Omamamia

Mamma mia, was ist hier nur passiert? Die Frage stellt sich, weil dieses Kino-“Werk“ aus sich selbst heraus nicht schlüssig erklären kann, wieso es unbedingt gemacht werden musste. Braucht es wirklich das ganze Gestell eines so dünn und dilettantisch hergestellten Filmzusammenhanges (Autoren, die vom Wissen um die Statik einer Komödie vollkommen unbeleckt scheinen), nur um Marianne Sägebrecht im Brautkleid auf einer Vespa durch Rom brausen zu lassen? Würde so etwas nicht jeder Pennäler lustiger und verrückter bewerkstelligen können und zwar ohne Inanspruchnahme öffentlicher Gelder, für einen sowieso eher privaten Joke? Da sich weder das Werk noch die Einzelleistungen als zwingend oder genügend darstellen, so kann mit Verlaub spekuliert werden, wer dank welcher Beziehungen hier im Pfründen-Pfuhl wieso mal wieder was zu tun bekommen durfte, etwas vom Förderkuchen ohne Leistung eines entsprechenden Gegenwertes abschneiden durfte.

Hier fragt man sich, woher die Macher dieses Filmes (Jane Ainscough, Gabriele Sperl und Claudia Casagrande stehen für das Buch, Tomy Wigand für die Regie) die Chuzpe und die Legitimation nehmen, uns ein so einfältiges und unfertiges Werklein, das vorgeblich eine Komödie sein soll und sicher anständig was an öffentlichen Geldern gekostet hat, vorzusetzen.

Auch für eine Komödie gilt: wenn kein Konflikt etabliert wird, kann sie nicht funktionieren. Dann wird es eine krampfhafte Bemühung um Lustigkeit, dann wackeln und lavieren die Akteure uns auf diesem schwankenden Boden viel zu laut was vor. Marianne Sägebrecht als die drei-achtel titelgebende Oma strapaziert ihre Stimme bis zum Ansatz der Heiserkeit. Als wolle sie die Schwächen von Drehbuch und Regie übertönen.

Und weil das alles so krampfig ist, soll eine von der ersten Minute an nervtötende Musik penetrant das Heitergefühl uns aufzwingen.

Wenn wir nur wüssten, von Anfang an wüssten, warum diese Oma, die vor 40 Jahren mit ihrem Loisl aus Bayern nach Kanada ausgewandert ist, warum sie nur, da Loisl tot ist, unbedingt nach Rom fahren will. Welcher ungelöste Konflikt treibt sie zu dieser Handlung. Was wäre die Konsequenz, wenn die Romreise nicht gelänge? Leider verschweigen uns die Autoren den Grund und auch die Folge. Oder geben nur den banalen an, dass sie sich segnen lassen wolle, von den Sünden freisprechen lassen wolle. Aber was die Wichtigkeit für sie sei, das erfahren wir nicht. Und dabei ist uns die Oma noch nicht einmal als emphatischer Sympathieanker präsentiert worden.

Ihre Sünde scheint das zentrale Motiv des Filmes zu sein, zentral für die Moral des Filmes: nämlich ehrlich zu sein, und vor allem nicht scheinheilig, anderen den Seitensprung vorzuwerfen, den eigenen aber zu verheimlichen. Das heißt jetzt allerdings das einzige, was im Film eventuell Spannung erzeugen könnte, was der Film anfänglich aber seinem Zuschauer partout vorenthält, zu spoilern. Merkwürdig, wenn man in einem Film das leitende Motiv für die Handlung des Filmes spoilern muss, damit man ihn überhaupt referieren kann.

Denn worum es in diesem Film gehen soll, das erfahren wir erst gegen Ende, wenn es schon niemanden mehr interessiert. Und weil darum so geheimnisst wird, versucht Marianne Sägebrecht ständig einen auf „lustige Alte“ zu spielen, eine Bayerin, der man die vier Jahrzehnte Kanada auch gar nicht ansieht. Eine Bayerin, die 40 Jahre in Kanada gelebt hat und dort noch einsam in den Bergen, ist doch sowieso ein Exotikum. Dagegen sind die römischen Eskapaden, die sich das Drehbuch einfallen hat lassen, grad gar nichts Besonderes. Keine Fallhöhe.

