Immer Ärger mit 40

Dieser Film umfängt den Zuschauer mit überbordender Erzähllust aus der Familienkiste, schielt allerdings mit einem ziemlichen Hau in Richtung sexueller Derbheit stark auf die billige Seite des Erfolges. Das hätte er gar nicht nötig.

Paul Rudd, Leslie Mann und ihre beiden Töchter Maude und Iris Apatow, die auch die Töchter des Autors, Regisseurs und Producers Judd Apatow sind, spielen uns mit schnörkelloser Geradheit und gänzlich unmaniriert und mit kaum Kunstpausen ein turbulentes Familienleben vor, das ständig mit dem Rande jenes Abgrundes spielt, um den die Eltern angesichts ihrer 40. Geburtstage bange kreisen.

Krisen allerorten. Aber man hat einen gepflegten Umgang miteinander. Das Wichtigste, man ist nie böse oder bösartig, nie verbissen ernst. Im Klamotten-Laden von Debbie, der Mutter, löst sich viel Geld in Luft auf; die Angestellten sind nicht das Non-Plus-Ultra. Die eine der Angestellten benutzt das Geschäft lieber für fette Fickereien. Das Plattenlabel von Pete, Paul Rudd, darbt. Die Musik die er produziert, nun ja, die wurzelt tief im letzten Jahrhundert. Außerdem muss er dem Vater ständig Geld zuschießen, der es sich mit einer Rasselbande von drei künstlich gezeugten Buben gut gehen lässt. Ich komme aus dem Reagenzglas, lässt der Kleinste verlauten.

Um die vierzig und mit dem Pubertieren der Kinder, hier zwei halbwüchsige Töchter, die eine hat gerade ihre erste Periode gehabt, kommen die meisten Ehen bezüglich ihres eigenen Sexlebens gerne auch ins Schlingern. Pete gesteht seiner Frau, dass er Viagra nehme. Sie fühlt sich beleidigt dadurch.

Ein Kessel Buntes an Pubertäts-, Ehe, und Familienproblemen läuft in gutem Spieltempo vor uns ab. Viagra, Turbopenis, Fahrradfahren, Untersuchungen beim Gynäkologen und beim Urologen, Scrabble auf dem Clo, die Brotbox, Pfefferminzbonbons als Ausrede, eine brutale Beinschere, Thema gesunde Ernährung (Tofu ist wirklich lecker), I-Pad, I-Pod und I-Fotze, Rauchen, Potcakes, Flugzeuge überm Eigenheim (alle 8 Minuten beim Papa), Thunfisch mit Kerosinbeilage, Töten mit Turbohäcksler, die Möpse der Angestellten, Quality Time mit dem Schwiegervater, Justin-Bieber-Perücke, Facebook-Chat, biologischer Vater sind so einige der Begriffe und Themen, die uns amüsant in unterhaltsamer Mischung von der Leinwand herunter entgegenpurzeln.

Im Hintergrund an einer Wandtafel der Schule ist die Frage zu lesen: will climate change harm us? Weisheiten wie die einer Neunzigjährigen: ich war 40, habe einmal geblinzelt und dann war ich 90. Die Judenkarte wird ausgespielt, und dass sie ausgespielt wird, wird wiederum thematisiert. Das wirkt inzwischen fucking abgegriffen. Anderer Joke: ich würde gerne mal so ein richtig gutes Gicht-Fuß-Foto sehen. Oder die Weisheit, dass Menschen zwischen 40 und 60 am glücklichsten seien.

Es gibt eine ausgiebige Diskussion über die Verbesserung der Beziehung unter den Ehepartnern. Einen Streit um Fernsehserien. Der Zahnarzt fragt die Patientin, ob sie eine Knirscherin sei. Dr. Pellegrino stellt bei der Mutter ein Fibrom fest, das aber verschwunden ist, kurze Pause: Schwangerschaft. So war es in den 70ern, erst Koks, dann Sex, dann Abtreibung. Die kleinere der Schwester schnappt den Begriff „Pornos“ auf, fragt, was das sei; der Vater korrigiert auf „Stornos“.

Eine beschwingte Familienkomödie vorgetragen mit amerikanischer Kreditkartennonchalence. Und erstaunlich erträglich, lebendig und passend auf deutsch nachsynchronisiert: in der Regie von Nana Spier fühlen sich perfekt in die Rollen hinein Norman Matt, Bianca Krahl, Bodo Wolf, Luise Heim, Kristina Tietz, Emily Seubert, Frank-Otto-Schenk.

Einmal ist es bei einem Frühstück der Kernfamilie ganz still. Irgendwie sind alle fertig. Da macht die Kleine eine Bemerkung, was das sei. Vater antwortet: Sound of Silence. Davon hätte dieser Film durchaus mehr ertragen können. Ein bisschen scheint, dass die Macher zu sehr Angst vor der Stille, vor der Lücke haben. Statt dessen flüchten sie sich in einen zwar hochprofessionellen Aktionismus von versuchtem Pointendauerfeuer, was längst nicht immer zündet. Die große Kunst allerdings wäre, bei einem so überbordenden Material die richtigen Kürzungen vorzunehmen, sich vielleicht doch auf eine Kernproblematik zu konzentrieren. Weniger hätte dabei deutlich mehr werden können in dieser sympathisch überschwänglichen Produktion.

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