An einer Stelle moniert Mario Adorf, als der Schauspieler und Buchautor Nino Winter, der hier neben Fritzi Haberlandt als junge Autorin Ada Hänselmann, eine der beiden Hauptrollen spielt, Ada, würde das Wort „echt“ zu oft gebrauchen. Die Autorin und Regisseurin dieses Filmes, Lola Randl, hat effizient darauf geachtet, dass nicht allzu viel Echtheit in ihren Film Eingang findet.
Was ist echt an diesem Film, was nicht? Die Darsteller sind echte Schauspieler, sogar Stars, Adorf einer der alten Schule, der einen Text so lange paukt, bis er fehlerlos sitzt und auf den Punkt genau reproduzierbar wird, Haberlandt, Vertreterin einer jüngeren Schauspielergeneration, die inzwischen einen smarteren Umgang mit dem Kino lernt, wo Privacy einen Stellenwert hat, die mehr Spontaneität in ihre Performance einfließen lassen kann.
Es gibt eine kleine Spielerei, die das wunderbar illustriert. Die Regisseurin nutzte in dem grandiosen Hotel-Setting (sicherlich das Brillanteste an dem Film) Bettkissen in einem Hotelzimmer dazu, die Schauspieler zu Spielereien während ihres Dialoges zu ermuntern. Das kommt bei Haberlandt ganz natürlich daher, ob sie das Kissen auf den Kopf nimmt oder es vor sich liegen hat. Bei Adorf wird eine Statue mit Kissen daraus. Null Bezug von Schauspieler zu Kissen. Dasselbe gilt für den Säugling, den ein streitendes Paar in dem praktisch verlassenen Hotel kurzfristig den beiden Protagonisten in die Hand drückt, Haberlandt versucht in der Kürze eine Beziehung zum Kind herzustellen, Adorf hält es dagegen wie einen leblosen Gegenstand, bestellt und nicht abgeholt.
Vielleicht ging es der Regisseurin und Autorin ja darum, diese zwei verschiedenen Schauspielschulen, die alte und die neuere, einander gegenüber zu stellen. Die ersten Begegnungen der beiden wirken auf jeden Fall hölzern.
Es gibt einen dünnen Storyrahmen, der dazu führt, dass diese beiden Figuren eine Nacht allein zu zweit im erwähnten Hotel verbringen müssen. Allerdings bricht der Rahmen bei genauerer Betrachtung als nicht tragfähig sofort in sich zusammen.
In einer Buchhandlung findet eine Event der ungewöhnlichen Art statt. Eine Lesedoppel mit einem berühmten Schauspieler, der ein Buch geschrieben hat und einer jungen Autorin und ihrem Debütroman. Allein diese Installation scheint mir kurios weltfremd.
Damit soll Adorf faktisch sich selber spielen. Das ist vielleicht das Experiment, das sich diese Regisseurin für diesen Film gestellt hat. Sozusagen eine Art Vivisektion eines monumentalen Stars. Das ist ziemlich fies. Aber der Star hat das wohl nicht bemerkt beim Lesen des Buches. Er scheint auch nicht imstande zu sein vor laufender Kamera zu weinen, dazu muss er sich ins Dunkel abwenden. Das sind so die Spielchen, die Frau Randl mit Adorf treiben will. Wen das im Publikum interessieren dürfte, das bleibt mir schleierhaft. Sogar den Bart muss er spät im Film noch abrasieren, obwohl der doch sein Altersmarkenzeichen ist.
Wie also Frau Rola die Situation herbeiführt, dass der alte Schauspielerstar und die junge Autorin allein im Hotel zurückbleiben nach der Lesung, das ist an den Haaren herbeigezogen und Dortmund erscheint dadurch als finsteres, entvölkertes Kaff mit nur einem einzigen Hotel.
Vielleicht lernt man das in der Drehbuchwerkstatt München oder im Europäischen Autorenprogramm éQuinoxe, deren Teilnahme Frau Lola Randl für sich reklamiert. Vielleicht lernt man bei diesen Programmen und Werkstätten nicht, dass ein Film mit seiner Message von sich aus klar machen sollte, warum er überhaupt gemacht wurde. Vielleicht lernt man dort nicht, dass eine Figur am besten, um einen spannenden Film zu erhalten, mit einem Grundkonflikt eingeführt wird.
Adorf wird als sich selbst genügender, konfliktfreier Star eingeführt, in dessen Universum kein Platz für eine junge Frau ist, die er womöglich als Konkurrentin empfindet, und das ist auch noch schwach inszeniert. Sein einziges Problem ist seine Katze Caruso. Dasselbe gilt für Fritzi Haberlandt. Sie hat ihre Lesung. Sie steht dabei arg im Schatten der Berühmtheit. Aber das scheint sie weiter nicht zu berühren. Nach der Lesung bleiben beide in Dortmund hängen, als ob die Zivilisation dort zu Ende sei, es gibt keine Züge, keine Taxen, keine Flüge mehr.
