Rubinrot

Absicht oder Unvermögen, das ist hier die Frage. Gehen wir von Absicht aus, da es sich um ein hochgefördertes, also öffentliches Projekt handelt, so ist anzunehmen, dass was die Filmemacher Felix Fuchssteiner und Katharina Schöde hier bieten, alles bewusst gesetzt ist.

Bewusst: ein Zielpublikumsfilm für noch nicht recht sozialisierte, leicht zum Kichern zu bringende Gören mit konfusen Träumen von der großen Liebe, innerlich voller Eruptionen der Umwandlung. So konfus und geschüttelt und formlos und görig wie deren Träume soll auch dieser Film sein. Und so wie die Zielpublikumsgören keinen Benimm, keine Formen, keinen Pli haben, so sollen auch Darsteller besetzt werden, die keine Formen, keinen Pli, keinen Umgang mit Gesten haben, und die auch nicht richtig fechten und kämpfen können. Eine Hymne an den Dilettantismus. Es soll alles keck und locker zu und her gehen. Wir müssen weder das Steife des Englischen noch seinen Humor, noch seine gekonnten Umgangsformen beherrschen. Wir bringen das als unreifes Schülertheater rüber. Zielpublikumsgemäß die verhuschte, schnelle, flüchtige Art der Inszenierung. Man bleibt nirgendwo lange. Und das ist nicht dem Fernsehen als Zweitauswertung geschuldet. Noch die Unfähigkeit zur Figur.

Absicht: kein Kino für Cineasten. Die würden schaudern, falls sie den Film überhaupt anschauen täten. Allein die fette Musiktunke, die meist was anderes erzählt, als was szenisch gerade passiert. Die Welt soll widersprüchlich sein, wie sie es für den Teen ist.

Der Plot: Eine erste Liebesgeschichte. Die von Gwendolyn und Gideon. Sehr früh im Film begegnen sich die beiden. Der Blick ist unzweideutig und lang genug und klar inszeniert. Bis die Liebenden dann zueinander finden, vergehen zwei Stunden mit unendlich vielen Zeitsprüngen. Das kann man durchaus symbolisch sehen: dass der aufwachsende Mensch, dass in ihm die ganzen Vergangenheiten seiner Vorfahren sich aufrühren, dass er auf der Suche ist und vieles kennen lernen muss, auch wenn das im Film selber nicht so begründet wird. Da gibt es eine Geheimloge. Die erwählt Gwendolyn als Rubin (der in einer übergeordneten Geschichte eine Art Missing Link darstellt). Die Loge hatte sich aber geirrt und Charlette zum Rubin – ein Symbol wohl für Auserwähltheit – ausgebildet. Gwendolyn war somit nicht vorbereitet auf diese anderen, historischen Zeiten, konnte weder in Kostüm gehen, noch französisch sprechen, alles, was wir auch als kinematographische Absicht dieses Filmes interpretieren.

Das Ganze spielt in England und in verschiedenen Jahrhunderten; das ist nicht ohne Reiz, immer wieder die Aufnahmen aus dem modernen London zu sehen zwischen mittelalterlichen Ritualen, Verfolgungsjagden, Blutabnahmen und dem Chronographen, der die Zeitreisen ermöglicht.

Der Cineast hingegen möchte ein ums andere Mal ausrufen, gibt’s denn keine besseren Schauspieler in Deutschland, das sieht ja aus wie armseliges Schülertheater, wie Laientheater. Sind wir hier im Billig- und Schnell-Schnell-TV gelandet? So ordinäres Kino. Kino ohne Magie, ohne Zauber, ohne Charme, ohne Humor. Die dünne und fadenscheinig erzählte Story in einem schier unerträglich dickflüssigen Sound ertränkt. Ganz unsensibel. Und selten gesehen so einen konsequenten Fehlcast. Ja geradezu ein Besetzungs-GAU. Die spielen nicht miteinander, sagen ihre Text so daher; haben alle nichts miteinander zu tun. Als Absicht interpretiert: die Menschheit ist kalt, jeder nur für sich, ohne Charme.

Die Mutter, Frau Ferres (ihr Gesicht haben wir irgendwie schöner und natürlicher in Erinnerung), jetzt spricht sie so, als ziehe sie dabei den Mund zusammen, um nur einen gepressten, schmalen Ton ausstoßen zu müssen – egal welche Deutung das verlangt. Jedenfalls reicht es nicht aus, um plausibel eine Engländerin zu indizieren. War wohl Absicht, wir sind ja nicht pinkelig.