Die Zusammenstellung des Castes muss irgendwo bei einer hektischen Einkaufstour „ab Stange“ oder „ab Katalog“ und „last Minute“ erfolgt sein. Oder nach dem Prinzip, wer darf mal wieder. Nichts verbindet diese Familie der Oma menschlich, außer dass alle immer zu laut reden, zu hysterisch agieren. Denn die Oma hat eine Tochter, die ist mit einem Kanadier verheiratet und die haben zwei Buben. Diese Tochter wollte die Mama in die Altersresidenz „Sunshine Home“ verbringen. Die Hütte der Oma in den Bergen, in der sie einsam wohnte, hatte die Tochter einfach verkauft. Die Oma lässt das widerstandslos mit sich geschehen.

Kaum ist die Oma aber bei der Tochter eingezogen, haut sie am nächsten Morgen ab. Da wir bis jetzt noch nichts von Konflikten, Zielen, Needs dieser Oma erfahren haben, ist das ungefähr so spannend, wie eine Nachricht über eine entlaufene Katze in Hinterdinkel. Die beiden Enkel haben der Oma den Flug nach Rom per Kreditkarte der Mutter gebucht und bezahlt. Sind ganz pfiffige Jungs und haben sich nichts gedacht dabei. Dieser ganze Vorgang, der doch eine filmentscheidende Aktion ist, der wurde narrativ nur hingeplatscht, nicht gut erzählt.

Der 14 Stunden-Flug findet im Film nicht statt. Da gibt’s keinen Zeitunterschied. In dieser Minute in Kanada. In der nächsten in Rom. Die Reaktion der Tochter auf dieses Abhauen findet dadurch in einem nicht plausiblen zeitlichen Zusammenhang statt. Den müssten die Macher dem Zuschauer aber geben, damit er nicht von einem Nebenproblem abgelenkt wird (halt, wie war das jetzt, kann das sein dass…).

In Rom ist nun die Enkelin, die vorgeblich au pair bei einer feinen Familie arbeitet, auch da eine kleine Lüge, auf die der Film ganz dick hinweist, mit einem Musiker als Macker in einer Wohnung voll halbpornographischer Bilder zugange. Da die Dramaturgie uns bis jetzt nichts über das Verhältnis der Oma zur Kirche noch zur Enkelin noch zur Pornographie verraten hat, sondern lediglich von einer bayerischen Klischee-Oma ausgeht, die zufälligerweise und ohne dass sich bei ihr dadurch irgend etwas verändert hätte, 40 Jahre in Kanada verlebt hat, ist es dem Zuschauer auch ziemlich egal, dass die Oma pseudoentsetzt, billigentsetzt reagiert, denn mangels Vorinformation ist ihre Haltung in keinem relevanten Spannungszusammenhang; illustriert eher einen Klischeevorgang, wie ihn sich die Macher des Filmes ausdenken. Gibt Einblick in den Klischeefundus in den Köpfen der Filmemacher. Ich kann nicht garantierten, dass mich diese offenkundig geistig-verstaubten Welten interessieren.

Die Oma klebt nun Papstbilder über die Wandgraffiti. Dann will sie unbedingt zum Papst, unglaublich wie zielsicher sie sich in Rom bewegt, die doch als ein unklar, dusseliger Charakter rübergekommen ist (hätte man wenigstens dieses Element von Buch und Inszenierung her konsequent eingesetzt!).

Es folgt die dick aufgetragene Story mit dem Blinden (die Autoren Jane Ainscough, Gabriel Sperl und Claudia Casagrande scheinen ausschließlich an ein sehr einfaches, rückständiges Publikum zu denken), der nur den Blinden mimt, wenn es darum geht in einer Warteschlange nach vorn zu kommen, groß aufgebauschte Geschichte, liebe Zuschauer, in Rom gibt es Leute, die stellen sich blind, um in die Nähe des Papstes zu kommen. (Das ist doch unerhört). Liebe Zuschauer, spätestens jetzt sollt Ihr bemerkt haben, dass wir hier ganz fett Komödie drehen. Dann kommt die Geschichte mit der Pizzeria und dem Kochen von Kaiserschmarren und der Blinde im Vatikan ist ausgerechnet der Vater des Kneipiers. Nun ja, solches Geschichtengebastel würde wohl in einer professionellen Drehbuchwerkstatt kaum durchgelassen werden.

