Vergiss mein nicht

Privater Einblick in eine deutsche Intellektuellen-Familie.

David Sieveking, der hier seine eigene Familie dokumentiert, ist ein Spross aus der Ehe von Gretel Sieveking geb. Margarete Schaumann und Malte Sieveking. Gretel hatte Linguistik studiert und hatte 1965/66 beim NDR eine eigene Sendung „Deutsch für Deutsche mit Margarete Schaumann“. Ihr Mann Malte hatte Mathematik studiert und lehrte an verschiedenen Universitäten. Einige Jahre lebten die beiden in der Schweiz. Von Ehe war noch nicht die Rede. Weil Gretel politisch aktiv war bei der RAZ in Zürich, der Revolutionären Aufbauorganisation Zürich, weil die den Schweizer Behörden suspekt war, sammelten diese minutiös, was immer sie über Gretel und Malte erfahren konnten. David erhielt jetzt für diesen Film erstmals Einblicke ins Archiv.

1966 heirateten Malte und Gretel. Sie wollten eine offene Ehe führen. Gretel hatte schon in Zürich eine Liaison mit Walter Niggli, einem ebenfalls führenden Mitglied der RAZ. Die Affären von Malte waren zahllos. Wegen der Kinder blieb das Verhältnis aber bestehen. Eines davon ist David. Er tritt auch in diesem Film oft mit einem schwarzen Krempenhut auf, auf intellektuell getrimmt mit der schwarzrandigen Brille wie in seinem Vorgänger-Film „David wants to fly“, der eine geschmackvolle Recherche über den fragwürdigen Guru Maharishi war und in dem David auch sein filmisches Idol preisgegeben hat, nämlich sein zu wollen wie David Lynch. Auf der Suche nach ihm ist er der Maharishi-Sekte und ihren Machenschaften auf die Spur gekommen.

Vielleicht wiederholt sich in diesem Lynch-Traum ein Traum seines Vaters. Der sagt an einer Stelle, dass er jetzt, wo er pensioniert sei, sich vor allem der reinen, der schönen Mathematik widmen wolle. Denn die Lehraufträge an den Unis, die waren doch mehr aufs Praktische ausgerichtet. So kommt es mir mit David Sieveking vor. Er träumt zwar davon, wie David Lynch zu sein. Macht aber mit pragmatischer Klarsicht Dokumentarfilme – für die Brötchen vermutlich.

Auch das könnte ihn mit seinem Vater verbinden. Der hofft, obwohl ein Mathematiker seine beste Zeit mit 30 habe, jetzt im Rentenalter mit seiner Beschäftigung mit der reinen Mathematik noch das eine oder andere Tor zu schießen. Ähnlich dürften die Intentionen von David sein. Mit 30 war er zwar noch kein David Lynch. Aber das eine oder andere Tor zu schießen, müsste noch drin liegen. Wobei dieser Film sicher kein schlechter Schuss ist, ob er bereits als ein Tor beurteilt werden kann, da muss vielleicht noch etwas Zeit drüber hinweg streichen.

Jedenfalls scheint die Intellektuellen-Familie Sieveking ein offene Familie zu sein. David hat ihr Einverständnis im Haus der Familie in Homburg zu drehen. Privat zu drehen. Anlass für den Film war die rapide Veränderung in der Person von Gretel durch eine schnell sich entwickelnde Demenz. Was dem Egomanen Malte zu schaffen macht, der auch mit gegen siebzig noch sportlich und jugendlich wirkt, wenn er im Garten Schnee schippt oder Hecken ausdünnt für „verwunschene Durchblicke“.

Der Einblick, den David in seine Familie gibt, ist allerdings mehr als nur verwunschen. Der äußere Anlass ist also die fortschreitende Demenz von Gretel, der Mutter von David. Und da auch er Egomane genug sein dürfte wie sein Vater, dem sein Spielzeug Mathe und ihm der Film doch wichtiger ist als alles andere, irgendwie muss man ja beweisen, dass man Intellektueller ist, so hat David sich entschieden, 3 Monate lange die Mutter zu pflegen und das dokumentarisch auch zu exploiten und zwar ganz ohne Gefühlsduselei.

Trotzdem ist nicht primär ein Demenz-Film herausgekommen. Obwohl die Pflegekraft Valentina aus Litauen nicht fehlt, die sich mit Malte gestritten haben muss, weil sie sagt, Demente sind wie Kinder und entsprechend muss man sie behandeln. Nicht anders hat übrigens David vor allem in den ersten Phasen des Filmes mit seiner Mutter gesprochen, und hat so erst eine unsichtbare Wand, vielleicht aus Selbstschutz, zwischen ihr und ihm aufgebaut.

Herausgekommen ist primär ein Film über eine deutsche Intellektuellen-Familie, die gut situiert lebt mit eigenem Haus und mindestens einem guten Draht zu einem Chalet im Berner Oberland. Die einen angenehmen Lebensstandard hat. Wenn es um ein Altenheim geht, dann schon Kursana premium (ebenso die Mutter von Malte, die 98 ist und nicht reicht weiß, ob man Malte durch die Pflege seiner Frau aufbrauchen darf – ein bemerkenswerter Satz einer greisen Mutter). Über die Wirksamkeit in der Öffentlichkeit, über den Einfluss dieser Familie auf Öffentlichkeit und Gesellschaft erfährt man wenig. Außer dass die Mutter politisch aktiv in der Schweiz war. Und dann als die Familie im Hessischen wohnte, aktiv in einer Frauengruppe war und auch bei den Grünen.

Ich habe mich jedenfalls bei der Familie Sieveking sofort heimisch gefühlt, kam mir nicht als ungebetener Gast vor und hatte das Gefühl, mit den Leuten könnte man sich sicher prima unterhalten, vielleicht gerade, weil ihre Welt auch nicht eine hundertprozentig glatte Welt ist und so wie sie die Dinge dieser Welt sehen und angehen, oder auch darin, was sie nicht interessiert.

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