Samsara

Als Unique Selling Proposition für diesen Bilder-Buch-Film über die Welt und den Menschen von Ron Fricke dürfte eindeutig gelten, dass er den ganzen Film in 70 mm-Material gedreht und „mit einer speziell für dieses Projekt entworfenen Motion-Control-Zeitraffer-Kamera“ (Pressematerial) fotografiert hat. Das zeitigt großartige Aufnahmen von der Natur und den Städten, von den Massen der Menschen und von Baudenkmälern. Daran kann man sich nicht satt sehen. Auch wenn einem dies und das von anderen Bilderbuch-Filmen über die Welt schon bekannt ist.

Aber alles erfassen geht sowieso nicht. So entsteht ein Bild von der Welt, was photographisch imposant ist: das sind Menschenmassen, ob der Innenhof eines Knastes voller Rhythmus-Tänzer, ob die Gläubigen um die Kaaba in Mekka, ob Soldaten bei einer Parade, ob die Massen auf Straßen und U-Bahnen oder die Massen der Arbeiter in riesigen Fabriken zur industriellen Nahrungsmittelherstellung. Der Mensch, der aufgesaugt wird in der Masse von und in ihr, das fasziniert unseren Fotografen und dagegen stellt er gerne ab und an ein einzelnes Individuum heraus, aber das soll dann leer blicken, soll das Bild vom Kosmos Massenmensch im Einzelnen erhärten: eine Tempeltänzerin, ein Kind aus den Slums, ein Arbeiter aus der Fabrik.

Anfänglich entwickelt der Film einen Sog hin zum Meditativen mit 3 kleinen buddhistischen Tempeltänzern oder Tempeltänzerinnen, einem ausgiebig fotografierten Vulkan-Ausbruch, einer Totenmaske. Und Musik dazu, die das meditative Element unterstützt. Man wähnt sich in einem Film zur Entspannung, es gibt Fahrten über Urwald bis zu einem Kloster auf einem brockenhaften Berg, Fahrten über Wüste und Dünen.

Dann plötzlich folgt ziemlich überraschend eine Büromensch-Performance, ein Bürolist im Anzug fängt an sich mit Lehm zu maskieren, schmiert Farbe aufs Gesicht bis zum Exzess und zur vollendeten Eindreckung.

Dann wieder gibt es Stadtmenschen im Zeitraffer. Anlass, über den Zeitraffer in solchen und ähnlichen Filmen nachzudenken; meiner Ansicht nach haftet dem Zeitraffer überwiegend ein kino-anfängerhaftes Element inne, erzählt mir, dass der Autor unendlich viel erzählen möchte und also die Zeit rafft, wobei im Endeffekt, immer eher ein kindischer Effekt zustande kommt – der in letzter Zeit in einigen solcher und ähnlicher Filme zu beobachten war – meiner Meinung nach etwas too much. Es folgen, Indoor-Schneepiste, Dubai, Burj al Arab.

Die Frage bei solchen und ähnlichen Filmen, die gestellt werden muss, ist die nach der Relation von Aufwand und Substanz. Ron Fricke war 5 Jahre unterwegs, die Frage ob das Ergebnis mehr ist als nur ein buntes Sammelsurium kalenderschöner Bilder, die inzwischen jedem Menschen mit einem Computer oder Besucher eines Buchladens im Übermass bekannt und zugänglich sein können, ob mit der Zusammenstellung der Bilder auch eine These vertreten wird, die den Zuschauer über den Kinobesuch hinaus beschäftigt, sorry, mir scheint das hier nicht der Fall zu sein, auch wenn im Pressetext vom unaufhörlich sich drehenden Rad des Lebens geschrieben wird, vom ewigen Kreislauf des Entstehens und Vergehens, so ist das doch so allgemeinplätzig gehalten und kann vom Film auch gar nicht eingelöst werden.

Es kommen weiter vor eine Waffenfabrik, afrikanische Särge in der Form von Flugzeugen (auch die ein Sujet, was gerne für bunte Blätter und Magazine aufgegriffen wird), hier wird man Zeuge einer Beerdigung in einem Sarg, der die Form eines Revolvers hat, was der Autor benutzt, um zur Waffenproduktion umzuschwenken, auf Bewaffnete und auf mit Kriegsbemalung geschminkte Afrikaner mit Waffen, auf die Frau mit dem rosa Gewehr: Hausfrauengewehr. Vielleicht erzählt gerade so ein Versuch kurzfristiger Sujet-Verknüpfung viel über die inhaltliche Desorientiertheit bei solchen Filmen.

Ron Fricke hat kein klar eingegrenztes Thema. So überbordet denn die Fülle der schönen, eindrücklichen Bilder in Beliebigkeit. Es kommt die Mauer, die Israel gegen Palästina hat errichten lassen, es kommt Rom, es kommt die Klagemauer, es kommen U-Bahnen in Tokio oder China im Zeitraffer, Autoabwrackbetriebe oder Verladung von Autos im Zeitraffer auf einen Tanker, Fabrikarbeiter in rosa Schutzanzügen, eine Riesenmelkmaschine für Kühe, alles Bilder, die man in einem Bildkalender unterbringen könnte. Auf die Nahrungsmittelindustrie, kurzer inhaltlicher Nexus, folgen Bilder aus einem Supermarkt, aber auch nur eine kurze Gedankenkette, die gleich wieder abbricht; dann noch Leute, die Hamburger in sich hineinschlingen und logischerweise folgt darauf der Arzt, der eine Fettabsaugung vorbereitet. Und dann des Ausgleichs halber noch ein paar Drehtage in Istanbul.

Mundo curioso, sensational World, Nutten, die sich auf kleinen Plattformen präsentieren, eine Geisha in Japan; Müllwühler, Slumbewohner; Elektroschrott-Ausschlachter; die Schwefelarbeiter, die wir schon aus „Workingman’s Death“ von Michael Glawogger kennen, dort allerdings in thematisch streng eingegrenztem Zusammenhang. Ach ja, die Pyramiden von Gizeh, die dürfen in solchen Bildersammlungen offenbar nicht fehlen.

Der Film will vielleicht ein Weltendeckungsfilm sein, ein Weltoffenbarungsfilm, kommt aber über eine Ansammlung von bildwerten Bildern nicht hinaus. Da kannst du genau so gut in einem Bücherladen gehen, in gebrauchten Bildbände stöbern, so entsteht hier der Eindruck eines Stöberfilmes, ein Weltstöberfilms. Aber der Mann hat 5 Jahre dafür aufgewendet, hat viel Kerosin verflogen um das Bildmaterial zusammenzutragen, das zu keiner Geschichte sich fügt. Der Film kommt zwar ohne Text aus, was zwiespältig interpretiert werden kann, denn ergo braucht er keine Übersetzungen.

Der Filmemacher vermittelt uns vielleicht mehr den Eindruck von des Fotografen eigener Beeindrucktheit von der Welt und von seiner Art Bilder zu schießen, Bilder, die Macht ausdrücken oder Masse, gerne auch im Zeitraffer, die nicht das Individuelle am Menschen oder seinen Geschichten suchen.

Nach etwa 90 Minuten biegt der Film in die Anfangsschleife ein – kurz blitzt jetzt der Gedanke auf, da hätte vielleicht eine Geschichte draus werden können.

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