So dass beide noch eine Nacht im Hotel dran hängen müssen. Haberlandt ist übrigens gerade von ihrem Freund verlassen worden. Das Thema Freund wird einmal erwähnt und verschwindet sogleich wieder aus dem Film. Wegen der Katze telefoniert Adorf später nochmal. Vielleicht lernt man das bei diesen Autorenprogrammen, führe einen Konflikt einer Figur ein, erwähne ihn dann aber nie wieder. Und führe ein Problem rechtzeitig ein: das hat Frau Randl schön gemacht, beim Wiedereinchecken von Fritzi erwähnt der Concierge, dass nachts eine Stunde lang der Strom abgestellt werde – der angekündigte Blackout.
Mit großem dramaturgischem Gewürge werden jetzt Zufälle produziert, die die beiden Figuren, die doch nichts wissen wollen voneinander, im entvölkerten Dortmund auf Gedeih und Verderb zusammenführen wird. Fritzi sucht doch tatsächlich im Hotelflur eine WLAN-Verbindung. Und die findet sie ausgerechnet vor dem Zimmer von Adorf. Welche Zustände müssen in Dortmund herrschen? Und eine Steckdose gibt es nur in Adorfs Zimmer. Und sie darf diese auch benutzen – große Menschlichkeit eines großen Stars. Nein, es lohnt sich nicht, es ist schade um die Zeit, sich noch weiter damit zu beschäftigen, diese ganzen Dinge, die werden so was von ex machina oberflächlich eingeführt, da wäre die Regisseurin besser beraten gewesen, die beiden Stars gleich auf eine Matratze nebeneinander zu legen und dann zu schauen, was passiert, ob sich die beiden eignen, um die Klein-Mädchen-Traum-Welt der Regisseurin auszubuchstabieren, zu artikulieren, nämlich über das Küssen und die Liebe sich zu unterhalten, über die Lüge in der Liebe und was der theoretischen Fragen unberührt Ängstlicher mehr sind.
Was am meisten für die Glaubwürdigkeit der Geschichte, aber es wird ja nicht mal ein Spannungsbogen aufgebaut, fehlt, das ist die psychologische Kleinarbeit in der Private Activity à la Method Acting. Die dürfte Adorf nun gar nicht liegen. Aber ohne dieses Element, bleibt ein Film, der an der glatten Oberfläche eines solchen Starmonumentes kratzen will, leeres Staatstheater, was die beiden Akteure zwar hochkonzentriert und präsent vorzeigen.
Der Reiz jedenfalls, das fast nicht spielbare, nämlich sich selbst als Star zu spielen, aus Adorf raus zu kitzeln, das gelingt der Regie und auch dem Buch jedenfalls nicht.
Eine nicht plausibel eingeführte Handlung nach einem nicht funktionierenden Rezept inszeniert.
Schön ist die Phase, wo die beiden „film noir“ spielen in Dortmund, da gehen die Akteure in ihren Rollen auf und vor allem ist der Sound da „echt“ überzeugend.
Dann dürfen die beiden sich gegenseitig insgesamt 10 Fragen stellen – sind wir hier beim Film oder in ein Klatschspalteninterview hineingeraten? Die Selbstreflexion des Kinos hätte ja auch gut in so einen Film gepasst, Selbstreflexion der Filmemacherin, die uns vielleicht erklären könnte, was sie mit diesem Film will – nichts davon.
Warst Du gerne eine Kind? Wärst Du gerne nochmal jung? Hast Du schon mal „ich komme“ gesagt, bevor Du gekommen bist? Hast Du auch schon mal „ ich liebe Dich so sehr“ gesagt? Ich werde Dich wahrscheinlich nie weinen sehn. Schläfst Du?
Schöne Bewegungsimprovisation von Fritzi Haberlandt im leeren Foyer.
Und wie der Strom ausfällt, da kochen die beiden Spiegeleier. Vermutlich die Stromausfall-Noteier.
Schade, jetzt haben wir gar keine Sternbilder betrachtet.
Das streitende Ehepaar, das zeigt doch die ganze Verkopftheit dieser Filmveranstaltung, da sagt er, er fühle sich wie ein in Bernstein eingelassenes Insekt. Nur Stunden später saugt eine Putzfrau vom Hotelteppich einen kleinen Bernstein auf.
Adorf wird in Dortmund von einer Limousine mit Münchner Nummer abgeholt. Megastar-Theater.