Axel Milberg hat den kurzfristig auswendig gelernten Satz als Opa wie ein Sprecher im Tonstudio mit Arm und Hand diesen gestisch formend begleitet; was natürlich rubbish ist, wenn Figur gefordert würde, resp. ein Indiz dafür, dass nicht genügend Figurstudium betrieben worden ist; sollte bei der vermuteten Gage aber drin liegen; falls es nicht nur ums Kassieren ging. Und falls dieser Duktus Absicht war, was soll damit behauptet, erzählt werden? Immerhin spricht er gut und angenehm; wenn alle gecasteten Schauspieler wenigstens annähernd ein ähnliches sprecherisches Niveau hätten, dann bräuchte man sich wenigstens nicht die Ohren vor Schmerzen zuhalten bei diesem Sprecherverhau. Milberg behandelt seine Partner wie ein Mikro auf einem Ständer.

Gottfried John kann einem nur leid tun, wie er ab und an in eine Szene gestellt wurde und dann warten muss bis das erlösende „cut“ kommt. Da haben sie einen so tollen Schauspieler und machen nichts draus. Wie kann man Gottfried John nur mit so einer langweiligen Rolle betrauen, wie ahnungslos. Falls Absicht: wir leben in verschwenderischem Luxus und können uns das leisten.

Die junge Gwendolyn, die hat wenigstens im Rokoko-Kostüm Momente der Erotik, der Größe. Aber leider keinen ihr ebenbürtigen Partner. Dieser bellt seine Texte wie auf einer schlechten Schauspielschule; in einer Szene imitiert sie ihn sogar und damit wird die Lächerlichkeit dieser für eine so große Rolle weit unterentwickelten Sprechkunst offenbar.

Katharina Thalbach ist als englische Tante eine Figur wie aus einem hölzernen Kindertheater: komisch sein, damit gelacht wird; der Sache nicht weiter dienlich.

Ein Indiz für Unvermögen der Macher, dass doch mehrfach die Fernsehfrage gestellt wird, was denn hier los sei, was wer hier mache.

Ein Satz aus dem Text zum Schluss: ich habe mir das mit den Zeitreisen lustiger vorgestellt.

George, der mit der schwarzrandigen Brille, der ist noch eine plausible Figur, erinnert etwas an Le Corbusier; hat im Vergleich zu den meisten anderen ein Mindestmaß an Personality und spielt weder Schmieren-, noch Schüler-, noch Schauspielschüler-, noch Kindertheater. Weiß auch wohin mit den Händen (das muss man in diesem Film wirklich betonen).

Weiterer Satz aus dem Film, der zum Film passt: Was in Gottes Namen machen Sie denn hier?

Ein schöner Effekt, vor allem beim Mädchen, wenn es den Zeitsprung macht und nachher wie bei einem misslungenen Fallschirmabsprung in der Zielzeit auf dem Boden hinplatscht; schönes Symbol für den erwachsenden Menschen, der nicht weiß wie und wo ihm ist.

2 Gedanken zu „Rubinrot“

  1. Liest man diesen Kommentar, vermag man zu denken, dass der Schreiber bezahlt wurde, um diesen zu schreiben. Unkreative Wiederholung zeugt wohlmöglich von schlechterer Qualität wie der hier verrissene Film.
    Man darf nicht vergessen, an welches Publikum der Film gerichtet ist.
    Für die Zielgruppe (Verfilmung eines Jugendbuches) darf man das erwarten, was man geliefert bekommt. Welcher Jugendliche schert sich um das, was der Cineast sehen will?
    Reinsteigerndes Schlechtreden wirkt so, als hätte man in keiner Sparte des Lebens wirklich etwas zu melden.

  2. Vielen Dank, anonym, für Ihr Feedback.
    Meine Frage an Sie, von wem glauben Sie denn, dass ich bezahlt worden sein sollte?
    Es handelt sich bei meiner Auseinandersetzung mit diesem Film allerdings nicht um ein „reinsteigerndes Schlechtreden“, wie Sie behaupten, da haben sie schlicht die positiven Bemerkungen überlesen. Auch scheint Ihnen nicht aufgefallen zu sein, dass meine Argumentation, warum ich vermute, dass es sich die Filmemacher so leicht gemacht haben, just auf der Zielpublikumsthese aufbaut.

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