Late Bloomers

Das Altern muss etwas Furchtbares und Groteskes sein. Aber es gibt Mittel dagegen. Einige davon werden hier vorgeführt anhand einer Geschichte, die gar keine Geschichte ist, aber mit einem Hauch belgischer Morbidität erzählt wird.

Es könnte ein Vorfilm sein für eine Kaffeefahrt, in der den Alten lauter „ageproof“, altersgerechte Produkte verkauft werden sollen, so da sind, Telefone mit extra-großen Tasten, Betten, die automatisch rauf und runter bewegt werden können, altersgerechte Sitzbadewannen, Anzüge, die die Altersbeschwerden simulieren, Bücher wie „Time to help your Parents“ oder „you and your aging Parents“, kurz alles, was in der „Seniorsphere blüht und kreucht“; und auch Viagra und Red Bull fehlen nicht, letzteres am prominentesten und als einziges als Marke deutlich erkennbar, was so ohne Sponsoring nicht denkbar ist.

Was auch bedeutet, dass Red Bull offensichtlich keine Drehbücher lesen kann, sonst hätten sie die Finger von diesem Product-Placement gelassen. Obwohl Weltstars wie Isabella Rosselini, in jeder Sekunde ganz Dame oder William Hurt sich für diesen Lehr- oder Themenfilm hergegeben haben, was vielleicht wiederum erzählt, dass das Altern auch für Schauspieler scheiße sein muss, dass sie selbst solche Rollenangebote anzunehmen sich gezwungen sehen.

Rosselini und Hurt sind die Oma und Opa in einer weit ausladenden Familie mit einer militanten Panettone-Bäckerin als Uroma, italienischen Ursprungs und in England sozialisiert, mit Kindern, Enkeln und Urenkeln.

Das Gerüst der Nicht-Geschichte ist in etwa das, dass William Hurt als Adam und Gatte von Isabella Rossellini als Mary, eben die Royal Gold Medal für seine Verdienste für die Architektur erhalten hat. Er hatte vor Jahrzehnten den bemerkenswerten Kopenhagener Flughafen entworfen und gebaut und ist auch mit anderen Gebrauchsbauten berühmt geworden. Jetzt geht es darum, Architektur-Nachwuchs darin zu unterstützen, eine moderne Alterssiedlung zu entwerfen, wobei aber, wie ein Freund Adams meint, zu unterscheiden sei, zwischen Alterssiedlung und Swinger-Club.

Mary wiederum braucht mehr Bewegung, sie nimmt ungeschickt an einem Wassergymnastik-Kurs teil, probt den Seitensprung mit einem Schwimmlehrer, während Adam bei den jungen Architekten eine Bewunderin findet, und da er nachts auch noch einen Museumsbau entwirft, zieht er halb ins Studio und lernt von der jungen Frau altersgerechte Sextechnik, die er in der Schlussszene mit seiner Mary und unter der Bettdecke ausprobieren darf.

Es gibt also bei all dem Horror des Alterns ein wenig Hoffnung, sogar ganz ohne Viagra. Es gibt zwischendrin mal den Aufmarsch einer gackernden Schar grauer Panther aus schlecht ausgewählten Komparsen, die Musik die genau dazu passt, die wird zu allen anderen Szenen auch beigemischt, Untertext, Leute, wir erzählen Euch hier eine sehr lustige Story, was einfach leider hinten und vorne nicht stimmt, oder die Uroma verzockt mit einer Runde Alter Geld bei Gerichtswetten, wo es darum geht, die Urteile bei Schnellverfahren vorauszusagen.

Wer so wichtige Dinge erzählt, dem kann keine Zeit für eine interessante Geschichte übrig bleiben.

Zu guter Letzt hat James Mary und Adam im Lift eingesperrt, damit beide nicht an der Beerdigung der Panettone-Urgroßmutter teilnehmen können.

Julie Gavras hat nicht nur mit Olivier Dazat das Buch geschrieben, sondern das Ganze vielleicht eher wie einen Ratgeber, denn wie einen smarten Spielfilm inszeniert: eines nach dem anderen, in Pose gehen, dann den Text laut und deutlich sprechen, es könnten ja Schwerhörige im Zielpublikum sein. Solche Regie geht auf Kosten der Kinogeschmeidigkeit..

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.