Take This Waltz

Die entzückend natürliche Michelle Williams ist hier als Margot die Frau zwischen zwei Männern; resp. die Frau, die immer Liebe möchte, frische lebendige Liebe, und wenn ein Mann das nicht mehr bieten kann, wenn er wie ihr Ehegatte Lou, dargestellt von Seth Rogen, einem Kochbuchautor, der gerade an Hühnergerichten arbeitet, vollkommen zufrieden ist mit seinen Töpfen, seinen Hühnern, zum Beispiel „Huhn Cacciatore“ und seinen Rezepten, dann kann sie sehr, sehr anfällig werden für andere Kontakte, obwohl sie sich anfänglich ihres Unglückes gar nicht recht bewusst ist, sich sogar für glücklich hält.

Denn vieles funktioniert noch in dieser Ehe. Im Bett kuscheln sie dicht aneinander und erklären sich, wie sehr sie sich lieben, so sehr, dass er ihr die Milz gerne rausreißen würde, oder sie aus seinem Hirn Brei machen würde oder „ich will Dich zu Tode prügeln und Dich als Leim verkaufen“ oder auch der „Langzeitwitz“ mit der Dusche und dem kalten Wasser.

Ein bisschen scheint Margot aber auch unersättlich zu sein, immer wenn Lou kocht, schmiegt sie sich von hinten an ihn. Erinnert an das Verhalten von Kleinkindern, die anderweitig beschäftigten Eltern immer in die Quere kommen, wie aus Eifersucht.

Alle diese gefühligen, sehnsüchtigen Sachen filmt unsere Regisseurin Sarah Polley, die auch das Drehbuch geschrieben hat, hocherotisch. Erotik als eine Sache des Kopfes begriffen, denn damit fängt es an. Das dürfte mit der dafür ideal besetzten Michelle Williams die Hauptattraktion dieses Filmes sein.

Allerdings kann keine Liebe jeden Tag frisch sein, sie braucht wohl das Unbekannte, das Abenteuer, das zu zeigen scheint jedenfalls die Absicht unserer Filmemacherin zu sein. Denn Wiederholungen bringen Routine. Und die stellt sich auch im Film realistisch ein. Allerdings noch nicht während des ersten Verhältnisses. Sondern erst spät, wenn Margot die Männer gewechselt hat. Diese Routine wird in einer fast theatermäßigen Performance in einem anfänglich leeren Gewölberaum im abgehackten Schnelldurchlauf durchexerziert.

Wie Margot zu ihrem zweiten Verhältnis, das ist der Maler und Rikschaläufer Daniel, kommt und wie sich das entwickelt, das ist die zweite starke Marke an diesem Film.

Margot hat auch einen Beruf. Sie ist Autorin. Schreibt aber nicht das, was sie eigentlich möchte. Wir lernen sie an der historischen Städte Louisbourg kennen. Sie soll dafür und für die dortigen Mittelalterperformances Werbetexte verfassen.

Sie läuft in eine Szene hinein, in der ein Ehebrecher ausgepeitscht werden soll. Und ausgerechnet sie, mit dem Notizblock in der Hand, soll die arme Kreatur nach Kräften auf den Rücken peitschen. Allein wie zaghaft sie anfängt, ist köstlich zweideutig; aber das Publikum johlt, sie solle härter zuschlagen. Dabei gibt es einen kurzen Blickwechsel mit einem jungen Mann. Es ist besagter Daniel.

Die nächste Begegnung mit Daniel findet auf dem Umsteigeflughafen Montreal statt. Margot wird im Rollstuhl zum Einstieg gefahren. Daniel steht in der Warteschlange und kommt im Flugzeug ausgerechnet neben sie zu sitzen. Und nicht nur Daniel, auch der Zuschauer fragt sich, wieso wurde sie im Rollstuhl gefahren, eben haben wir sie doch bei einer längeren Führung durch das Mittelalter putzmunter auf zwei Beinen erlebt und auch nicht andeutungsweise unsicher oder gar Halt suchend. Die Auflösung diese Rätsels spannt die nächsten zarten Fäden zwischen ihr und Daniel, ist frappant und charakterisiert Margot als diffiziles Geschöpf.

Zuhause angekommen teilen sich die beiden eine Taxe, weil sie in der gleichen Gegend wohnen. Aber dass Daniel ausgerechnet ihr Nachbar schräg gegenüber sein würde, damit hätte keiner gerechnet. Was jetzt in Gang kommen wird, das kann sich zwar jeder ausrechnen, aber Sarah Polley macht das so charmant und humorvoll, dass es ein Vergnügen ist und nicht nur wegen der vielen hocherotischen Szenen.

Noch ein netter Hinweis auf den Charakter von Margot: einmal trägt sie ein T-Shirt mit der knalligen Aufschrift: Freeloader, was nach leo.org so viel wie Schmarotzer, Trittbrettfahrer bedeutet.

Im Kino der kleinen Ortschaft am Meer läuft übrigens „Mon Oncle“, eine feine cineastische Referenz, der Film hier eher verstanden als eine Sehnsuchtserklärung denn als eine Tati-Interpretation.

Ein wach-fühliger Film in liebesversponnener Erzählweise, der am liebsten Liebeszustände beobachtet; von einer Frau, aber sicher nicht nur für Frauen.

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