Magic Mike

Einer von Steven Soderberghs kleinen Filmen, die gerne meisterhaft skizzierte Milieustudien sind.

Hier geht es um das männliche Stripper-Milieu. Grundlage für das Drehbuch von Reid Carolin sind Erlebnisse und Schilderungen des Hauptdarstellers Channing Tatum, der selbst als Stripper gearbeitet hat; Soderbergh und Carolin haben daraus eine Studie gemacht. Die zurückgelehnte Betrachtungsweise wird durch die Verwendung ausgebleichter Farben zusätzlich deutlich, die Bilder wirken wie aus einem verblassenden Fotoalbum. Um so mehr kommt die exakte Beobachtung durch Soderbergh zur Geltung; es wirkt alles sehr authentisch.

Vielleicht kommt der Eindruck von Authentizität auch dadurch zu Stande, dass er mit einer relativ langatmigen Exposition, garantiert nicht wie bei einem Thriller, anfängt, und die in merkwürdigem Gegensatz zu der kurzen Zeit von drei Monaten des Geschichtszeitraumes steht, was Adam, der Neuling da alles erlebt, welche Karriere er macht und auch der Kurzweiligkeit dieser knapp zwei Stunden Filmstudie.

Vorangestellt wird ein Show-Act der „Cock Rocking Kings“ von Tampa. Perfekt inszeniert, perfekt gespielt – und doch mit diesem Touch von Provinzialität sei es des Genres oder dieser speziellen Gruppe charmant angereichert – wie auch alle weiteren Show-Acts das Typische des Men-Strips einprägsam herauspicken und herausstellen.

Der Film fängt im Juni an, das ist Kapitel 1 von 3en.

Übrigens trägt auch die sorgfältige deutsche Synchronfassung durchaus zur distanzierten Betrachtungsweise eines Soderbergh bei, wenn ihr vielleicht auch das ganz leichte Lächeln um die Lippen fehlt, das um Soderberghs Mundwinkel zucken dürfte, um es mal bildlich auszudrücken.

Dann wacht der Protagonist, der etwa 30jährige Mike nach einer Nacht mit zwei Frauen auf. Er ist der Star von Dallas‘ Striptruppe. Dallas ist der Chef, der Kopf, der Impresario, der selber auftritt und moderiert, ein zielbewusstes Unikum, wie es nur wenige Branchen hervorbringen dürften. Die Morgen-Szene zeigt, was für ein lockeres Verhältnis Mike zu den Frauen hat, er nimmt sie mit, man liebt sich und weiß womöglich nicht mal, wie sie heißen.

Dann geht Mike, der verschiedenen Jobs nebst der Stripperei frönt, zum Bau. Dachdecken ist angesagt; es gibt eine kleine Diskussion über den Stundenlohn, zehn oder 20 Dollar ist die Frage; was wäre ein Freundschaftspreis. Hier lernt Mike Adam kennen, der auch seine Gründe hat, einen solchen Job anzunehmen. Die beiden verstehen sich, Mike nimmt Adam nach der Arbeit in seinem Auto mit. Am Abend schleust er ihn an einer Warteschlange vorbei in eine Disco.

Dort soll Adam, ein vielleicht 19 jähriger junger Mann, ein Typ, der bestimmt einige Talente hat, aber nicht so recht weiß, was damit anfangen, eine junge Frau mit Krönchen und Miss-Schärpe und deren Freundin anmachen und als Zuschauerin für die Männer-Strip-Show, in der Mike der Star ist, gewinnen. Das funktioniert auf Anhieb.

Mike nimmt Adam mit in die Garderobe, er kann mit Kleinigkeiten und Handreichungen sich ein paar Dollar verdienen; für so etwas ist einer wie er zu haben; eine Wonne, wie Soderbergh das schildert, wie Adam in der Garderobe ankommt, wie sie ihm einen „Initiations“-Job als Assistent geben, er soll einem der Darsteller das Bein weiß sprayen und dann noch einreiben, wobei letzteres ein Scherz war, aber das verdutzte Gesicht, das kurze Zögern, was sich da in ihm so alles abspielt, das ist grandios inszeniert und gespielt.

