Der Tag wird kommen

Mit „Mammuth“ ist Gustave Kerven und Benoît Delépine ein cinéastischer Hit gelungen. Mit „Le Grand Soir“ (was den Abend vor der Revolution bedeutet) zu Deutsch als „Der Tag wird kommen“, scheinen die beiden Autoren und Regisseure in doppeltem Sinne beweisen zu wollen, dass ein Hit sie nicht dazu verleitet, auf dieser Schiene nur um des Erfolges willen weiterzumachen. Einmal scheint ihnen Geschäftliches generell verdächtig, zumindest soweit es sein Geldinteresse nackt zeigt und in keiner Weise mehr kaschiert, wie es in der Art peripherer Einkaufscentern geschieht, von denen sie eines als Hauptlocation für diesen Film ausersehen haben, aber auch künstlerisch versuchen die beiden gar nicht erst geldschielenderweise an ihren Erfolg mit „Mammuth“ anknüpfen zu wollen.

War „Mammuth“ vom Narrativen her noch eine wunderschöne Story, so hängen hier die beiden Protagonisten, es ist Benoît Poelvoorde als Benoît Bonzini, alias NOT und Albert Dupontel als Jean-Pierre Bonzini, alias DEAD vornehmlich in der Art einer belebenden Performance in und um das Einkaufscenter herum rum. Wobei Albert anfangs noch einen Job als Möbelverkäufer hat. Aber den begreift er nicht so recht karrieristisch. Wie ein Wutausbruch von ihm im Geschäft von der Überwachungskamera gefilmt wird, Matratzenspringen und Schreien und einen Kündigungszettel schreiben, so haben die Bosse eine günstige Gelegenheit, den ambitionslosen, laschen Verkäufer loszuwerden. Sein Bruder Benoît gibt den Punk, der vorm Center die Leute gekonnt um Nahrungsmittel anhaut. Beispielsweise hockt er sich blitzschnell in ein von einer Kundin per Fernbedienung geöffneten PKW und verlässt den Sitz erst, nachdem er zumindest einen Jogurth ertrotz hat. Im Abhauen greift er sich zusätzlich noch etwas aus dem reich gefüllten Einkaufswagen.

Die Eltern der beiden Brüder betreiben eine Pataterie, ein Lokal mit Kartoffelgerichten. Aber wie beide Söhne auf der Straße leben, NOT gibt seinem Bruder detailgenau Anweisungen, wie das geht, wie man auch zu gehen hat, nämlich nicht bucklig, sondern fest und locker und die Füße richtig mit Bodenkontakt, wollen die Eltern nichts mehr von ihnen wissen. Diese beiden skurrilen Figuren schließen sich in ihr Lokal ein. Ohne Bleibe schnappen sich die beiden Brüder einen Gabelstapler und verwandeln den Film für einige Zeit in ein Road-Movie. NOT sitzt mit seinem kleinen Hund, ein wichtiges Accessoire fürs Betteln, vorne in der Schaufel, DEAD (NOT hat seinem Bruder inzwischen das Wort DEAD auf die Stirn tätowiert und ihm einen Irokesenschnitt verpasst) steuert das Vehikel.

Die Aktionen, die die beiden Brüder starten, scheinen vor allem dazu angetan, Leerstellen im Einkaufsödland, auf der Straße oder in Siedlungen zu beleben. Aber keinesfalls mit dem Knalligen und dem Anpeilen von Umsatz und Erfolg der Geschäftswelt konkurrieren zu wollen. Aber auch nicht einer öden Arbeit nachgehen zu wollen. Einfach zu leben. Sie, die Ziellosen erkennen, dass der gerade Weg zum Ziel führt, worauf sie stracks gradeaus laufen, durch Vorgärten, Salons, Küchen und über Zäune.

Zwischendrin sieht man sie immer wieder bei Konzert-Auftritten. Sie werden von den Händen der Zuschauer durch den Saal befördert wie auf einem Fließband.

Einmal studieren sie eine Hochglanzzeitschrift: alle, die es zu was gebracht haben, sind Söhne, Töchter, Enkel, Nichten oder Neffen von jemand, der es zu was gebracht hat. Nepotismus aller Orten. Düstere Perspektiven für den Nachwuchs von Inhabern eines Kartoffelrestaurants. Hier wird übrigens ab und an Kartoffelschälen, Mutter mit giftgrün geschminkten Fingernägeln, zelebriert, Vater schafft es sogar, die ganze Kartoffel wegzuschälen.

Es läuft nichts korrekt ab, was die beiden tun. Wie DEAD, der noch nicht DEAD ist, mit seinem Bewerbungsunterlagen unterwegs ist, fallen sie ihm in eine Wasserlache. Die durchweichten Papiere sind wenig Empfehlung für einen Job.

Es gibt philosophische Einschübe, Wortspiele erinnernd an Beckett, ca va, ca va aller, ca va plus du tout. Oder an anderer Stelle wird über das Einfache und das Komplizierte reflektiert.

Bevor DEAD DEAD wird, versucht er sogar einen Selbstverbrennungsversuch im Einkaufszentrum. Die Geräusche im Überwachungsraum, die die Beobachter hinter den Monitoren machen, erzählen ganz spezielle Geschichten, denn der Zuschauer sieht nur die Monitore.

NOT zu DEAD beim Tätowieren: ich befreie dich vom Joch der Arbeit.

Aber auch diese Figuren haben Träume, ich bin ein Schmetterling, meint NOT, wie er sich unter einem Wasserfall einer die Milch- oder Weinwirtschaft ehren sollenden Skulpturengruppe auf einem der berühmten französischen Kreisel nackt duscht. Der Song wird zum Abspann noch ganz eigen von einer aufregenden Frauenstimme interpretiert.

Dieser Film bringt eine Fülle, ein Sammelsurium an unangepassten von Langmut dem Karrierismus gegenüber geprägten Szenen in eine ätzende Welt, so wie die Eltern der beiden Punkts das empfinden, die aber ohne die ätzenden zwei Söhne noch ätzender wäre. Eine Art Entschleunigungsmeditation von Nichtshabenden, die sich nicht rauswerfen lassen wollen, die sich aber auch nicht integrieren lassen wollen in das gewinnorientierte Geschäftsleben; ja sie planen sogar eine große Revolutionstat und machen Mundpropaganda dafür und wollen auch Facebook einsetzen; aber stelle dir vor, es ist Revolution und keiner geht hin. Sie wollen Chaos ins Einkaufszentrum bringen. Sie wollen dazu gehören, sie wollen leben. Das formulieren sie am Ende sogar hollywoodlike. Sie wollen wahrgenommen werden von einer mit sich und ihrem Gewinnstreben beschäftigten Welt ohne in dieser kopflos mitzutun. Sie sind prototypische Punks und damit entsprechend subversiv. Sie sind definitiv weder Aussteiger noch Ökofreaks noch radikal- ideologische Weltveränderer. Sie sind letztlich eigenbrötlerisch-eigensinnige Moviemakers.

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