The Angels‘ Share – Ein Schluck für die Engel

Herzhaftes, griffiges britisches Kino mit einer Moral, die vom juristischen Standpunkt aus nicht unbedingt zu verteidigen wäre: denn hier gibt es ihn, den guten Diebstahl, der keinem Weh tut und der rundum Gutes bewirkt.

Es geht um eine ganz besondere Kostbarkeit, um einen schottischen Whisky, der auf einer Auktion über eine Million bringen soll, der beste Whisky der Welt überhaupt.

Vom moralischen Standpunkt aus besehen ist der Film zumindest nicht ganz so goldglänzend wie der feine Whisky glauben machen mag: Alkohol kann ein seelenfressender, charakterzerstörender Saft sein – und dieser Film von Ken Loach, zu dem Paul Laverty das Drehbuch geschrieben hat, ist nun bestimmt nicht dazu angetan, auf die Gefahr des Alkoholkonsums aufmerksam zu machen, ja man könnte durchaus den Verdacht hegen, dass bei der Finanzierung ganz im Hintergrund schottische Whiskyproduzenten Geld haben springen lassen.

Griffig ist der Film auch vom Standpunkt der Erklärung her, wie Whisky hergestellt wird. Bei einer Führung durch eine Brennerei werden die wichtigsten Punkte im Herstellungsprozess in der richtigen und somit realistischen Reihenfolge abgehakt.

Einen kleinen Warnhinweis auf das Risiko Alkohol stellen die Filmemacher immerhin gleich zu Beginn in ihren Film. Albert, der dann später nicht die Hauptfigur sein wird, dem aber der schottische Kilt beim Ausflug ins Whiskyland zwischen den Beinen noch sehr zu schaffen machen wird, der ist ein Risiko wegen des Alkohols, nicht nur bei diesem Ausflug, schon in der ersten Szene des Filmes balanciert er halsbrecherisch unsicher am Rande eines Bahnsteiges mit einer Getränkeflasche in der Hand und weit entfernt von nüchtern. Ein Zug nähert sich. Die in einem entfernten Kontrollraum sitzende Aufsicht verfolgt das schwankende Geschehen an einem Bildschirm und versucht den Trunkenen zur Raison und zurück von der Bahnsteigkante zu bringen. Stattdessen fällt er aufs Gleisbett, der Zug ist nur noch Sekunden entfernt und wie Albert kapiert, dass er wieder auf den Bahnsteig zurück klettern soll, da fällt ihm auf, dass er die Brille verloren hat und muss die im Gleisbett noch suchen. Aber wie es zu der menschenfreundlichen Grundhaltung in diesem Film passt, wird er es gerade noch schaffen.

Der Alkohol als Risikofaktor, das Thema wird nicht weiter verfolgt, dem ist mit der Bahnsteigkantenszene Genüge getan. Also zur Geschichte. Im Gericht werden verschiedene Vergehen abgeurteilt, einige Delinquenten werden zu Sozialstrafen verdonnert. Der eine ist eben unser Albert; der herzzerreißendste Fall aber ist Robbie, ein ewig rückfälliger Schläger, der wieder einmal ausgerastet ist und einen anderen Kerl schier zu Tode getreten hat; Robbie ist nun mit einer jungen Frau liiert und die erwartet ein Kind von ihm. Dieser Robbie wird unsere Hauptrolle sein.

Robbie wird dem Kind zuliebe versuchen, dem Circulus Vitiosus der Gewalt abzuschwören, dem kaum zu Entrinnen ist. Im Sozialhaus, das neu gestrichen werden muss, lernt er andere Leute kennen, die auch ihre Sozialstunden ableisten. Über den Besuch bei einem Whiskyhersteller kommt er auf den Geschmack von Whisky und über drei weitere Ecken gedeiht die Idee, von jenem zur Auktion anstehenden Whisky ein paar Liter abzuzapfen, um mit dem Geld davon, eine solide Grundlage für eine Existenz für ihn und seine Familie zu schaffen. Was in einem menschenfreundlich gesinnten Kino auch gelingen wird.

Die Stärke dieses Kinos von Ken Loach mit der politisch nicht ganz korrekten Message, wobei der Titel diese auch noch rechtfertigt: beim Angels‘ Share handelt es sich nämlich um eine natürliche Schwundmenge durch verdunstenden Alkohol im Laufe des Reifungsprozesses des Whiskys; womit die Gleichung, dass in so einem vollen Fass sowieso was fehlt, was keinem weh tut, nochmal zur Rechtfertigung für den Diebstahl beigezogen wird, die Stärke also dieses Kinos von Ken Loach ist seine Nähe zu den Menschen, ihr nüchterne Betrachtung.

Ken Loach scheint die einfachen Menschen zu lieben, er wählt fantastische Typen aus, lässt sie rund spielen, schöner wäre es natürlich noch, das Ganze im original britischen gar schottischen Dialekt zu hören, obgleich wir dann wahrscheinlich nicht mehr viel wörtlich mitbekommen würden; da ist jedwede deutsche Nachsynchronisation, mag sie noch so sorgfältig gemacht worden sein wie hier, ein Armenkind dagegen.

Griffig ist das Kino von Ken Loach auch, weil er konkrete Vorgänge liebt; die Handlungen sind plausibel; das Stück geht planmässig voran, ohne sich bei Unwichtigem aufzuhalten.

Das tiefere Thema in diesem Soziodram sind Menschen, die in Gewaltzirkeln ge- und befangen sind, wobei gerade hier Alkohol oft einen ungünstigen Einfluss entwickelt. Ihnen da rauszuhelfen gelingt offenbar wirklich nur, diesen deprimierenden Befund zu übertünchen, gelingt wirklich nur mit einer doch ziemlich fantastischen Geschichte, die aber gerade durch den Titel und den damit verbundenen Tatbestand das Siegel absoluter Glaubwürdigkeit erhält.

Was die Werbung für Whisky betrifft: mich hat der Film jedenfalls nicht dazu animiert, gleich nach der Vorstellung mir einen zu genehmigen; überhaupt nicht; weil der ja doch nur ein sehr vordergründiger Vorwand für das tiefere Thema ist. Ein Schluck für die gefallenen Engel.

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