Oh Land der Bayern, das einen Karl Valentin, einen Herbert Achternbusch, einen Rainer Werner Fassbinder, einen Gerhard Polt hervorgebracht hat – wie armselig sind doch deine Kinokomödien von anno domini 2012!
Die vom dramaturgischen Standpunkt des Drehbuchworkshops rezeptgetreu und solide gebaute Komödie, Drehbuch Martina Brand, stellt Brigitte Hobmeier mit dem langen blonden Engelshaar wie die Venus von Botticelli als Franzi Schwanthaler in den Mittelpunkt. Sie ist nämlich eine jener Frauen aus dem Titel, die um halb vier aufstehen, weil sie nämlich in einer Bäckerei arbeiten und Brötchen backen müssen und vermutlich deshalb fast immer gerötete Augen haben.
Franzi hat sogar den Meisterbrief, aber in ihrem Laden in einem bayerischen Dorf herrscht immer noch der alte Patriarch, ihr Vater Josef. Er arbeitet bis zum Umfallen, bis zum Herzinfarkt, der ihn in die Klinik bringt.
Es stehen am Anfang diese Filmes gleich zwei Unglücke, die für die Hauptdarstellerin zur Herausforderung werden. Einmal der Infarkt des Vaters, der als unschöne Nebenwirkung Briefe der Bank an den Tag befördert, dass der Laden kurz vor der Zwangsversteigerung stehe, was keiner wusste, weil der eigensinnige Vater die Briefe nie geöffnet hat. Als zweites kommt hinzu die Eröffnung eines konkurrierenden Discount-Bäckers.
Das wird alles fachgerecht plausibel eingeführt. Auch die überschaubare Klientel des Ladens, die lieber anschreiben lässt oder die Zeitungen nur liest statt sie zu bezahlen. Was das Drehbuch und auch die Regie nicht leisten, das ist, den Charakter von Franzi genauer unter die Lupe zu nehmen, die Eigenschaft zu finden, die die Lösung dieser Probleme gravierend erschwert, schier unmöglich erscheinen lässt.
Es gibt kleine Nebengeschichten. Dass die Franzi ein Kind hat, ein Mädchen, die kleine Marie, von einem Rudi, „der zu blöd ist zum Verhüten“, auch das ein moralisch einwandfreier Satz, der so einen Stoff auch für die Degeto akzeptabel machen musste. Dass einer ihrer ehemaligen Mitlehrlinge jetzt in Dubai arbeitet, der Toni, das erfährt sie, wie sie zusätzlich Kräfte sucht zur Bewältigung der Arbeit, da der Vater doch im Spital ist.
Viel Fantasie braucht es nicht, zu erahnen, dass die Lösung für das Problem aus dem Morgenland kommt. Denn die Scheichs stehen total auf den Schwanthaler Christstollen, das kommt allerdings nur dank einer recht holprig- und unbeholfen inszenierten Slapstick-Szene in einem dieser sauteuren Hotels in Dubai zustande. Und prompt erfolgt der dringend benötigte Großauftrag.
Mit der Lösung aus dem Grundproblem wird allerdings die Drehuchschreiberei von Martina Brand sehr, sehr biedere Weihnachtsbastelarbeit. Im Kino jedenfalls dürfte diese doch mit einem allzu einfach gestrickten Menschenbild arbeitende Komödie bestenfalls für ein nur mit bescheidenen Vergleichsmöglichkeiten ausgestattetes Publikum zu gewinnen sein.
Als weiteres Hindernis wie gleichzeitig als Hilfe kommt zufälligerweise die verstädterte Schwester Carmen, die nicht mehr einen einzigen bayerischen Satz herausbringt, zu Besuch, die Gebildete, die vorgeblich erfolgreiche Architektin.
Aber so richtig hat die Autorin – und wie soll die Regie es liefern, wenn es im Buch nicht vorhanden ist – das Verhältnis dieser beiden Schwestern auch nicht analysiert. Es besteht also weder die Gefahr noch der Thrill, dass alte Konflikte, die wieder aufbrechen, das Projekt der Rettung der Bäckerei Schwanthaler ernsthaft gefährden könnten.
