Vor kurzem erst hat Michael Haneke ganz drastisch die Frage nach der Liebe gestellt mit seinem Film des Titels „Liebe“. Jetzt untersucht Joe Wright als Regisseur diese ewige Frage nach der Liebe nach einem Buch von Tom Stoppard, das dieser auf der Grundlage des klassischen und weltberühmten Romanes von Leo Tolstoi geschrieben hat.
Als Titelheldin hat er Keira Knightley, vielleicht einen der Prototypen der schauspielernden jungen Frau, die weit herum als Schönheit gilt, engagiert. Ihr einziger Lebenszweck scheint der zu sein, begehrt zu sein, für die Liebe da zu sein. Diese Liebe hat allerdings bereits ihren Hafen gefunden. Es ist Jude Law, der einen ganz, ganz korrekten, ganz ganz langweiligen Petersburger Beamten spielt.
So viel junge hübsche Frau bei einem solchen Langweiler von verdorrtem Mann ist eine offensichtliche Vergeudung von Schönheit. Anna soll in Moskau ihren Bruder besuchen, der gerade in einer Beziehungskrise mit seiner jungen, ebenfalls hübschen Frau steckt. Er ist zu sehr Lebemann.
Schon auf dem Bahnhof gibt es eine erste Begegnung mit Graf Vronsky, der ein Offizier ist. Ob allerdings Aaron Talyor-Johnson, mit dem die Rolle besetzt ist, dieses Ideal eines jungen hübschen Mannes, der nur für die Liebe geboren scheint, ebenbürtig verkörpert wie Keara Knighltey für dieses Ideal auf der weiblichen Seite steht, das sei dahin gestellt.
Jedenfalls trägt er einen schicken, weißen Anzug, ist blond, hat so einen Blick aus Treue, Gier und etwas Alkoholismus, was zumindest ein Trugbild für erträumte, ersehnte Liebe ganz leicht abgeben kann. Ein Dandy-Typ, dem man nicht all zu viel zutraut, gar ein Oscar-Wilde-Typ oder gar leicht Muttersöhnchen. Das ist vielleicht von den Machern des Filmes bewusst so gewählt, er verfügt ja nicht einmal über die Perfektion eleganter Formen.
Aber er wird ihrer Analyse des Blickes darauf, was so eine Liebe, die auf den ersten Augenkontakt zwischen zwei Wesen entsteht und so tut, als würde sie für immer brennen wollen und alle Gesetze der Welt und der Gesellschaft und der Ehe können ihr gestohlen bleiben, was so eine Liebe wirklich ist, genüge tun.
Ohne zu viel zu verraten wird im Endstadium des Filmes auf dem Medikamentenschränkchen von Anna auch ein leicht greifbares Fläschchen zu finden sein, auf dem „Morphine“ steht. Zu dieser „amour fou“, die Menschen nicht nur hyperglücklich machen, sondern sie auch zerstören, ruinieren kann, gibt es im Film noch ein Gegenpaar, der Freund von Vronsky, der ist sehr schüchtern; pflegt eher eine landwirtschaftliche Vorstellung von der Liebe, erdnäher. Aber viel glücklicher wird der auch nicht.
Da es sich bei diesem klassischen literarischen Stoff um einen wahren Schinken handelt, wollten Stoppard und Wright die Geschichte zwar in den Kostümen lassen, aber von den Szenen, die sie spielen lassen und von der Bühnenbildauflösung her, fangen sie gleich mit Power und Rasanz an. Eine Barbierszene wie in der großen Oper auf einer Bühne und des Barbiers Auftritt ist wie der eines Toreros – das arme Opfer und sein Kopf wird nicht glimpflich behandelt.
Vielleicht hat Lars von Trier mit „Dogville“ Patge gestanden für die Idee nicht realistische Interieurs, sondern Bühnenelemente zur Markierung der Räume zu nehmen. Wobei hier eine Mischung aus Bühne und Original-Innenräumen, aber auch Übergänge von einer Spielzeugeisenbahn auf eine richtige (Bühnen)Eisenbahn, die dann zugeschneit wie ein Schneepflug in den (Bühnen)Bahnhof einfährt, vorkommt. Das beschert der schweren Geschichte anfänglich einen leichten, fast operettenhaften Gang.
Solche Liebesgeschichten fangen ja meist leichtsinnig an. Wie dann später die Gefühle tiefer und auch narrischer werden, da legt Joe Wright einen starken Kino-Emotionssound drüber, der zeitlos ist und die Bühnenelemente und das Spiel mit ihnen verliert über diese emotional tiefste Strecke vorübergehend an Bedeutung.
Bis dann ganz am Schluss ein wie natürliches, weites, realistisches wunderschönes Kerbelfeld, das an Gemälde von Impressionisten erinnert, auf einen Bühnenraum verengt wird.
Auch ballett- und tanzhafte Elemente dienen dazu, die Geschichte leicht und teils lustig einzuführen, das Großraumbüro mit den rhythmisierten Stempelvorgängen. Dann höfische Tänze vor schön gemalten Prospekten, bewegliche Bühnenelemente können von einer Szene zu nächsten den Übergang schaffen. Auch beazubernde Schlittschuh und Eisschlitten-Szenen oder gar ein kleiner Can-Can, bringen kurz skizziert einen Hauch jener Lebensleichtsinnigkeit zum Beben, auf deren Boden solche plötzlichen Lieben entstehen. Ein ausschweifendes Gemälde in kurzen Fragmenten, so dass es den heutigen Zuschauer nicht einlullt. Als Salz und konträres Element, um die Schönheit nicht in Überdruss übergehen zu lassen, ein unangenehmes Fingerknochenknacken vom Ehemann Karenin zwischendrin.
Immer ein auch verwirrend-schöner Anblick, wenn Anna wieder eines ihres wilden Hutnetze trägt: eine Sphinx?
Kunstrauschhaft-virtuose Inszenierung eines klassischen Stoffes.