Niko 2 – Kleines Rentier, großer Held

Das einzige, was mir an diesem Film nicht gefällt, ist der Zusatz „großer Held“ im Titel. Das wäre wirklich nicht nötig. Unser Held, im Sinne des Protagonisten, das kleine Rentier Niko, tut, was er für nötig hält, aber von großer Heldenzelebration ist hier nichts zu sehen. Im Grund will er auch nur eine glückliche Familie und nach all den Abenteuern, ist das nicht seine Ursprungsfamilie, in der er als Einzelkind von der alleinerziehenden Mutter vielleicht etwas zu viel der Aufmerksamkeit gekriegt hat, da sind es jetzt seine Mutter, der neue Stief-Vater Lenni, der lieber vom Wetter redet als ein Problem anspricht und dessen Sohn Jonni mit dem er sich auf dem Wege der gemeinsamen Abenteuer angefreundet hat.

Hier wird eine Geschichte wunderschön erzählt, vielleicht in idealer Ausgewogenheit zwischen bildlich-animierter Erzählung und prima eingesprochenen Dialogen der Figuren, so dass die Gehirntätigkeit des kleinen Zuschauer hervorragend angeregt wird und sich ganz dem Verfolgen des Geschehens widmen kann, dass er mit einer Wirklichkeit konfrontiert wird, die lange nicht nur schön ist, aber dass sie als Geschichte angenehm verdaulich verpackt wird, ohne je süßlich oder kitschig zu werden.

Diese Geschichte hat natürlich eine Vorgeschichte und ohne das Böse auf der Welt bräuchte sie auch gar nicht erzählt werden. Denn die weiße Wölfin hat noch eine Rache offen. Dafür will sie Niko entführen. Die Adler, ihre etwas dümmlichen Gehilfen, erwischen aber den neuen Stiefbruder von Niko. Und so sehr Niko das recht ist, so setzt er doch alles in Gang, um Jonni zu retten und in die Familie zurückzubringen.

Auf dem Weg zum Adlerhorst trifft er auf den alten Eigenbrödler mit halbabgebrochenem Geweih Tobias, eine mürrische Figur, unzugänglich wie es scheint, der Gespräche auf ein Minimum reduzieren will; was nicht ausschließt dass gerade bei ihm ganz klug über Einsamkeit und Geselligkeit geredet wird. Und natürlich hat auch Tobias seine Geschichte.

Das wird jetzt eine abenteuerliche Angelegenheit, in der das Böse dieser Welt, in Form des weißen Wolfes und seiner Adlertruppe nicht ausgespart wird, in der Niko oft auf sich allein gestellt ist, dann aber wieder Hilfe von Jonni oder seinen kleinen Freunden Julius und Wilma und auch von alten Tobias erhält. Später dann noch von den Schlittenziehern. Das Böse sieht zwar furchterregend aus, aber es wird nicht angstmacherisch für die Kinder eingesetzt, es wird so eingesetzt, dass sich die Kinder, die ja auch Maßstäbe für Gut und Böse entwickeln müssen, sich distanziert und gleichzeitig involviert damit beschäftigen können. Und Erleichterung wird es sicher bei allen Kindern auslösen, wenn der böse weiße Wolf, der auch ganz hässlich aussieht, in der Kinderspielzeugfabrik mit den herrlichen Holzloren an den Förderbändern in die Verpackungsmaschine gerät und wie ein überladenes Weihnachtsgeschenk, das nichts anderes als eine Ganzkörperfesselung ist, wieder ausgeworfen wird.

Dass Rentiere fliegen können versteht sich von selbst, das ist nicht nur ein Sinnbild für die Kraft des Märchens und der Fantasie, das ist auch eine Notwendigkeit. Denn ihre wesentliche Aufgabe besteht darin, die Kinder mit Weihnachtsgeschenken zu beglücken, indem sie den Wagen des Weihnachtsmannes über den Himmel ziehen. Das war übrigens das traurige Schicksal von Tobias, dass sein Augenlicht nachgelassen hat und er zwei Häuser und seine Kinder übersehen hat, so dass die keine Weihnachtsgeschenke erhalten haben.

Schlittenzieher beim Weihnachtsmann zu sein, das ist wohl der Traum eines jeden Elchjungen – sicher nicht nur wegen dem „Geschirr“, feinen Lederhosenträgern. Und nachdem Niko im ersten Film endlich seinen Vater gefunden und kennengelernt hat, erleben wir ihn hier am Anfang des Filmes, wie er mit seinem Vater das Schlittenfahren übt, ganz halsbrecherische Kapriolen von höchster Artistik sind das am nordischen Himmel und das größte Ziel dabei, wozu man schon fast erwachsen sein muss, ist es, die Weihnachtsgeschwindigkeit zu erreichen.

Dieser Film umfängt einen wie mit weichen Fellhandschuhen und nimmt einen gut behütet mit auf eine folgerichtige, temporeiche Reise (bis zur Weihnachtsgeschwindigkeit), bei der immer auch Momente für wichtige Gedanken sind, die Verhaltensrealität „erwachsener“ Menschen betreffend; ein schöner Satz dazu vom weißen Wolf: „die Guten sind immer so berechenbar“.

Was mir auch ganz prima gefällt, das sind die animierten Figuren; da wird nicht viel mehr gemacht, als ein bisschen die Augen auf und zu und bewegen, sozusagen die Eigenaktivität wie bei Puppen auf ein Minimum reduziert; was zu umso heftigerer Aktivität im angeregt mitfiebernden Hirn des kleinen Zuschauers führen dürfte.

Vielleicht könnte man auch von einer behutsamen Annäherung an die nicht immer nur goldige Realität des Erwachsenenlebens sprechen. Wer solche „Schulung“ durchmacht, dürfte es im Leben leichter haben.

Gewiss erstklassige Unterhaltung für Kinder noch vorm ersten Lesealter, aber sicher auch drüber hinaus, wo sie halt den Zusammenhang einer Geschichte selber realisieren können. Dieses zum Erleben, Schauen und Denken heranführende Weihnachtsvergnügen verdanken wir dem Finnen Hannu Thuomainen, der mit Marteinn Thorisson das Buch geschrieben und mit Kari Juusoonen die Regie geführt hat.

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