Ein Tumorfilm der etwas anderen, der britischen Art, den uns Paul Andrew Williams als Autor und Regisseur präsentiert. Ein Film über Schönheit, dafür steht der erste Teil, im Hauptpart Vanessa Redgrave als Marion und über Trauerarbeit, dafür ist im zweiten Teil, Terence Stamp als Arthur unter subtil steuernder Mithilfe der Chorleiterin Elisabeth (Gemma Arterton) zuständig. Diese Arbeit ist so erfolgreich, dass sie auf ein Happy End zulaufen kann, derart dass im Kino der Verbrauch an Taschentüchern rasant steigen dürfte, so unübersehbar auf Erfolg und Menschwerdung, dass es selbst dem Autor und Regisseur Williams zu viel wurde und er über die rührselige Widmung, dass der Film eine Hommage an die Familie sei, doch noch einen fetten Abspann-Schnarcher legt. That’s British.
Marion und Arthur sind bestimmt schon 50 Jahre verheiratet. Er ist mürrisch, wortkarg geworden. Aber sie lieben sich. Marion hat Krebs. Sie hat Chemotherapien hinter sich. Sie singt in einem Chor. Deren Leiterin Elisabeth will mit dem Chor am 8. Internationalen Shadow-Song Chorfestival teilnehmen und versucht die Senioren mit Heavy Metal auf eine peppige Schiene zu setzen. Der Chor ist auch für Elisabeth eine wichtige Angelegenheit.
Aber der Krebs meldet sich zurück, so heftig, dass die Ärztin „Pommes und Eiskrem“ empfiehlt. Heilmittel gibt es keine mehr. Es nur noch ruhig und genießerisch angehen zu lassen und zuhause dem Ende entgegensehen. Umso wichtiger wird der Chor für Marion. Arthur bringt sie im Rollstuhl hin. Der Chor meistert dank ihr das Casting zum Festival. Aber mit Elisabeth geht es bergab. Sie stirbt. Das ist der erste Teil. Der wird dominiert von Vanessa Redgrave mit einer das Publikum umfangenden Herzlichkeit und einer Schönheit in Gesicht und Ausdruck, wie kein Schönheitschirurg das zustande bringen kann.
Terence Stamp ist hier eher in sich gekehrt. Auch sein Verhältnis zu seinem Sohn ist nicht gerade das beste. Vielleicht noch zur Enkelin. Durch die Beerdigung hat er nun ein Problem. Das Alleinsein ist nicht leicht. Aber dem Sohn gegenüber ist er immer noch abweisend. Es zieht Arthur trotzdem zum Chor hin. Schließlich macht er mit. Es ist der Gedanke an Marion, der ihn dazu bringt. Und er traut sich sogar selbst ein Lied zu singen. Die Erkenntnis, dass es eigentlich egal sei, wenn man ausgelacht werde, wird für ihn zur Motivation, beim Konzert sich das Singen zu trauen.
Inzwischen hat Arthur einen Schritt auf seinen Sohn zu gemacht. Es ist dieser britische Realismus der Machart, die unprätentiös die Menschen und ihre Verhältnisse zu einander, ihre Handlungen in den Mittelpunkt stellt, auch kameratechnisch wird in solchen Momenten der Hintergrund und die Ausstattung vollkommen unwichtig. Dadurch plautzt dieses Leben so unmittelbar von der Leinwand in den Zuschauerraum runter, vermag zu fesseln und zu begeistern – und wie hier auch zu rühren.
Es sind keine Klischeefiguren, die da vorgeführt werden. Auch der Humor fehlt nicht. Außerdem geht es um Inklusion, um das Modewort hier etwas anders einzusetzen, der verschiedenen Generationen. Die zwei Buben, die vor der „Smith Hall“, dem Gemeindesaal Fußball spielen und mit einem Ohr hellwach werden, wenn die Alten im Saal das Recht auf Sex per Heavy-Metal-Songtext artikulieren, oder der Teen, der mit seiner Gitarre beim Probesingen spontan von der Chorleiterin zur Begleitung engagiert wird.
Die Chorleiterin selber ist eine deutliche Generation jünger als ihre Sänger. Sie macht es freiwillig und ohne Bezahlung. Dann das gestörte Verhältnis zwischen Vater und Sohn. Die Enkelin. Der Opa besucht sie einmal während der Pause in der Schule. Reicht ihr über den Zaun eine Süßigkeit. Sofort wird er von der Pausenaufsicht angemacht (Kindesverführer?).
Wie die Kamera sowieso ganz subtil nur agiert. Den Backsteinbau, in dem Marion und Arthur wohnen immer kurz direkt frontal aufgenommen. Und nur hin und wieder ruhige Fahrten oder Schwenks und wirklich nur, wenn die Handlung das nötig macht.
Ein positiver Film, der dem Glauben an das Gute im Menschen Nahrung bietet, aber nie bierernst, nie mit religiösem Eifer, sondern mit englischem Understatement und Humor. Das Schema der Dramaturgie könnte einen vollkommen rührseligen Kitsch vermuten lassen, aber Regie und Rhythmus und so leicht hingeblätterte Szenenfolgen, Szenen, die nie in sich hängen bleiben, machen daraus einen eingängigen, trotz schwerem Thema gut erträglichen Film, der direkt auf das Rühr- und Gefühlszentrum des Zuschauers zielt (und auch trifft).