Sex, Drugs & Rock’n’Roll

Neulich habe ich Freibeuter der Meere mit Bud Spencer und Terence Hill angeschaut. Und mich gefragt, wieso der Film nicht so erfolgreich war wie Pirates of the Caribbean. Natürlich kann man jetzt entgegnen, das eine sei lahmes Kino von 1971, das andere ein nach allen Regeln der Kunst inszenierter Actionkracher im Piraten-Milieu. Doch das ist zu billig.

Dass das italienisch-spanische Team damals – im Vergleich zu heute – äußerst entspannt ans Werk gegangen sein dürfte, ist klar. Wahrscheinlich hat man auch gekifft (Cannabis Samen gibt’s dahingegen heute offenbar ganz legal im Internet), aber eben auch mal fünfe grad sein lassen. Heute ist das Drehen ein Riesengeschäft, die Investition mit damals kaum vergleichbar, der Erfolgsdruck entsprechend gewaltiger.

Und die Methodik ist viel feiner geworden. Filme werden heute ganz anders gemacht als früher. Wo Hitchcock noch ein später Pionier dramaturgischer Kunstgriffe war, arbeiten heute Psychologen an der idealen Auflösung für eine Szene, der Filmemacher führt das (bisweilen) nur noch aus. Ich weiß noch, wie ich in einem früheren Leben Gasthörer auf der Filmhochschule war. Dort erläuterte man uns unter anderem, dass beim Durchschnittsmenschen Bewegungen von links nach rechts besser verarbeitet werden können als von rechts nach links. Deswegen greift im Film die später obsiegende Armee meist von links an, da man so den Zuschauer tiefenpsychologisch schon lange auf seiner Seite hat, auch wenn dessen Bewusstsein noch mitfiebert, wer denn nun als Sieger hervorgehen wird. Oder die Guten kommen von links, auch wenn sie dann verlieren, zum Beispiel. Da gibt es aber noch jede Menge anderer Spielarten mit Blickwinkel, Farben und ähnlichem.

Dann ist es so, dass jede Menge Elemente praktisch in einem Film auftauchen müssen, damit dieser vom Publikum angenommen werden kann. Es gibt diese hässliche, sich standhaft haltende stumme Behauptung, dass Behinderungen oder Kriegsthemen (insbesondere die der deutschen Geschichte) eher auf Preise und Auszeichnungen abzielen als auf ein gutes Kinoerlebnis (Jenseits der Stille zum Beispiel, aber auch Schindlers Liste). Doch auch andere Attribute sind höchst attraktiv für das Publikum, unter anderem:

Sex: Ich müsste schon lange nachdenken, bis ich einen Film finde, in dem das Thema „anderes Geschlecht“ gänzlich ausgeblendet ist. Da gibt es heikle Gratwanderungen wie zum Beispiel American Beauty oder einige Lolita-Verfilmungen, plump auf die Liebe abzielende Schmonzetten (Das fünfte Element drängt sich mir da geradezu auf), aber auch jede Menge Filme, in denen nichts passiert, und doch haben die Hauptfiguren Partner, so dass im Kopf des Zuschauers das gemeinsame Glück möglich ist. Selbst in Toy Story wurden den Figuren Partner an die Seite gestellt, und im krassen Gegensatz dazu leben die Figuren ihre Gefühle in Filmen wie Die Träumer einfach offen auf der Leinwand aus. Filme ohne Partner, ohne Liebe, ohne Love Interest gibt es praktisch nicht. Liebe zieht immer.

