Speed – auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Eher unwahrscheinlich, dass der Zusatz zum Titel „auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ als Hinweis auf Marcel Proust zu werten ist. Der hatte Zeit für die Suche nach der verlorenen Zeit, es war bei ihm ja auch keine verlorene Zeit, die Zeit ist ihm durch die Erinnerung, zum Beispiel an die Gerüche wieder lebendig geworden.

Die verlorene Zeit, um die es hier geht, ist jene, die durch die kapitalistischen Beschleunigungspowers an allen Ecken und Enden fehlt, die zum Burn-Out-Syndrom oder gar zum Aussteigen aus dem System führen kann.

Florian Opitz, der Autor und Regisseur dieses Filmes, hat sich einem Selbstversuch unterzogen. Wie sein erstes Kind zur Welt gekommen ist, ist ihm besonders aufgefallen, wie er nie Zeit habe, und immer weniger, erst recht durch diesen Film, der nebenbei eine Reise mit schönen Kinobildern aus Berlin, München, London, der Schweiz, Patagonien und Bhutan am Himalaya ist.

Opitz machte sich auf den Weg in die verschiedensten Gefilde rund ums Thema Zeit und zu den verschiedensten Propheten, Gurus und Wissenschaftlern, zu Aussteigern und Politikern, wie in Bhutan, wo das Bruttosozialglück wichtiger ist als das Bruttosozialprodukt.

Auch cinematographisch versucht Opitz Zeit zu gewinnen mit vielen Zeitrafferaufnahmen, die wirken immer sehr lustig, aber auch verharmlosend, können aber auch schwindelerregend sein, nicht weniger als die Philosophie moderner, automatisierter Börsen, wie in London, die in Mikrosekundenschnelle auf die Börsenbewegungen reagieren können.

Das heftigste Votum des Filmes kommt am Schluss und dürfte dasjenige von Prof. Rosa sein, der zumindest dem Versuch eines unbedingten Grundeinkommens das Wort redet, denn es sei, dafür verweist er auf renommierte Ökonomen, finanzierbar und es würde dem Menschen Schutz vor der mörderischen Wettbewerbssituation geben, in der der Mensch keine Zeit habe; der Mensch habe ein Recht auf ein Leben und eine Würde auch ohne sich im ökonomischen Wettbewerb auszubluten, auszupowern; wer das aber will, um sich mehr zu leisten, dem stehe das immer noch frei.

Vorher ging die Reise zum „Zeitmanagement-Papst“ Lothar Seiwert, zum Psychiater Sprenger und zur der SZ im Neubau hoch über einer Ansammlung von stehenden S-Bahnen, hier versuchte der SZ-Redakteur Alex Rühle ein halbes Jahr lang ohne Blackberry und Mails und Computer auszukommen, freute sich aber auf die Rückkehr zu diesen. Dann begleitete Opitz eine ausgebuchte Management-Beraterin in einem lang und aufwendig eruierten Termin von einer halben Limousinen-Stunde in Wien. In London war Opitz bei Reuters, die das Geschäft allein mit der Geschwindigkeit ihrer Nachrichten machen, weil ihre Kunden damit Geld verdienen. Von London geht’s auf die Schweizer Alpwirtschaft „Gemsli“, wo die ehemalige „Heuschrecke“ (heute gut gepolstert), ganz rührend versucht Kartoffeln zu schälen oder den Tisch zu decken (ob das ein Glück fürs Leben wird – oder schottet er sich jetzt auf der Alp nicht anders als in seiner Lehmann-Zeit in einer Parallelwelt ab? – wie lange wird es dauern, bis aus der Alpwirtschaft wieder ein Geschäft wird?), ein schöner Begriff von ihm, das „executive Reading“, den Inhalt einer Seite Text in 10 Sekunden mit Querlesen zu erfassen.

Die Familie Batzli, Sennen auf der Alp, die scheinen alle glücklich und sehen sich unter keinem Zeitdruck, der Fritz, der hat nicht mal eine Uhr, entweder hört er die Kirche im Tal oder er hat es im Gespür auf eine halbe Stunde genau.

Dann jettet Opitz nach Patagonien zu Douglas Tomkins, der mit modernen Methoden der Beschleunigung die Entschleunigung einführen möchte in einem großen Naturpark, auch ein ausgestiegener erfolgreicher Manager, der wieder ein nicht ganz rousseauhaftes Zurück zur Natur pflegt, aber den Humor dabei nicht verloren hat – und auf die moderne Beschleunigungstechnik (noch) nicht verzichten kann.

Und schwupps befinden wir uns in Bhutan bei zwei Radiomoderatoren in ihrer Glückssendung oder Opitz unterhält sich mit dem Minister fürs Bruttonationalglück um später in einer der größten Städte festzustellen, dass es mit dem Einzug der modernen Techniken in der Stadt mit dem Glück auch nicht mehr weit her zu sein scheint.

Letztlich ist Opitz nicht unbedingt klüger geworden auf seiner Reise, denn der totale Ausstieg kommt für ihn nicht in Frage, aber das bedingungslose Grundeinkommen, das hat doch eine verführerische Kraft.

Ein Dokumentar- und Sachfilm, den man durchaus im Kino anschauen kann, nicht muss, und der einen sicher mit einem Bündel an Ideen zu den Themen Glück und Entschleunigung aus dem Kino entlässt; unterhaltsam und abwechslungsreich wie eine Tüte mit bunten Bonbons.

Ein trendiges Stück aus der Kino-Modegattung „Weltweite Glücksuche“ – ein reelles Produkt moderner Dokumentarfilmjetsetterei.

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