So ganz nebenbei ist das auch ein Film über das filmische Geschichten-Erzählen; das sollten sich also vor allem die deutschen Filmförderer und fördernden Fernsehredaktionen zu Herzen nehmen. Vor allem, was der Autor, der sich von Pi seine Geschichte erzählen lässt, dazu sagt, aber auch die beiden Herren, die Pi vernehmen.

Ang Lee, einer der Großmeister filmischen Erzählens unserer Zeit, hat sich eines Weltbestsellers von Yann Martel angenommen, David Magee hat das Drehbuch verfasst und Ang Lee hat die unglaublichere Variante der Geschichte, denn anders wäre es ja langweilig, so verfilmt, dass man sie für absolut glaubwürdig hält. Das ist eine der elementaren Möglichkeiten des Kinos als eines Spieles mit Bildern, die in unserem Kopf Reaktionen und Gefühle auslösen, unglaubliche Geschichten möglich erscheinen lassen.

Die Geschichte des Inders Pi ist tatsächlich eine unglaubliche Geschichte. Wenn Ange Lee so eine Geschichte in 3D verfilmt, dann ist auch sichergestellt, dass 3D ganz im Sinne der Geschichte und ihrer Glaubwürdigkeit angewendet wird, nie eines billigen Effektes willen.

Mit nonchalanter cinematographischer Leichthändigkeit skizziert uns Lee zuerst, wie Pi überhaupt zu diesem Rufnamen gekommen ist. Dass das Wort Pi eine Abkürzung des Wortes Piscine, also Bassin ist und dass dabei ein traumhaft schönes, altes französisches Bassin in Indien eine Rolle spielt. Pi ist der Sohn eines indischen Zirkusdirektors. In der Schule wird er für seinen Namen zuallererst ausgelacht. Beim Vorstellen in der nächsten Schule ist er auf so eine Reaktion vorbereitet. Jetzt macht er aus dem Defizit ein Positivum, denn Pi kann sich auf Englisch auch wie pee anhören und Anlass zu allerlei derben Verulkungen und Erheiterungen in der Klasse geben. Er hat sich so gut darauf vorbereitet dass er als Höhepunkt seiner Namensverteidigungsrede mehrere Schultafeln mit dem Ausschreiben der griechischen Zahl Pi füllen kann. Vorwärtsverteidigung statt sich auslachen zu lassen. Sicher nicht die schlechteste Charaktereigenschaft, die – zu Recht – eine spannende Geschichte erwarten lässt.

Der Vater muss den Zoo schließen. So entscheidet er sich, mit den Tieren nach Kanada zu übersiedeln. Eine Schiffsreise, die bald schon durch einen Sturm abrupt beendet wird, wodurch der Auftritt von Gerard Depardieu als hässlicher Schiffskoch nur von kurzer Dauer sein kann – aber der hat jetzt ja in Belgien zu tun. Pi konnte sich auf ein Rettungsboot retten.

Damit fängt der Hauptteil, die eigentliche, verrückte Geschichte des Filmes an, die kaum noch durch Zwischenschnitte zur Vergangenheit oder zur Interviewsituation im Heute von Kanada unterbrochen wird.
Ein Film, den man auch „Der junge Mann und das Meer“ nennen könnte oder „Der Junge, das Boot und Mr. Parker“. Pi schwimmt über 270 Tage allein auf dem Meer. Er übt sich in der Überlebenskunst. Zum Glück ist im Rettungsboot ein Überlebenskitt und auch ein Buch mit Anleitungen und guten Ratschlägen, wie das Abenteuer, das schicksalshaft ist und eines auf Leben und Tod, zu überstehen sei. Allerdings gibt’s darin keine Anleitung, wie mit Mr. Parker umzugehen sei.

Denn bald schon entdeckt Pi auf seinem Boot, nebst dem Zebra, das offen da lag, eine Art Hyäne oder Schakal, ein ganz garstiges Vieh. Ein Orang Utan konnte sich auf schwimmendem Zeug retten und schließt sich der Schicksalsgemeinschaft der Überlebenden auf dem Boot an. Und dann entdeckt er besagten Mr. Parker. Das ist ein leibhaftiger Tiger. Nicht unbedingt die gemütlichste Gesellschaft auf so einem kleinen Boot, auf dieser Mini-Arche-Noah. Pi kennt zwar den Tiger schon von klein auf. Wir haben früh im Film eine Szene gesehen, in der er mit seinem älteren Bruder den Tiger füttern will; aber der Vater kommt dazwischen und statuiert mit einer Ziege ein Exemplum, wie fressgierig so ein Tiger ist. Wie ein Wahnwitziger zerrt er die Ziege durch die Gitter hindurch weg zum Verzehr. Für Spannung ist also gesorgt. Für Hilfe auch.

Wie hat Ang Lee das nur hingekriegt, diese ganzen gefährlichen Szenen mit dem Tiger? Und der ist nicht die einzige Bedrohung. Es ist auch noch der unerziehbar bösartige Schakal da, fliegende Fische überrennen das Boot, es gibt Stürme. Bei all diesen Risiken soll der junge Mann, der zum Glück aus einem Zoodirektorsfamilie stammt und nicht auf den Kopf gefallen ist, Mr. Parker zähmen. Eine schier übermenschliche Herausforderung.

Wenn Pi und Mr. Parker schließlich auf einer fantastischen grünen Insel landen, die voll von Meerkatzen ist, eine Wunderwelt, von der in Kanada noch nie jemand etwas gehört hat, so muss ich kurz an den Robinson-Crusoe-Film von Bunuel denken; fantastische Welten mit einem unwiderstehlichen Sog ausgestattet von genialen Filmemachern.

Selbst die Augen des Tigers scheint Lee wie ein Magier zu inszenieren. Ging vielleicht nicht ganz ohne Trick. Die rationalisierenden Interpretationen zu den verschiedenen Tieren an Bord, die verleihen dem Sehvergnügen der Geschichte eine zusätzliche Reizebene. Aber dies zeigt auch, wie man dieselbe Geschichte eben hätte sehr langweilig erzählen können.

Warum soll uns nun aber dieser schier aussichtslose Überlebenskampf des Jungen auf einem Schiff mit einem Tiger interessieren? Weil die unmögliche Geschichte von Menschen-Möglichem berichtet, was sehr viel sein kann.

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