Lore

So! – Was wurde an Nazithemen noch nicht in deutsches Film-Fördergeld umgewandelt? Das werden sich die schlauen Produzenten oder die Autoren gefragt haben, wie kommen wir in Deutschland an die Fördertöpfe?

Eine hochartifizielle Bastelei über eine ziemlich gestörte Coming-of-Age-Geschichte – hochgefördert und in Locarno mit dem Publikumspreis geehrt, wer weiß wieso, verziert, umrändert von Elementen des Zweiten Weltkrieges, der Nazizeit, der aufkommenden Besatzungszeit in Deutschland und mit einer richtigen Heldin, Lore, die sich nach Kriegsende mit ihren vier Geschwistern heldisch, mit blauen Augen und blondem Haar und immer perfekt geschminkt, wie süß, im größten Dreck und immer neuen Klamotten, obwohl das Gepäck immer weniger wird, und auch die Hemden ihrer Brüder immer wie frisch gebügelt, vom Schwarzwald vom Süden Deutschlands quer durch das zerstörte Deutschland bis zu einer Nordsee-Insel durchschlägt.

Es sind alles pure Kinoelement, die der Film zur Schilderung dieses Coming-of-Age einsetzt, verwendet, in ganz groß die Aufnahmen von Schnecken und Aalen und Gräsern und zerbrochenen Eierschalen und viel Zwielicht und Dämmerung und heraufziehende Nebelschwaden und bildschöne Bunkerruinen oder die Flüchtlinge schlafend auf Moos im Wald oder wie sie an einem Toten vorbeikommen, der malerisch drapiert daliegt und geschminkt ist wie eine Darsteller-Leiche aus einem Zombiefilm.

Die Eltern sind merkwürdige Nazis, die sich offenbar nach Kriegsende freiwillig in ein Lager begeben. Wir lernen die Familie kennen, wie sie sich selbst entnazifiziert. Der Schäferhund wird erschossen und der den Vater spielt, der Schauspieler, der ein idealer Stand-In für Armin Rohde wäre im deutschen Kino, wenn Rohde zu alt, zu dick oder unabkömmlich ist (oder vielleicht wegen schwachen Drehbuches die Rolle absagt); der Name jedenfalls groß im Vorspann, der Auftritt klein mit gut eingeübtem Ausbruch und nicht weiter erwähnenswert.

Die älteste Tochter, Lore, also die richtige Protagonistin, in den 50er Jahren hätte man vielleicht Loni von Friedl damit besetzt, immer mit Gretchenfrisur und auch nach Tagen der Flucht noch mit kompliziertest geflochtenen Zöpfen.

A propos Hygiene, es gibt idyllische Waschszenen im Fluss oder eine Unterwäsche-Chanson-Szene, bei der die beiden Buben ein Kameradschaftslied singen.

Aber wir wollen auf die Coming of Age Geschichte kommen. Irgendwann schließt sich den fliehenden Kindern ein junger Mann an mit KZ-Nummer am Unterarm und Judenstern in den Papieren, der hilft den Geschwistern durch Personen-Kontrollen und über Grenzen hinweg, ist aber auch scharf auf Lore, was man im Krieg scharf nennen darf. Sie sträubt sich dagegen, man sieht wie der Krieg das Coming-of-Age versemmelt, es stört, es verdruckst.

So einen sorglos unbetroffenen Umgang mit der Nazizeit mit viel Geweine und vielen Tränen kann sich wahrscheinlich nur eine australische Regisseurin leisten. Sie heißt Cate Shortland, das Buch haben Robin Muckherjee und Cate Shortland nach einer Geschichte von Rachel Seiffert geschrieben.

Überhaupt emotionalisiert die Kamera, was immer auch geht, mit jeder Menge Close-ups, Nähe, wie sie nur das Kino bieten kann. Hier immer an oder über der Grenze des Kitsches. Rührender Abschied von der Mutter.

Details: Ameisen auf totem Bein. Fast wie Theater-Performance, der Tote mit Pistole in der Hand, der Selbstmörder in der Ruine. Eine Begegnung von Lore mit Thomas in der Ruine, genau so artifizielle Performance. Und immer diese kurze knappe Sprache, die nie was Persönliches rauslassen soll.

Beim Juden weiß man nicht, ob er wirklich einer ist, später wenn Lore seine Papiere durchsucht, wird klar, dass er selbst die Papiere gestohlen hat. Zum Finale eine herrlich idyllische Pferdewagen-Fahrt zu einer Halligen mit einer knalligen, blinden Oma. Die alten Leute werden hier alle krass auf alt noch geschminkt. Und sind schon sehr ausgesucht nach verhungert gecastet.

Zu guter Letzt muss getanzt werden auf der Halligen, das wird jetzt aber Kunstgewerbe hoch vier! Beim letzten Mahl in diesem Film bei der Oma mit der süßen Inneneinrichtung, äußert sich das Kriegstrauma der makellos schönen Lore, sie lässt die Ermahnung des Bruders nicht auf sich sitzen, sie greift sich ein Brot, stopft es in sich hinein, trinkt vom Tisch und geht wütend raus. Verdorbenes Conming-of-Age in schönsten Filmbildern dargestellt.

Oder die Tötung des Fischers und die Überfahrt mit dem Kahn, sehr symbolisch, auch das wie eine Kunst-Performance dargestellt, kunstgewerblich. Oder wie Lore später das Bild ihres Vaters in Schmutz taucht. Oder die Bilder vom Krieg in einer Hilfsstelle wo das Klebrige vom Foto, igitt, Fingerzeigperformance.

Schauderlich-schön-verquere Pubertät.

Der Nolde-Himmel über den Halligen siehts – und schweigt.

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