Deutscher Kurzfilmpreis – Kinotournee

„Dicke Mädchen“ von Axel Ranisch, der mit seinen zwei Protagonisten Heiko Pinkowski und Peter Trabner auch das Buch geschrieben hat, zeigt mit diesem „sehr guten“ Film, um den Titel seiner Produktionsfirma zu verwenden, wie ein spannendes, deutsches Kino, befreit von der kinofeindlichen Bevormundung durch Fernsehen und Filmförderung aussehen könnte. Ein Kino, was sich liebevoll für die Menschen interessiert. Ein Kino, was die Menschen beobachtet und Mensch sein lässt, vielleicht nicht ganz so bitterböse beobachtet wie Haneke, aber doch recht unvoreingenommen. Eine demente Mama, ihr bei ihr wohnender Sohn und der Pfleger; diese drei Figuren müssen mit sich und ihren Sehnsüchten auskommen.

Der Animationsfilm „Die Prinzessin, der Prinz und der Drache mit den grünen Augen“ von Jakob Schuh und Bin-Han To erzählt die ganz einfache Geschichte vom Drachen, der seiner Oma eine Prinzessin zum Geburtstag schenken wollte. Aber es kam alles anders, denn leicht kommt es anders als man denkt und plant.

In der Dokumentation „Feiertage“ beobachten Christin Freitag und Hanna Mayser ganz ruhig ein altes Paar, Kurt und Helga, beim Schmücken des Christbaumes, den Tücken mit dem Christbaumständer und der elektrischen Lichterkette aber auch beim Einkaufen, Kurt beim Einheizen mit dem Holzofen, Helga beim Gemüse Raspeln, beim Pakete Einpacken, während Kurt im Fauteuil die Bildzeitung liest. Aber auch Hund Puzzi und Katze Mimi verlangen Aufmerksamkeit, bevor Kinder und Kindeskinder zur Weihnachtsfeier eintreffen. Kurt und Helga wohnen in einem Backsteingehöft irgendwo im Norden Deutschlands. Das ist doch immerhin schon etwas, einfach mal anderen Menschen ruhig zuschauen, sie ihre Dinge tun lassen und keine unnötige Musik drüber.

Micah Magee versucht sich in „Heimkommen“ in einem fiktional-thematisch-moralischen Bildbogen. Wie umgehen mit dem Tod eines Geschwisters, eines Kindes, der vielleicht nicht passiert wäre, wenn der ältere Bruder, statt seine Freundin im Kopfstand zu küssen, die kleinere Schwester abgeholt hätte. Puristisch schön sind die Bilder aus der Eishalle.

Ein abstraktes, explosiv-experimentelles schwarz-weiß Bildgemisch mit Farb- und Figureinsprengseln und einem Themenwirrwarr oder einer Themenvielfalt von der Psychoanalyse über französische Kriegsgefangene auf ihrem Weg zur Arbeit bei der City-Bank über die Siegesfäule, äh -säule bis zum Schweinezyklus bietet Michael Klöfkorn. Der Titel ist Programm: „Ich fahre mit dem Fahrrad in einer halben Stunde an den Rand der Atmosphäre“; das sind nur 14 Kilometer oder animierend animierte 10 Minuten, die im Schnelldurchlauf den Menschen in Beziehung zur Masse, zu den Zahlen, zu Geschichte, Wissenschaft, Politik, Natur und Wirtschaft zu setzen versuchen.

Till Nowak hat in seinem 7-Minüter „The Centrifuge Brain Project“ einen Wissenschaftler aufgetan, der seit 30 Jahren Hirnforschung mittels eigens konstruierter Rummelplatz-Karrussels betreibt: Sherothon Centrifuge, High Altitude Conveyance, The Expander, Dardelion und SPC, Strong Pressure Catapult.

„Crazy Dennis Tiger“ von Jan Soldat versucht ein fiktionales Portrait von Dennis, 15, der vom Wrestling träumt. Seine Charakterisierung: verschlossen, versonnenes, ausdrucksloses Gesicht. Mit dem wird er in einem losen Bilderbogen von Szenen vorgestellt. Beim Schießen mit Luftgewehr auf eine Schnecke auf einer Bahnschiene, beim lockeren Wrestling mit seinem älteren Bruder Philipp, der im Verein ist, auf dem Trampolin. Mit Bruder in Klinik. Mit Philipp und Krankenschein an dessen Arbeitsplatz bei netto. Dennis kann für Philipp einspringen. Dennis beim Sortieren von Leergut. Dennis beim Nachfüllen von Damenstrumpfpackungen. Feindbild Eddi the Raptor, als Dieb im Supermarkt beobachtet? Dennis will im Club mitmachen. Borgt sich Sporttasche von Philipp. Dennis hilft Philipp vom Klo. Dennis als Zuschauer bei einem Kampf von Eddi. Klaut ihm den Gürtel. Oder schießt mit Luftgewehr als Heckenschütze auf Eddis Trinkwasserflasche. Dennis allein klettert über eine Abraumhalde von Ziegelsteinen.