Zur Beschleunigung der Story greift Soderbergh nun zu einem altfunktionierenden dramaturgischen Kniff, damit er das Talent Adam auf die Bühne kriegt: eine Nummer ist ausgefallen, und so wird Adam vollkommen unvorbereitet auf die Bühne geschickt, allzu hemmungsbeladen ist er nicht; zieht sich aber so aus, wie er es zuhause gewohnt ist, und erntet gerade durch diese Naivität, diese dem professionellen Charme entgegengesetzte Naivität ein begeistertes Echo von der kreischenden Frauenschar, erst recht, wie er sich einer auf die Knie setzt und sie auch noch küsst, was ein Tabu-Bruch ist.

Er wird jetzt von Dallas gecoacht, auch das eine wunderbare Szene in einem öffentlichen Fitness-Center.

Über Mike erfahren wir in einer Szene mit seiner Freundin des weiteren, dass er sich mit dem Entwerfen von individuellen Möbeln selbständig machen möchte. Er taucht mit einem dicken Bündel an Dollars (die er vorher von Zuschauerinnen in den Tanga gesteckt bekommen hat und die in einem ganz besonderen Verfahren wieder glattgebügelt werden müssen, auch das sind Details von Überzeugungskraft – aber die Dame von der Bank hat davon keine Ahnung) bei einem Kreditinstitut auf; doch die haben ihre Vorschriften.

Inzwischen hat sich – auch das eine aparte Konstellation – herausgestellt, dass Adam ausgerechnet die Schwester von einer der Frauen von Mike ist. Brooke heißt sie und ist ein sehr skeptischer Typ, eine skeptische Schönheit, die nicht gleich begeistert tut, sondern sich erst ihr Teil denkt, wobei sie aber nicht prüde ist. Sie ist nur besorgt um ihren Bruder, schaut sich die Show einmal an – ein Superkontrapunkt zur hysterisch schreienden Frauenmasse im Publikum. Gegensätze, die solche Bilder schon aus sich aus spannend machen.

Adam integriert sich bald in die Truppe, wir ein neuer Star. Und Dallas fängt an Träume zu spinnen von einer Umsiedlung nach Miami, von der Eröffnung eines Clubs dort, das wäre ein Vorwärtsschritt weg von Tampa. Aber der Rausch des Erfolges, des Umjubeltseins hat wie selbstverständlich seine Schattenseiten: Alkohol, Ecstasy, trübe Deals.

An Adam ist spannend, dass er offen ist, dass er nicht besonders ehrgeizig ist, dass er auf den Geschmack von Geld und Spaß und Frauen kommt wie nie zuvor, dass es um das Mitnehmen geht, um den Tag, nicht um längerfristige Ziele. Während Mike etwas Künstlerisches, Möbeldesign, aufbauen will.

Gegensatz zwischen amateurhafter und professioneller Begeisterung.
Adam der Sorglose, Unambitionierte. Der Nicht-Karrierist, der nimmt, was sich ihm bietet.

Durch seine Erzählart bekommt der Film einen Hauch des Künstlerisch-Dokumentarischen, das als etwas ganz Normales vorgeführt wird, was halb auch desillusionierend wirkt, aber nicht weil Soderbergh mit dem Zeigefinger drauf deutet, sondern weil er vorgibt, es zu zeichnen, so wie es ist.

Ein Film geeignet zur könner-, gönner- und genusshaften Betrachtung. Man sollte müssig durch den Film hindurchgehen, wie durch eine Sammlung von Skizzenblättern eines Meisters, in jeder Szene kann auf eine Besonderheit hingewiesen werden, was sie einmalig macht.

Ich liebe Dich, ich liebe Dich, ich liebe Dich, der Kumpel liegt mit einer Frau im Bett, Adam kommt mit einer anderen Frau dazu, sie erklären sich im Kreis verbal die Liebe, sehr eigene – sarkastische? – Szene.

Mit steigendem Erfolg entwickeln sich auch die wirtschaftlichen Diskurse über die Verteilung von Anteilen. Ganz normal.
Wenn man den Film „beschreiben“ würde, Szene um Szene, und dann Fotos dazu, ich bin sicher, es würde ein sehr anregendes Buch daraus, das man intensiv, ausgiebig und angeregt studieren könnte.

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