Liebes Publikum, wir hoffen einfach, dass Sie sich dafür interessieren: da ist eine alte Bayerin, die versucht eine lustige Oma zu spielen. Sie wird von ihrer Tochter und Familie zu sich geholt. Sie hatte ganz einsam in den Bergen Kanadas gewohnt. Die Tochter will sie in eine Altersresidenz verbringen. Von dieser Oma wissen wir gar nichts, außer dass ihr Mann tot ist. Wir wissen nicht seit wann. Wir wissen nicht wie das Verhältnis zum Toten war, wie sie diesen Tod verarbeitet hat. Sie tut etwas Asche in ein Medaillon. Und wie die Tochter sie zu sich geholt hat, ist sie eines morgens weg und hinterlässt einen Zettel, sie sei auf dem Weg nach Rom. Kein Konflikt, nirgends.

Wir haben keine spezifischen Charaktereigenschaften von der Oma kennen gelernt. Ein bisschen dattrig ist sie vielleicht, aber das ist ja keine Charaktereigenschaft. Ganz spät im Film heißt es mal, auch das ist jetzt eine Spoilerei von vielleicht dem totalen Geheimnis in diesem Film, dass die Oma Konflikten aus dem Weg gehe. Vermuteter Zirkelfehlschluss der Autoren, sie dürften der Figur keine Konflikte ins Drehbuch schreiben, schon gar keinen Grundkonflikt, da es sich um eine konfliktscheue Figur handelt. Eine exotische, konfliktscheue Bayerin.

Wo kein Konflikt, da keine Spannung, wo keine Spannung, da hängen Witzchen und Pointen an schlaffen Seilen in der Luft. Da wird aus Film eine lose Aneinanderreihung von mehr oder weniger gelungenen „lustigen“ Situationen, und da ist der Vatikan für ein gläubiges katholisches Publikum immer noch ein dankbares Objekt.

Vor der bayerischen Wirtschaft „Liselotte“ in Rom, wenn die Sägebrecht reingeht, schreit sie „Liselotte, ich komme!“. Am Rande zum schlechten Kindertheater oder schlechten Boulevard.

Dann das merkwürdige Pfefferspray-Attentat auf den Papst. Leider nimmt die Komödie hier gar nichts mehr ernst. Es soll einfach lustig sein. Und ist wirklich nur einfältig. So agieren Menschen nicht, so agieren nur Schauspieler in schlechten Komödien. Vielleicht hat hier ein katholischer Jungfrauen-Verein versucht, ein Drehbuch zu schreiben.

Es hat nichts eine Vorgeschichte, es gibt keine Hindernisse. Plötzlich kann die Bayerin, die 40 Jahre nicht mehr in Bayern war und die doch so dattrig ist, kochen wie ein Weltmeister. Auch wie sie in die Pseudohochzeit mit dem falschen Blinden einwilligt, nur um eine Papstaudienz zu bekommen, entbehrt jeglicher Plausibilität. Dabei wissen wir zu diesem Zeitpunkt nimmer noch nicht, warum ihr der Papstbesuch so wichtig ist, was das für ihr Leben für eine Folge haben wird, was der Grund dafür ist.

Eben so lustig sein sollend, wie sie an ihrer Brust das Tattoo „Oma rockt“ entdeckt, auch dazu hat sie keine klare Haltung. Und wie lustig, wenn sie im Brautkleid auf der Vespa durch Rom fährt. Tja, wenn da ein zwingender Zusammenhang wäre, da könnte man vom Stuhl fallen vor Lachen. Es hat lustig zu sein, weil die Macher des Filmes in Rom sich wohl bepinkelt haben vor Lachen, weil sie einen lustigen Film mit Nonnenkomparsinnen und lustiger bayerischer Oma drehen durften.

Moral: „sogar die Oma“ (rockt sich Fördergelder zusammen).

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