpunkt stellt, begeben können.

Wohldosiert mixen Vetter und Gentile immer wieder Archivaufnahmen von Kriegsgreueln dazwischen, so den Gegensatz, aber auch die Verbindung von Gerichtshof und Krieg überzeugend darstellend. So viel Betrachtung von Dokumenten, wie das Aktenstudium eben nötig macht, wie eine Erklärung dieses Gerichtshofes sinnvoll macht; der ja nicht in irgend einem Niemandsland agiert; der sehr genau in die Koordinaten der Völker, die ihm beigetreten sind, eingefügt ist. Der Vorwurf, dass überwiegend gegen afrikanische Potentaten ermittelt werde, lasse sich insofern entkräften, als eben besonders viele afrikanische Staaten dem Internationalen Gerichtshof beigetreten seien. In Den Haag leben die Mitarbeiter diese Gerichtshofes übrigens in recht bescheidenen Verhältnissen.

Kino als erhellender, spannender Beitrag zu einem hochaktuellen Thema.

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