Mit schönem Erzähl-Atem und feiner Schauspielerführung setzt Elmar Imánov seine absurde Geschichte “Die Schaukel des Sargmachers“ in die Weite Aserbaidschans. Der Sargmacher Yagub zimmert in seiner einsam gelegenen Sargmacherei Särge für Russen und Georgier. Seinen erwachsenen, geistig zurückgebliebenen Sohne Musa schlägt er, wenn er einen Sarg fallen lässt. Der Sohn hat blaue Flecken am Rücken. Der Arzt diagnostiziert einen Lungentumor und sagt baldiges Ableben voraus. Der Vater vermisst den Sohn für einen Sarg, bereitet auch die Umrisse des Grabes vor. Der Sohn läuft weg und springt in einen dreckigen Tümpel. Zurückgekehrt wäscht und rasiert der Vater den Sohn, zieht ihm ein weisses Hemd an und lässt für ihn eine Nutte kommen. Plötzlich hat der Vater Schmerzen auf der Lunge. Er will zum Arzt. Aber der alte ist nicht mehr da. Ein jüngerer hat seine Stelle übernommen.

„Erntefaktor Null“ heißt es bei Helena Hufnagel, die sich ein recht kniffliges Problem gestellt hat: Vorstellung einer Investitionsruine, des seit 1978 betriebsbereiten, aber nie in Betrieb gegangenen AKWs in Zwentendorf, Österreich. Statt dokumentaristisch ergiebig erzählbarer Vorgänge bleiben ihr als dokumentaristische Spielwiese nur Kontrollgänge des Anlagenaufpassers und seine Anlagenplauderei, Einmaleinsstunde in der Grundschule, die im Verwaltungsgebäude untergebracht ist, Anfahrt des Schulbusses, eine Radfahrergruppe, Training einer Green-Peace-Einheit, Ausflügler im Wirtshaus nebenan mit Gesangseinlage, Gottesdienst im selben Wirtshaus, ein Eisverkäufer, Eisverteilung und ein Sonnenuntergang.

Mit der Animation „House“ führt uns Ahmad Saleh schmerzhaft, konsequent und kompromisslos eine Enteignung bis zu Vertreibung und Exil drastisch vor Augen. Ein brisantes, hochpolitisches Thema.

Eine Spielerei mit Kamera, Requisiten, Tonspur und der Phantasie der Zuschauer bieten Live Scharbatke und Jörg Rambaum mit „Olgastraße 18“. Eine Kamera sucht eine Wohnung über große Zeiträume ab. Die Bewohner muss sich der Zuschauer selber denken anhand der wechselnden Möbel, Fotos an den Wänden, Schreibmaschinen, Telefonen, Bügeleisen, Geschirr, Teppiche, Betten.

Im Film „Wenn alle da sind“ von Michael Krummenacher fibrieren die Themen Liebe und Tod – teilweise durch einen mystischen Bergwald. Die souveräne mise en scène (nebst dem bemerkenswerten Anteil an Story, Regie und guter Auswahl der Darsteller trägt die Kamera von Kaspar Kaven erheblich dazu bei) erzählt die Geschichte eines Schulausfluges. Ein gutes Dutzend Kinder einer gemischten Klasse in jenem Schulalter, wo Liebe zwar ein spürbar in der Luft liegendes, aber im Moment noch mehr theoretisch abgehandeltes Objekt ist, wollen mit zwei Erwachsenen, der Lehrerin Julie und Frau Krämer eine Bergwanderung unternehmen. Der kleine Schönheitsfehler dabei, Frau Krämer kommt nicht. Vom Betreuungsaspekt besehen heisst das erhöhtes Risiko. Deshalb will Julie die Wanderung zwar machen, aber nur eine verkürzte Variante. Übrigens ist auch Julie privat in Liebesdingen leicht problematisch involviert. Julie geht also voran, der renitente Alexander, der in seiner Entwicklung am weitesten gediehene Junge, als Schlusslicht. Mit ihm wird es später eine Auseinandersetzung geben, weil er gegen das Verbot mit dem Handy telefoniert hat. Das will er sich nicht bieten lassen. Er geht seiner eigenen Wege mit dem Freund Christian, der wie Alexander auch für Andrea schwärmt. Das hat Dramenpotential.

Die Geschichte „Zu Hause“ von Nenad Mikalacki wirkt zwar leicht konstruiert, kommt aber recht plausibel und locker inszeniert rüber und wirft ein Schlaglicht auf das heutige Serbien. Eine ältere Dame aus Deutschland macht eine Donauschifffahrt. Einen Aufenthalt in Belgrad nutzt sie, um ihr Geburtshaus Jahrzehnte nach ihrer Vertreibung wieder zu suchen. Aber in Belgrad ist es nicht leicht, an seriöse Reisebegleiter zu geraten. Jeder will nur Geld verdienen. Sie stößt auf zwei deutschsprechende Roma, die aus Deutschland ausgewiesen worden sind und die sich in Belgrad mit dem Durchwühlen von Abfalltonnen durchs Leben schlagen. Aber wem es beschissen geht, den bestraft das Leben. Doch da sitzt die Dame längst wieder in ihrer feinen Schiffskabine.

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