Die Dramaturgie hat schon wie es sich gehört, Hindernisse eingebaut auf dem Weg zur Lösung des Grundproblems, der Rettung der Bäckerei. Aber diese Hindernisse kommen einem vor wie aus Pappe. Sie schaffen es nicht, Neugier und Spannung zu wecken. Sie sind wie bei mauen Action-Szenen extra aufgestaptelte Kartons, von denen jeder erfahrene Zuschauer weiß, dass der fliehende Gangster mit seinem Auto hinein fahren wird, weil sie für ihn aufgebaut worden sind.
Ein weiteres Problem, was der Glaubwürdigkeit der Familie Schwanthaler in diesem bayerischen Film zum vornherein den Todesstoß versetzt, das ist die Besetzung von Schwester Carmen und dem Töchterchen von Franzi. Wie kann man für einen so urbayerischen Film Caster engagieren, die offenbar von bayerisch und bayerischer Kultur keine Ahnung haben und Schauspielerinnen vorschlagen, die offenbar einen wildfremden Zungenschlag haben und nie in diesem Dorf aufgewachsen und als Familie gewohnt haben können?
Womit auf die anderen Besetzungen zu sprechen zu kommen ist. Da reden zwar die meisten irgend ein Bayrisch, aber es entsteht merkwürdigerweise kein Ensemble-Feeling. Es ist die dröge Rechnung, dass hier lauter Einzelleistungen zu betrachten sind, man könnte sie bestenfalls benoten oder bekritteln und finden der eine oder andere sei da sicher zu prominent im Vorspann erwähnt oder für das bisschen Leistung garantiert überbezahlt. Aber hier wird aus eins plus eins leider nur zwei.
Wenn dieser Film jetzt von der Exposition der Geschichte, vom Erzählfluß, von der Figurführung her großes internationales Format hätte, könnte man noch drüber hinweg sehen, das als Mäkelei abtun. Denn im Rest der Welt spielt es keine Rolle, welchen Dialekt sie nun sprechen. Nur fehlt leider diesem Film dieses Format gründlich. Er ist ein harmloses Konsensprodukt, belanglos, und trotz anrührender Situationen irgendwie herz- und seelenlos. Sein Wirkungsbereich dürfte als auf Bayern und den des Bayerische Fernsehens beschränkt bleiben und sowieso vor allem im Fernsehen stattfinden. Und selbst da dürfte er wegen dem Dialekt-Hochdeutsch-Verhau auf wenig Gegenliebe stoßen.
Kommt hinzu die Musik, die immer viel zu deutlich erzählt, wir machen hier eine Komödie, die leicht sein will. Dass das Leichte mithin das Schwerste ist, diesen Beweis erbringt dieser Film wieder einmal und leider überdeutlich.
Nettes Wortspiel zum Banker: Bist Du Anlageberater oder Reinlegeberater?
Ein Stück weit ist es lehrhaftes Kino, das so tut, als präsentiere es uns die wirtschaftliche Situation und das Umfeld dieser Bäckerei sehr genau. Dabei tut sie es nur rührend.
Netter Filmsatz, aber mit dreimal viel zu oft gebracht: Dubai, das ist hinter Istanbul, links, viel Oel, wenig Alkohol. Vielleicht soll das den Bildungsgrad des Zielpublikums definieren.
Der Begriff Globalisierung, der wird auch mehrfach verwendet, leider ohne jeden Biss, mehr als Routine-Geschwätzigkeit, als Trend-Schlagwort ohne direkte Verknüpfung.
Dann eine auch äußerst bieder geschriebene, inszenierte und gespielte Zollszene mit den in Alupapier eingepackten Christstollen und dem Spürhund. Kinounbeleckt. Für anspruchslose Gemüter.
Islam-Witzchen, alle an den Schweinsöhrchen herbeigezogen.
Tapfere, tüchtige Franzi: I pack des nämli heut schon, ohne meine reiche, studierte Schwester in Berlin.
Dieser Film verbreitet das Degeto-Einfalts-Menschenbild.
Nebenfiguren ohne Hand und Fuss – wirken eher wie ein Behindertenkabinett.
Film dürfte höchstens für ein geistig unterbelichtetes Publikum geistige Nahrung sein.