Liebe

Michael Haneke, der Autor und Regisseur dieses Filmes, reißt der Liebe zu Zeiten des Alterns und des Zerfalls schonungslos die Maske runter. Dafür hat er innert drei Jahren (damals für „Das weiße Band“) dieses Jahr zum zweiten Mal die Goldene Palme in Cannes gewonnen. Cannes selbst ist eine alternde Gesellschaft und dementsprechend dürfte die Jury sich emotional stark berührt gefühlt haben. Denn Haneke macht auf Horror nicht mit Make-Up und Geräusch und Ketch-Up, er lässt ihn sichtbar werden durch genaue Beobachtung, durch haarscharf präzise Inszenierung.

Den Schalk spart Haneke aus. Fast. Nicht ganz. Jean-Louis Trintignant ist Georges, der nicht mehr gut auf seinen Füßen steht und in Gesundheitsturnschuhen selbst zuhause rumläuft. Nachdem seine Frau tot ist, versucht er im weiten Flur seiner Pariser Wohnung mit einer Decke eine durch das offene Fenster des Lichtschachtes sich verirrt habende Taube einzufangen. Wie Trintignant die Decke endlich nach vielen vergeblichen Versuchen über das gar nicht sonderlich verängstigt wirkende Tier werfen kann und wie er sich qualvoll verrenken muss, kommt einem die Idee, Haneke sei die Tier- und Schauspielerquälerei vielleicht gar nicht so fremd. Trintignant erinnert in diesem Moment aber auch an einen traurigen Clown vom Bewegungsablauf her, von der lange vergeblichen Bemühung her und wie er sich unter größten Strapazen vom Boden wieder auf eine kleine Sitzgelegenheit aufrappelt und da sitzt mit der Decke und der reglosen Taube darunter, das erinnert an Bilder großer Clowns.

Seine Wirkung erzielt Haneke, seinen Wahrheitseindruck, obwohl natürlich auch diese Sicht auf die Dinge nur eine Wahrheit zeigt, durch ganz präzises Hingucken und hochkonzentriertes Inszenieren des für seine Erzählung Wesentlichen. Ohne Umschweife kommt er schnell zum Thema: die Pflegebedürftigkeit im Alter. Er fängt mit dem Resultat an: mit dem Auffinden der blumenbestreuten im Bett liegenden Leiche von Anne, gespielt von Emmanuelle Riva.

Eine Tür wird mit einem massiven Gegenstand von der Polizei aufgebrochen. Sie dringenin die Pariser Stadtwohnung ein, deren Flur relativ leer ist; es muss ein unangenehmer Geruch in der Luft liegen, sehr abgestanden; diskret halten sich die Beamten die Nase zu, bis sie zu dem mit Klebeband von außen abgesperrten Zimmer vorstoßen und die Leiche im Bett entdecken. Jetzt kann die Vorgeschichte, die den Film ausmacht, anfangen.

Anne und Georges sitzen erwartungvoll im Publikum, warten auf den Beginn des Konzerts. Nach dem Konzert begrüßen und beglückwünschen sie den Pianisten. Es war, das erfahren wir später, ein Schüler von Anne. Wir dürfen das Ehepaar noch beim Nachhausekommen beobachten, eher aus diskreter Position vom Flur aus. Man spürt, die beiden lieben sich.

Bald schon folgt am Frühstückstisch der Anfall. Anne starrt nur noch ins Leere, ist nicht ansprechbar. Georges versucht mit einem Handtuch mit kaltem Wasser sie ins Bewusstsein zurückzuholen. Plötzlich ist sie wieder da, kann sich an nichts erinnern. Sie muss ins Spital. Bald folgt die zweite Attacke. Jetzt ist Anne sogar halbseitig gelähmt, auf den Rollstuhl angewiesen, auf Hilfe, ein Pflegefall. Kleinste Alltäglichkeiten werden zu dramatischen Herausforderungen. Ein Glück, dass Anne in einem gehobeneren Milieu lebt und in Georges einen hingebungsvollen Kümmerer hat, der wie ein guter Erzieher ihr allerdings auch mal eine Ohrfeige verpasst, wenn sie aus dem Schnabeltässchen keinen Schluck nehmen will.

Haneke nimmt sich jetzt verschiedene dieser alltäglichsten Vorgänge vor, vom Windeln anziehen über das Waschen und Duschen oder das Füttern über die Erfahrung mit einer zweiten, völlig untauglichen Pflegekraft, über Gehversuche oder sogar Versuche von Georges mit „sur le pont d’Avignon“ ihr das Sprechen wieder beizubringen oder indem er ihr Geschichten erzählt.

Auch die Tochter, Isabelle Huppert, die mit ihrer Familie im englischsprachigen Ausland wohnt, taucht ab und an auf und tut sehr sorgenvoll, doch die Mutter ist nicht begeistert, dass sie ihren Mann Geoff mitnimmt. Auch der ehemalige Klavierschüler macht einen Besuch und weiß nicht recht, wie sich verhalten, wie er seine frühere Lehrerin im Rollstuhl sieht.

In den einführenden Szenen präsentiert uns Haneke die Liebe dieses alten Ehepaares, beide in den 80ern, als ein kostbares, zerbrechliches Gut, nachzuweisen an den kleinen Gesten und Tönen oder in einem Angsttraum von Georges, der die Angst vor dem Liebesverlust, vor dem Alleinsein ausdrückt. Oder wie Anne sagt, „c’est bon, la vie, ci longtemps, la longue vie (der Text könnte von Beckett stammen) und dann Georges, der sie beobachtet, anherrscht, „ne m’observe pas!“.

Nach etwa 90 Minuten von den gut zwei Filmstunden gönnt uns Haneke eine kurze Pause, einen „Entracte“ gewissermassen, indem er für einen Moment von seiner konzentrierten Erzählung ablässt und sich in das Bild über dem Bett von Anne vertieft, das er vorher schon ein paar Mal so ganz wie nebenbei in Rahmen der Cadrage hintergründig gestreift hat, ein romantisches Gemälde vom Glück von zwei Personen in einer Felsen- und Baumlandschaft, romantisch, idyllisch, die Liebe wohl, aber mit Ausblicken in die Weite; auf einer entlegenen Straße ein Gefährt, ganz undeutlich, ähnlich wie wir es schon bei Bela Tarr im „Turiner Pferd“ filmeröffnend ausgiebig oder ebenso ausgiebig im brasilianischen Film „Sudeste“ gesehen haben. Ein Gefährt, das für die Fahrt des Lebens, aber auch des Gauklers, für die Liebe, für eine Reise auf holprigen Wegen stehen kann.

Nach diesem kleinen Intermezzo in die Malerei, kann sich die Geschichte nun ihrem dramatischen Ende und dem Ausklang nähern. Für die musikalisch Interessierten: es spielt eine Rolle Schubert und Beethoven, die Bagatellen.

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