Die feinen Unterschiede

Hier soll der Zuschauer in-vitro mit einem wie auch immer gearteten Humanismus fertilisiert werden; allerdings ist fraglich, ob das Projekt gelingen kann, zu augenfällig liegen sich hier ein bedingungsloser Message-Wille mit stark defizitärem Kino-Know-How im Clinch.

Das zeitigt eher merkwürdige Blüten, so dass im Titel eher grobe Unterschiede anzuzeigen wären. Dass zum Beispiel, vermutlich aus Angst davor, dass das auffliegen könnte, fast pausenlos geplappert werden muss, ob die Situationen es hergeben oder nicht. Dass die Schauspieler versuchen mit Bühnensprecherintensität und ständig zu laut sich darüber hinweg zu retten, dass ihre Rollen vom Drehbuch her (Drehbuch und Regie: Sylvie Michel) nicht fundiert ergründet, konstruiert und auf mögliche Konflikte hin abgeklopft worden sind. Dass die Kamera von der zweiten Hauptfigur, Bettina Stucky als bulgarischer Putzfrau Jana, als erstes den Gummi-Arbeitshandschuh über einem Büroschrank fotografiert, während ihr Chef, der In-Vitro-Fertilisator-Arzt Arthur, sie anspricht.

Einmal liegt der In-Vitro-Arzt im Bett. Die Kamera hat sich so hingestellt, dass er einerseits direkt zu sehen ist, aber der rechte Arm ist so drapiert, dass man nur die Hand sieht und der Eindruck entsteht, die sei an keinem Arm befestigt und in einem schräggestellten Wandspiegel ist sein Gesicht zu sehen, so als ob daran kein Körper sei.

Die Gesichter sind meist fett überschminkt oder grad gar nicht bei einmaligem Auftritt. Eine Geschichte aus all den Plappertexten zu rekonstruieren fällt schwer.

Der Arzt arbeitet in seiner Praxis so viel, dass er meist verschwitzt und nach fettigem Haar aussieht, unansehnlich für seinen Job.

Er hat Patientenpaare und Patientinnen, einen Chef, eine Sekretärin, er geht als Experte in eine Fernsehsendung und er hat einen halbwüchsigen Sohn. Die Putzfrau hat eine ebensolche Tochter. Die Putze spricht ein deutlich prononciertes, grammatikalisch grundfalsches Irgend-Balkan-Akkzent-Deutsch (Klischee). Einmal wehrt sie sich, sie sei eine gebildete Frau und sei zuhause Lehrerin gewesen. Aber sie ist schon jahrelang in Berlin und kann immer noch kein besseres Deutsch. Für eine Lehrerin doch verwunderlich.

In einem lautstarken Streit zwischen Putze und Arzt kommt das Thema auf, dass nämlich beider Kinder entgegen dem Verbot zusammen über Nacht weg waren und nicht wieder aufgetaucht sind. Das bringt die ganze Chose noch mehr durcheinander.

Irgendwo in diesen Gefilden soll die so dringlich vorgetragene Message wohl liegen, dass Putzen aus dem Balkan auch gebildete Menschen sein können und dass die Alten nicht vergessen sollen, dass sie auch mal jung waren nebst dem talkshowmässigen Abhandeln des Themas künstliche Befruchtung.

Immerhin hält Bettina Stucky dank ihrer allumfassenden weiblichen Aura die ganzen Figuren irgendwie doch zusammen. Sie kann einem auch leid tun, bei diesem Arzt und in diesem Film gelandet zu sein.

Der Zuschauer wird besprüht mit einem endlosen Guss und in salopper Reihenfolge von Begriffen und Sätzen wie:
Wann ins Bett? Wann musst Du zur Schule? Ciabatta ist auch teuer geworden. Medikamentenrückstände im Leitungswasser. Barbara. Sebastian. In-Vitro. Embryonen. Gebärmutter. Fehlresultate. Ulrike. Pasta. Prosecco. Mutter anrufen. Männer ab 40. Mit dem Bus fahren. Erasmus-Bulgarin. Arthur. Musiker. Economy. Geschieden. Ethnologie. Wohnen. Tel. Nummer. Kuchentyp. Snowboard. Monika. Keine Kleider. Lederkrawatte. Guthaben. Verdien Dir was. Disziplin. Siehst gut aus, auch wenn Du nichts an hast. Wo sind die Mädels. Entschuldigung, zu spät. Freitag wir fahren zusammen. Ich geh mich umziehen. Wer holt wen ab? Ich will, dass Vera geht mit letzte S-Bahn. Reichen Dir 50? Warum machen Sie sich nicht auch ’n schönen Abend? Was ist das: schöne Abend? Machbarkeitswahn. Kontrolle. Traditionsgemäß die Frauen und Mütter. Damals, als ich Vater wurde. Ich habe sie gesagt. Leo. Busfahrer BVG. Ich darf leider nicht. Tagesplan. Prepaid-Karte. Fahr nach Hause, mach Dir keine Sorgen. 3 Eizellen. Restaurant. Die Thalbergs sind meine Patienten. Sehen Sie, das Bett ist nicht geschlafen.

Den Zuschauer pausenlos zuplappern mit Belanglosigkeiten, die so tun, als seien sie der Realität abgeguckt, damit die Realität einer fiktiven, kinoqualifizierten Geschichte begrabend und den Zuschauer außen vor lassend. Deutsches Selbstverhinderungskino. Dies hielten für förderungswürdig: Medienboard Berlin-Brandenburg und der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien.

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