So still sind diese russischen Seelen dann doch wieder nicht, wie der Titel vorgibt. Das ist vielleicht Intention und Grundwiderspruch, dieses sehr gefühlvoll und gefühlhaft inszenierten und gefilmten Filmes von Aleksei Fedorchenko.
Denn der Westen hat sozusagen eine Art Kulturfolklorebild von der russischen Seele und die Frage ist, ob der Autor und Regisseur hier dem Westen sein Bild, auch von öder Skurrilität russischer Kultur, bestätigen will, ob er mit diesem Film auf den Erfolg in westlichen Festivals schielt, denn für den normalen Kinobetrieb dürfte das Interesse nicht allzu groß werden.
Obwohl der Film auch ein als persönlicher Film daher kommt. Die Hauptfigur, Aist, ein Mann in besten Jahren, offenbar Fotograf in einer Druckerei, so lernen wir ihn bald schon kennen, ist selber Sohn eines Kauzes wie er sagt – Aist ist der Haupterzähler, oft in Voice-Over, der selbst sich als Autor sieht und in einem merkwürdigen Ritual einsten, als Aist noch ein kleiner Junge war, die Schreibmaschine, nachdem sie auf einem Schlitten dorthin verfrachtet worden ist, in einem Eisloch eines zugefrorenen Flusses versenkt hatte.
Aber bevor wir das alles erfahren hat Aist vielleicht in Vorahnung, was in diesem Film auf ihn zukommen würde, zwei Spatzen in einem Käfig gekauft. Die werden treue Begleiter auf unserem bevorstehendem Roadmovie mit Leiche durch Russland werden – und sie werden immer, vielleicht etwas zu oft, auch den französischen Film-Noir erinnern, der eiskalte Engel mit Delon, da war so ein Vogel in einem Käfig einprägsam fotografiert wie selten seither.
Aist ist gerade dabei, in der Druckerei, in der er arbeitet, Fotos von den beschäftigten Damen, Gebrauchs-Portraitfotos zu schießen, wie er zum Chef gerufen wird. Der heißt Miron und ihm ist eben die Frau gestorben. Die möchte er nun nach einem rätselhaften Ritual oder einer mystischen Sage gemäß an der Oka verbrennen und die Kultur heißt im Film die aussterbende Merja-Kultur.
Den Begriff findet man googelnder Weise nur im Zusammenhang mit diesem Film. Selbstverständlich zeigt sich Aist bereit, mitzufahren. Und da russische Seele viel Zeit hat, wird erst, fast wie eine Performance, die Leichenwaschung gezeigt, ein schön weichrunder Frauenkörper mit langem Haar, nicht unbedingt aufregende Schönheit, aber sicher anschmiegsame Molligkeit, dann wird sie geschmückt wie eine Braut, Fäden in die Schamhaare geknüpft, denn bei der Hochzeit passiert das auch und am nächsten Tag hängt der Bräutigam sie an eine Erle, also die Fäden.
Dann fahren die beiden Männer mit der toten Tanja los. Aist nimmt noch den Käfig mit den Spatzen mit. Die Erzählung schreitet gemächlich und langsam voran. Das vereinnahmt einen durchaus für solche Filme, die sich nicht überstürzen. Bei einem Stopp werden jede Menge hölzerne Axtstiele und Werkzeugstiele gekauft. Man fährt an einem Unfall vorbei, dem Polizisten braucht man nicht zu erklären, was man vorhat. Die Spatzen lassen ihn erraten, was die beiden Männer vorhaben.
Miron erklärt Aist, dass der Kosename seiner Frau gleich sei wie der für die Spatzen. Auch schön symbolisch. Er erzählt, wie er mit 40 sie als 17 jährige geheiratet hat. Wir sehen Bilder von seinem 50. Geburtstag, wie der Chor der Arbeiter ein absurdes Lied darüber singt, dass ich zum Apotheker gegangen sei und dann werden jede Menge Kräuter aufgezählt, im Lied, und dass der Sänger die zuhause gekocht habe. Miron erzählt, dass er bei der ersten Liebesnacht sie mit Wodka gewaschen habe, dass alle ihre drei Löcher wunderbar funktioniert hätten, dass sie alles mit sich habe machen lassen.
Roadmovie mit Frauenleiche und russischer Seelenfolklore.
Nach der Verbrennung und der Rückkehr, vergnügen sich Miron und Aist mit den beiden Freudenmädchen Julia und Rimma, denn die Körper der Frauen sind wie Flüsse und sie tragen das Leid weg.