Drugs: Unter diesem Überbegriff möchte ich zunächst alles sammeln, was es zum Thema „verbotene Früchte“, gibt, abzüglich des bereits genannten Sex-Themas. Ein großer Bestandteil dieses Bereichs ist die Ganovenehre, die bis jetzt noch jedem Leinwandschurken die Sympathie des Publikums garantiert hat. Han Solo ist ein Schmuggler. Axel Foley war selbst ein Autoknacker, bevor er zur Polizei gegangen ist. Bonnie und Clyde sind offenbar völlig durchgedreht. Léon der Profi ist ein eiskalter Killer. Er ist aber nett, weil „no women, no kids“. In Wirklichkeit würden wir mit solchen Leuten im Leben nichts zu tun haben wollen. Ich zum Beispiel geriet einmal an den Rand des Nervenzusammenbruchs, nachdem ich in aller Eile ohne gültige Fahrkarte in die S-Bahn gestiegen war. Ich bin überzeugt, dass die wenigsten Menschen, die diese Zeilen hier lesen, jemals auch nur einen Apfel von Nachbars Baum gestohlen haben. Und doch fiebern wir mit, ob Danny Ocean und seine Eleven es schaffen, einen Millionenbruch durchzuziehen.

Drugs: Aber natürlich kommen auch noch wirkliche Drogen ins Spiel. Im Film habe ich ungefähr eine Milliarde mal so viele Drogen gesehen wie in Wirklichkeit. Auf einer verrauchten Teenager-Party einmal etwas Gras, und auf einer Uni-Party mal die Reste einer „Line“, das fasst ziemlich gut zusammen, was ich an Drogen so live gesehen (aber nicht konsumiert) habe. Und okay, auf dem Oktoberfest habe ich sicher mehr Bier gesehen als in jedem Film, zugegeben. Im Film werden Kofferraumweise, ach, was sag ich, Schiffslaungsweise, Drogen verbracht, geliefert, gelagert, gestapelt, vernichtet, in die Luft gejagt oder auch nur verkauft. Das zieht die Leute an. Warum, weiß ich nicht. Vielleicht, weil sich die „guten Cops“ wie die weißen Blutkörperchen der Gesellschaft auf alles stürzen, was böse ist, und wir ihnen dann bei der gerechtfertigten Gewalt zuschauen können. Oder weil die guten Gangster mit Gewissen die bösen Gangster ohne selbiges plattmachen und sich damit befreien.

Rock’n’Roll: Im klassischen Wortsinne des „Wiegen und Wälzens“ für den Beischlaf stehend, findet sich das E-Gitarrenriff heute in jedem Film (außer in deutschen, die vertrauen immer noch auf den Synthesizer und den Stimmungsakkord, das muss ein Relikt aus Nosferatu-Zeiten mit Live-Orgelmusik sein). Ein rockiger Soundtrack, sei es das Einspielen eines bekannten Titels oder der Score, also die musikalische Untermalung, beschleunigt den Film gefühlt aufs Doppelte. Man stelle sich einmal Crank ohne die Musik vor. Natürlich muss es sich nicht mehr im klassischen Rock’n’Roll handeln, aber „peppige Musik“ trifft es immer auf den Punkt. Ich denke, Rock’n’Roll steht für Takt, Geschwindigkeit, keine Langeweile. Das Salz in der Suppe halt.

Und nun läuft Savages an, von Altmeister Oliver Stone (Review später heute). Ich habe mich schon sehr auf den Film gefreut, wirklich. Aber nun guckt Euch mal den Trailer an und denkt Euch mal Sex, Drugs and Rock’n’Roll weg!

Ist das nicht krass? Nichts bleibt übrig. Dabei ist Oliver Stone ja nicht irgendein Filmemacher. Wir reden hier ja nicht von Michael Bay, da erwartet man nichts anderes. Ich habe die Vorführung leider versäumt, daher werde ich ihn mir wohl zivil angucken. Und hoffentlich ist mehr drin, als der Trailer zeigt. Sonst kaufe ich mir Outdoor Samen und lasse mich von der Polizei verfolgen, den iPod im Ohr mit meinem persönlichen rockigen Soundtrack. Spaß.

PS: Mir ist immer noch kein Film eingefallen, der ohne Love Interest auskommt. Vielleicht 2001.

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