Nachtzug nach Lissabon

Der Titel dieses Filmes, der dem Titel des Bestsellers von Pascal Mercier entspricht, der hier von Bille August nach eine Drehbuch von Greg Latter und Ulrich Hermann verfilmt wurde, verströmt allein als solcher so viel Aura, so viel Flair, verspricht Tiefe und Traumpotential. Es gibt Nomen, die großes Omen verbreiten, selfselling Etikettes. Ein solches ist ein Nachtzug nach Lissabon. Weg aus dem kleinkrämerischen Europa durch die Nacht und am Morgen grüßt einen die Traumstadt Lissabon.

Unser Kinotraumzug geht in Bern in der Schweiz los. Allerdings ist hier nicht der Weg, nicht der Zug das Ziel; die Fahrt spielt nur kurz eine Rolle; sie ist der knappe Weg zu einer langen Recherche in Lissabon nach dem portugiesischen Autor Amadeu Inacio de Almeida Prado, einem Widerständler in der Zeit der Diktatur in den Siebzigern des letzten Jahrhunderts.

Lissabon, diese Stadt mit dem unwiderstehlichen, leisen Flair, ein Bild aus Erzählungen und Schwärmereien von Künstlern, auch von Filmemachern. Schon von sich aus eine Kinobildstadt.

Wenn außerdem Bille August für die Regie zeichnet, wenn ihm ein großes Starensemble (Von A wie August Diehl über B wie Bruno Ganz über J und I wie Jeremy Irons bis M wie Martina Gedeck und R wie Charlotte Rampling) zur Verfügung steht und wenn dazu ein Hansjörg Weißbrich für einen garantiert geschmeidigen, keine Augabschweifungen ermöglichenden Schnitt sorgt, so werden sich die Produzenten aus Deutschland, der Schweiz und Portugal gedacht haben, da kann nichts mehr schief gehen. Das wird ein hundertprozentiger Kulturgenuss für den bürgerlichen Literatur- und Kinobewunderer, der sich am liebsten im Kinosessel wohlig einrichtet. Wenn er als Zuschauer noch auf der guten Seite, auf der moralisch korrekten Seite des Widerstandes und der Befürworter von Freiheit und Recht sich befindet, wenn der Filmemacher wie ein Ministrant den Weihrauchkessel andächtig um das Kulturgut schwingt, dann hat er, so glaubt er, gewonnen.

Jeremy Irons ist ein Lateinlehrer in Bern. Er wird als vertrocknet, vertrottelt, weltfremd, alleinstehend vorgestellt. Auf dem Weg zur Schule muss er eine hohe Aarebrücke überqueren. Dort steht auf dem Geländer dem Fluss zugewandt eine Frau mit einem roten Mantel. So rot, dass selbst der vergeistigte Professor in seinem Alltagstrott dem sinnlichen Signal nicht widerstehen kann. Der Weltfremde mutiert blitzschnell zum geistesgegenwärtigen Lebensretter, zum Selbstmordverhüter.

Er kommt mit der Frau ins Gespräch, nimmt sie mit in seinen Unterricht. Aber sie geht wieder weg. Er ihr nach. Er verliert sie. Ihm bleibt von ihr der rote Mantel und ein portugiesisches Buch, in dem sich eine Fahrkarte für den Nachtzug nach Lissabon befindet. Jetzt gibt es für Raimund Gregorius, so heißt der Professor laut Besetzungsliste im IMDb, kein Zurück mehr. Buch und Frau haben den Vertrottelten elektrisiert.

In Lissabon macht er sich auf Spurensuche nach dem Autor des Buches und begegnet so verschiedenen Zeitgenossen von ihm. Der Film wechselt jetzt zu einer Erzählweise mit Rückblenden, so dass verschiedene Darsteller ein junges Pendant bekommen. Immer wieder sind auch Textstellen des Autors voice-over zu den Bildern eingesprochen, in der deutschen Fassung mit einer tiefen Männerstimme, die vor lauter wohltönendem Bass eher wirkt wie ein feiner Seelenmassagesound denn wie eine inhaltlich fordernde Aussage, die zumindest für den, der weder Autor noch Buch kennt, ein too much an Info nebst Handlung und Bildern bedeuten kann.

Die Inszenierung dieses Startheaters durch Bille August wirkt vielleicht gerade durch den im Untertext doch sehr eindeutig prononcierten Perfektionsanspruch gelegentlich so hochprofessionell und einwandfrei, dass man wähnt in einem sprechenden Wachsfigurenkabinett sich verlaufen zu haben. Ein Vorstellung von großem Kino, die hier geboten wird, die mir doch reichlich démodé vorkommt oder konventionell repertoire- und staatstheaterlich, primär gedacht wohl fürs wohlmögende bürgerliche Literatur- und Theaterpublikum, weniger für den Filmfreak, der Kino immer auch als eine Erforschung der Möglichkeiten von Kino begreift und der einen so gestalteten Nachtzug vielleicht eher unter Kuriosa von 2013 subsumieren würde. Dass es so etwas noch gibt.

Schöne Frage aus dem Film: warum ist die Welt so grausam (ist sie es bei diesem Kinoerlebnis gewiss nicht; Kino, das sich kinoklerikal gibt). Statuentheater, Statuenkino. Die Musik unterstreicht das Bedeutungshafte einer jeden Szene.

Kino, was dem bürgerlichen Publikum schmerzfrei aber subkutan prickelnd ein Feeling von Widerständler einflößen möchte.

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