Ein letzter Sommer (DVD)

Der letzte Sommer von Siv Monopoli, einem rüstigen Greis und Pater familias, dessen Frau bereits dement ist. Trotz Diagnose Bauchspeicheldrüsenkrebes (Pancras) garantiert kein Tumorfilm, sondern ein beschwingter Film, erfrischend wie ein leichter Sommerregen, über eine bürgerlich-amerikanische Ostküsten-Familie, die überhaupt nicht im Lot ist.

Die Familie wird als einigermaßen beziehungsunfähig präsentiert. Nur der Alte findet, er sei glücklich gewesen, ihn hat sein Glück interessiert, seine Firma, die ihm einen gehobenen Lebensstandard erlaubte, das erzählt das großzügige Haus, das er mit seiner Frau in Connecticut bewohnt.

Seine beiden Söhne sind Benny und Carmine. Carmine ist Bürgermeister hier in Madison. Er und sein Bruder Benny sind seit Jahren verkracht. Benny ist geschieden. Er hat Rosita um sich, eine vor allem geile Lateinamerikanerin. Die auch den an den Familiensitz zurückkehrenden Sohn von Benny und Anna, Josh, anmacht.

Später wird auch Joshs Bruder Seth aus Kalifornien anreisen. Er wiederum hat kaum Kontakt zu Opa, seiner Mutter und seinem Bruder. Er betrachtet das Leben an der Ostküste als heillos veraltet, altmodisch.

Bald wird klar, dass Opa Bauchspeicheldrüsenkrebs hat. Das wird der Anlass dafür, dass die Familie sich am Familiensitz sammelt, dass es zu vielen Gesprächen zwischen Familienmitgliedern kommt, die sich sonst nicht unbedingt unterhalten. Dass natürlich auch die Frage der Erbschaft, wer das Geschäft von Opa weiterführt, aufkommt. Und der sich benachteiligt fühlende Benny, der bei aller Todes- und Erbschaftsthematik noch ein Blind-Date mit einer Internetbekanntschaft anleiert, versucht in einem Vier-Augen-Gespräch mit dem Vater eigennützig Änderungen im Testament vorzunehmen. Eigentlich eine böse Tat.

Das Grandiose an diesem Film ist, dass er seine Leichtigkeit wohl daraus bezieht, dass er vom Genre her sich der Methode einer Sitcom bedient, wonach auch die Besetzung ausgewählt scheint, wie erfrischend er über den Bildschirm, hm, fegt ist ein zu heftiges Wort, tröpfelt ist ein zu müdes Wort, plätschert zu energielos, vielleicht munter sprudelt, oder präziser: leicht zu ernten ist wie reife Früchte von einem Baum, denn so ein Baum ist das Titelbild auf der DVD, dessen Originaltitel „Harvest“, also Ernte, heißt. Geleistet hat das Mc Meyers, der sowohl Buch als auch Regie zu verantworten hat. Er zaubert diese Familiengeschichte unaufdringlich, ohne Verwendung von Klischees, ohne jeden Zeigefinger auf die Leinwand; keiner ist richtig böse, aber auch keiner richtig brav, es muss nicht zu einem zähnefletschenden Count-Down kommen; denn auch keiner ist perfekt in dieser Familie mit dem wunderschönen Stammbaum, auf den immer wieder Tafeln mit neuen Namen angenagelt werden.

Auch der Opa wird überhaupt nicht überzeichnet, obwohl er mit großer Lust kurz vor dem Ableben noch eine Fahrradtour in sein Städtchen Madison, ein Rückschau seines Lebens unternimmt, so dass Josh glaubt, ein Gespenst zu sehen. Josh macht gerade ein Päuschen mit einem Kumpel beim Anstreicherjob, zu dem ihm seine Mutter geraten hatte.

Es wird ein fröhlicher Abschied von Opa. Die Familie sieht das auf sich zu kommen. Sie nimmt es gefasst auf. Ist aber trotzdem nicht unbetroffen. Opa wollte kurz vorher noch mit allen ein Glas Wein trinken. Und Josh erfüllt ihm den letzten Wunsch, indem er für die Oma vor dem Haus ein herrliches Feuerwerk wie für den Unabhängigkeitstag veranstaltet.

Einen leichteren Film über das Leben und den Tod ist schwer vorstellbar. Zwischendrin ist Tina, die Freundin von Josh aufgetaucht. Indirekt hat sie ihm zu verstehen gegeben, dass sie auf seinen Freund ein Auge geworfen hat. Josh macht das traurig, bestätigt ihn aber darin, dass er, wie seine ganze Familie, nicht beziehungsfähig sei.

Sommerleichte Sommeratmosphäre, hin und wieder, wie ein Stück Würze, eine alte Geschichte angedeutet erzählt von Opa. Vielleicht macht gerade die methodische Nähe zur Sitcom und das Gegensätzliche des dafür viel zu ernsten Themas die Besonderheit dieses Filmes aus, diese ungewöhnlich undramatische Leichtigkeit über ein meist doch als dramatisch empfundenes Ereignis, den Tod eines Menschen, ganz zu schweigen vom Krebs.

Auch Opas Leben war überhaupt nicht vorbildlich oder ideal, über ihn ist zu hören, dass er sein halbes Leben in seiner Wut auf seinen Vater vergeudet habe; das hat er in seinem Rückblick einfach ausgeblendet.

Eine in sich stimmige, runde Angelegenheit ist dieser Film voller Understatement. Vor dem Hintergrund einer gut beobachtenden, den Menschen in seiner Begrenztheit sein lassenden aber ihn mögenden Attitüde. Ein Film um ein dramatisches Ereignis wie den Tod, in dem kein lautes Wort gesprochen, wird, nicht gerangelt, nicht geschlägert, nicht geschossen, nicht getötet wird, keine Autos oder Häuser angezündet, keine Regale aus Wut leer geräumt werden. Dieses Wenige, dieses Reduzierte ist geradezu knallig und explosiv viel.

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