Searching for Sugar Man

Ein Film der von etwas für unsere Karrieristen-Gesellschaft schier Unfassbarem handelt, der unsere Leicht- oder Schwergläubigkeit testet. Stellen Sie sich vor, es gibt einen Künstler von Weltrang, einen Weltstar, den keiner kennt. Und der sich gar nichts daraus macht. Das gibt es doch gar nicht. Denken wir. Das kann ja alles nur Fake sein. Stellen Sie sich vor, in irgend einer vernachlässigten Gegen von Detroit lebt ein Mensch, den man beim ersten Betrachten für einen Penner, für einen Obdachlosen halten könnte – und der ist ein Weltstar – und keiner weiß es.

Mit dieser Ungläubigkeit und ohne jede thetische Behauptung kreist Malik Bendjelloul, der schwedische Filmemacher, sein Thema und seinen unbekannten Weltstar ein; ein Star mit mehr Starpower als die Beatles, Bob Dylan und Elvis Presley, wie ein Produzent meint.

Das gibt’s doch nicht. Das kann nicht sein. Was wir nicht wissen, kann nicht wahr sein. Ein Weltstar, und wir haben nie von ihm gehört. Wir glauben doch immer alles zu wissen und über alles Bescheid zu wissen, alles zu kennen, was wichtig und von Belang ist.

Bendjelloul erschüttert diesen unseren Glauben, indem er genau diese Position des Zuschauers übernimmt und diesen vermuteten Weltstar über mehr als die Hälfte des Filmes ein Phantom bleiben lässt.

Es gibt zwar Lieder von ihm, Songs, alle aus den 70ern. Die begegnen uns schon mal. Und auch Leute, die von ihm gehört hatten oder die „Cold Fact“ kannten, ein Album, was Rodriguez, so heißt nämlich unser Phantom, damals herausgebracht hatte. Und dann hatte er noch eines herausgebracht. Aber beides keine Seller. Dazu ist er gekommen, weil er in Chicago über eine Musikbar andere Musiker und Leute aus der Branche kennen gelernt hatte. Aber wie der Erfolg ausblieb, ernährte er seine Familie, vier Kinder, mit brutalen Jobs im Abrissbusiness.

Dabei ist er immer Künstler durch und durch geblieben ist und noch zu den dreckigsten Jobs im Anzug hingegangen. Es war ihm offenbar gar nicht in den Sinn gekommen, Karriere-Ehrgeiz zu entwickeln. Er scheint auch überhaupt nicht in Depressionen oder Frust verfallen zu sein, weil die Musiker-Karriere nicht hingehauen hat. In aller Bescheidenheit tat er das, was er für nötig hielt. Er bildete sich. Machte mit 40 noch einen Doktor in Philosophie. Seinen Kindern brachte er bei, was die Kultur an Büchern, Bildern, Musik zu bieten hat. Er selbst aber blieb immer in seiner einfachen Chicagoer Behausung wohnen.

Der Clou an der Sache. Während er längst nicht mehr produzierte, muss sein Album „Cold Fact“ nach Südafrika gelangt sein. Dort herrschte noch die Apartheid. Raubkopien breiteten sich aus. Einige Songs, die zu sehr das Thema Freiheit ansprachen, wurden zensiert, im Archiv des Rundfunks teils sogar gründlich auf den Schellack-Platten zerkratzt, damit sie nicht mehr abgespielt werden konnten. Was den Reiz seiner Lieder, die auch mal von Sugar handelten, was als Synonym für Koks gelesen werden kann, nur noch erhöhte. Kurz, sie wurden Kult in Südafrika. Aber kein Mensch wusste was von diesem Rodriguez.

Es zirkulierten Bilder und vor allem Geschichten von seinem Tod in verschiedenen Varianten. Irgendwann im neuen Jahrtausend fing irgendwer an nachzuforschen und ist auf den noch lebenden Rodriguez gestoßen. Es wurden ein paar Konzerte in Südafrika organisiert. Die Originaldokus von damals, die lassen auf eine Menschenmenge schließen, die eine Art Auferstehungserlebnis mit einem totgeglaubten Musiker hatte. Rodriguez hat auch keine Mühe, er hat die Größe, das Kaliber, das Auditorium zu faszinieren als hätte er nie im Leben was anderes getan.

Inzwischen habe er an die 30 Konzerte in Südafrika gegeben. Von neuen Alben ist aber in diesem Film nichts zu hören. Er lebt sein Leben in Detroit weiter als sei nichts geschehen in seinem Haus. Einzig seine Kinder können von dem Geld, was inzwischen wieder fließt, profitieren. Für sich will er offenbar nichts. Er lebt ein engagiertes Leben für seine Mitmenschen. Er ist eine beeindruckende Persönlichkeit. Allein wie er mit den Füßen immer kurz vorsichtig tastend mit Mantel und Hut durch den Schnee von Detroit stapft. Eine Künstlerfigur ohne jeden Hauch von Karrierismus. Ein lebender Anachronismus?

Vielleicht werden sich noch viele Denker und Feuilletonisten mit diesem Menschen befassen. Vielleicht wird sein Ruhm noch ins Unendliche wachsen. Aber vielleicht wird er bald wieder vergessen wie schon einmal. Das ist wohl eine Sache, die ist so schwer vorhersagbar wie sie wenig manipulierbar sein dürfte. Ein Mensch geht seinen Weg. A Wandering Spirit around the City. Zu seinen harten physischen Jobs meint er lediglich, they keep the blood circulating.

Der Film ist mit einem Weihnachtswunder durchaus gleichzusetzen, provoziert in uns das Gefühl, unser Glaube, über die wichtigsten Dinge der Welt Bescheid zu wissen, sei vielleicht doch nicht ganz so perfekt. Und dass Karrierismus bestimmt nicht alles ist.

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