Der Titel des Filmes verleitet zum Spiel mit dem Schüren von Erwartungen. Und die sind nicht gering. Eine Geschichte nach Charles Dickens. Erwartung: großes episches Kino. Diese Erwartung wird noch durch eine filmgeschichtliche Erinnerung ins Unermessliche gesteigert: David Lean hat den Stoff 1946 in schwarz-weiß atemberaubend verfilmt, in der deutschen Übersetzung als „Geheimnisvolle Erbschaft“ betitelt.

Da solches kaum zu toppen ist, schrauben wir unsere Erwartung lieber ein bisschen runter. Die Namen von Stars wie Helena Bonham Carter und Ralph Fiennes geben den Rahmen für eine realistische Erwartungshaltung vor. Und das ist ja auch nicht wenig. Der Regisseur, Mike Newell, ist ein Routinier mit über 80 Titeln in der IMDb, darunter „Harry Potter“ und „Vier Hochzeiten und ein Todesfall“, während der Drehbuchautor mit 13 Titeln, vor allem im Fernsehen zu IMDb-Buche schlägt. Also sollte man die Erwartung „großes episches“ Kino gleich mit Einschränkungen versehen.

Die erste Szene lässt die epische Erwartung noch am Leben. Der Bub Pip, der vom Hufschmied Magwitch aufgezogen wird, rennt durch eine weite englische Marschlandschaft auf einen Friedhof zu. Aber kaum ist er am Grab seiner Eltern, ist es vorbei mit Epik. Jetzt setzt eine recht unkontrollierte Wackelkamera ein, Videokamera scheint es, die viel zu nah gleich die Szene aufnimmt, wie der Bub von einem entflohenen Schiffshäftling, der noch in Ketten ist, erpresst wird, ihm am nächsten Morgen Nahrungsmittel und eine Feile auf den Friedhof zu bringen.

Wieder kurz Epik mit dem Buben auf dem Weg durch die Marschen nach Hause. Dann gleich wieder Wackelkamerahektik beim Buben zuhause und dazu noch outriertes Spiel seiner Schwester, wie sie ihn mit Stockschlägen traktiert.

Am nächsten Morgen in der Früh bringt Pip, so wird der Bub genannt, dem Häftling das Essen und die Feile. Pip rennt wieder zurück. Noch bevor jemand den Diebstahl bemerken kann, ist schon die Polizei vor Ort, deren Uniformstoff wird das einzig herzerwärmende Rot im ganzen Film bleiben; ansonsten ein Look wie ausgebleicht des in grün-rot-blau-grau gehaltenen Films. Die museal kostümierten Gesetzesschützer suchen die Ausbrecher (es war noch ein zweiter in der Nähe). Bald wird der den Buben bedroht hat gefasst und erklärt von sich aus, er selbst habe diese Dinge im Haus des Schmiedes gestohlen. Dabei mustert er den Jungen, der schier stirbt vor Angst entdeckt zu werden, mit einen langen, sinnigen Blick.

In der Nähe wohnt in einer verwunschenen Villa ein exzentrische Alte, gespielt von Helena Bonham Carter, Miss Havisham, die sie, da sie viel zu jung ist für die Alte, mit bewundernswerten Commedia-del-Arte-Impulsen gibt. Sie hat ein kleines Töchterchen und bestellt Pip, er solle mit ihr spielen. Denn die Alte hat seit 26 Jahren das Tageslicht nicht mehr gesehen; es kann sich nur um eine Liebesgeschichte handeln.

Es erfolgt ein zeitlicher Schnitt in der Geschichte. Der Bub ist jetzt ein junger Mann und ein Anwalt aus London, der von einem mit vielen Schauspielwassern gewaschenen Routinier gespielt wird, Robbie Coltrane als Mr. Jaggers, bringt ihm die geheimnisvolle Botschaft, dass er Erbe eines großen Vermögens sei. Bedingung zur Annahme: er muss seinen Namen Pip behalten und sich in London Manieren beibringen.

Jetzt ist das immer so eine Sache in einem Film, wenn eine Figur in verschiedenen Lebensaltern von verschiedenen Darstellern verkörpert wird. Selten sind sie alle gleichwertig. Hier zum Beispiel überzeugt der junge Pip mit einer verhalten schauenden Unschuld, mit jeglicher Abwesenheit eines sichtbaren Bedürfnisses, sich irgendwie in Szene setzen zu wollen. Dem Darsteller des erwachsenen Pip nun, Jeremy Irvine, fehlt vollkommen dieses Schauen, dieses sich wie von außen in die Dinge Hineindenken des Jungen. Äußerlich ist es hier nicht so ein Problem. Schwieriger aber wird es durch diese Differenz, die Entwicklung zum playboyhaften Großstadtmenschen glaubwürdig zu machen. Verkomplizierter wird die Geschichte zusätzlich durch das Drehbuch, das die weiteren Verwicklungen diverser geheimnisvoller Beziehungen und vor allem die Lösung für den Zuschauer in wenigen Dialogsätzen kurz erklärt. Wenn man da auch nur einem Moment durch etwas abgelenkt ist, so ist es schwierig, die Zusammenhänge der Agierenden, ihre Motive, ihre Schulden, Sünden oder Guthaben, ihre Ansprüche noch zu verstehen. Nein, in dieser Dickens-Verfilmung gilt am Eingang: lass alle Erwartungen fallen. Dann kommst du vielleicht doch noch ganz angeregt auf deine Rechnung.

Die Regie führte Mike Newell nach einem Drehbuch von David Nicholls, dem die Geschichte von Charles Dickens zugrunde lag.

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