Der Zweck heiligt die Mittel, das ist die jesuitische Moral dieser amerikanischen Geschichts-Geschichte von Steven Spielberg. Wenn es um die Gleichberechtigung von Schwarzen und Weißen geht, darf die Demokratie sich auch der Korruption bedienen.
Wir schreiben das Jahr 1865; in den USA herrschen Sklaverei und Sezessionskrieg; Präsident ist die Titelfigur des Filmes, Abraham Lincoln. Im Kongress in Washington ist für den 31. Januar die Abstimmung über den 13. Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten angesetzt. Dieser Artikel hat die Abschaffung der Sklaverei zur Folge, ein Meilenstein also in der Entwicklung der amerikanischen Demokratie.
Diese Bedeutung inszeniert Spielberg nun mit jeder gerne auch tiefen Lichtsetzung, mit jeder detailgetreuen Innenausstattung, mit jeder Kostümfalte, mit jeder Perückenfaser seiner Darsteller dunkel-düster-gemäldehaft. Wie frisch renovierte Oelschinken sehen die Bilder aus. Spielberg inszeniert faktisch stehende Gemälde mit Dialog austauschenden Figuren.
Die deutsche Billig-Synchronisation hört sich an wie ein Kratzen mit einem Metallstift auf einer Schiefertafel oder konträr: die einem wie ein Schlafmittel ins Ohr geträufelt wird – und macht einen allfälligen für einen Europäer eh schon schwer zu eruierenden Genuss dieses idealisierend-sentimentalen Werkes, das fernab jeglicher Gegenwart daher musealt, vollends unerträglich.
Das Drehbuch von Tony Kushner, das sich in Teilen auf ein Buch von Doris Kearns Goodwin beruft, hat fleißig herausgearbeitet, welcher Republikaner nun welchen Demokraten, welcher Washington-Politiker welchen Provinz-Politiker wie bearbeitet hat, um zu den erwartungsgemäß knapp bemessenen Ja-Stimmen bei dieser historischen Entscheidung zu gelangen. Lehrer, die ihre Schüler strafen wollen, sollten mit ihnen diesen Film anschauen; so können sie bequem ein wichtiges Kapitel der amerikanischen Geschichte von Herrn Spielberg ausfalten lassen.
Je länger der Film andauerte, desto mehr entstand in meinem Kopf ein Film um den Film herum; das ganze Gewese und heilige Getue am Set des großen Meisters Spielberg. Wie bedeutungsvoll die einzelnen Figuren, jeder einzelne Komparse behandelt wird; wie jedem Schauspieler vor seinem Auftritt genau eingetrichtert wird, was er zu spielen habe, was in ihm vorgehe. Wie alle umsorgt und umhegt werden wie eine Sammlung kostbarer Porzellan-Figuren. Wie aber der Meister wie ein großer Zampano verstaubte Szenerien mit vielen Komparsen und Figuren, die rumstehen und auch die Zitate seiner Schlachtfelder aus anderen Filmen, inszeniert. Wie bei Außenszenen das Film-Dorf-Leben inszeniert wurde. Als ob er selbst Film spielen wolle. (Inzwischen habe ich in einem Interview gelesen, dass der Meister selbst und gegen seine Gewohnheit, bei diesem Dreh Anzug getragen habe. Und er hat auch von der feierlichen Stimmung am Set berichtet).
Zwischendrin eingebaut gehören familiäre Szenen bei Präsidentens mit Sohn und Frau, die auch ihren Einfluss auf die Politik auszuüben versucht und sonst mit Irrenhaus droht. Der erwachsene Sohn, der unbedingt in den Krieg ziehen möchte. Dinge, wie sie einem Familienfilm gut anstehen. Dazu eine Karfreitagskutschenfahrt mit seiner Frau. „Wir müssen versuchen glücklich zu sein; wir waren viel zu lange unglücklich“.
Einen schönen selbstreferenziellen Satz gibt es ganz früh im Film: da geht es darum, aufhören zu können; mit Schreiben; man könnte auch sagen: mit Drehen: aber die Person, von der die Rede ist, ist sogar zu faul zum Aufhören. Darum dauert der Film fast ewige zweieinhalb Stunden.
Spielberg als Kopist alter Meistergemälde in Perfektionismus und außerdem in ehrfürchtiger Andacht vor der Historie, über die er berichtet, erstarrt. Lauter oscarreife Einzelleistungen kunstvoll zu einem rückwärts orientierten Gebilde verflochten. Schöner alter Zopf.