Das Haus auf Korsika

Eine aus der Synopsis des Pressematerials destillierte Kurzzusammenfassung des Filmes könnte lauten: 30jährige Frau, die in einer lustlosen Lebensroutine lebt, erbt ein Haus auf Korsika. Dass dieses Haus ihr Leben verändern wird, das wird die empirische wie die logische Konsequenz sein.

Es gibt jede Menge Filme, die so oder ähnlich anfangen. So überlege ich mir vor dem Screening, was es bräuchte, um so eine an sich nicht gerade umwerfende Story spannend und frisch und aufregend zu machen; es bräuchte wohl exquisite Darsteller, exquisite Ideen, exquisites Studium der Charaktere. Ein Mensch in einer Routine, in einer festgefahrenen Beziehung, ein Ereignis tritt ein und verändert alles. So werden solche Filme in der Kurzangabe gerne auch zusammengefasst und das wäre zumindest solides Drehbuchrezept.

Hier stirbt die Oma von Christine, der Protagonistin. Christine arbeitet in der Pizzeria ihres Schwiegervaters. Irgendwo in Italien. Was tun mit der Urne, das ist die eine Frage. Die andere wirft die Testamentseröffnung auf. Christine erbt nämlich ein Haus auf Korsika, von dem niemand in der Familie etwas wusste. Da die Stimmung zwischen ihr, ihrem Mann und ihrem Schwiegervater nicht sonderlich gut ist, findet sich bald ein Anlass für Christine, mit kleinem Gepäck und Hals über Kopf sich auf den Weg nach Korsika zu machen, nach dem Ort, der lustigseinsollenderweise Mausoleo heisst.

Bis hierher geht Pierre Duculot, der Autor und Regisseur dieses Filmes, direkt auf sein Ziel zu, kurze knappe Szenen skizzieren die Ausgangssituation, den Hals-über-Kopf-Aufbruch aus der Routine, die Ankunft auf Korsika, die ersten Begegnungen, die zusehends auf die Problematik des Erbes aufmerksam machen, die Hindernisse auf dem Weg nach Mausoleo. Die Zeichnung der eher abweisenden oder scherzenden korsischen Männer am Rande der Wildheit. Die ersten Begegnungen in Mausoleo, die Erstbesichtigung des Erbstückes, einer halben Ruine. So weit so gut, so weit so pragmatisch. Bis jetzt dominiert der Eindruck eines Kinos, das den Geist des Zuschauers beschäftigt, oft sind Entscheidungen fällig, eines kommt zum anderen.

Dann aber fängt es sich an zu rächen, dass der Autor, dessen Familienname ein Künstlername sein könnte, Duculot, Culot heißt laut Leos: Bodenkappe, Dreistigkeit, Frechheit, Gehäuse, Gerissenheit, Glühlampensockel, das „du“ meint „vom“, der sich also möglicherweise seiner besonderen Dreistigkeit loben möchte, wird dann allerdings sehr, sehr brav, also wie gesagt, rächt sich jetzt, dass er vielleicht nur dreist sein wollte, wird dann ganz brav, fängt jetzt auf der Alm, fast auf der Alm, oder erst mal in Mausoleo eine Liebesgeschichte mit dem Ziegenhirten an. Weil ihm nichts anderes eingefallen ist?

Denn der Mann von Christine zuhause ist nun nicht gerade ein Temperament- und Intelligenzbolzen. Somit fängt die Geschichte an soapig zu werden. Ich würde das darauf zurückführen, dass der Autor die Konfliktstruktur der Hauptfigur nicht genügend analysiert hat, dass er darauf verzichtet hat, ihr eine brisante Eigenschaft zuzueignen, die die an sich gut und solide geplanten weiteren Szenen in einen zwingenderen Zusammenhang brächten als wie nur hier, wo es einem vorkommt, als wolle er einfach verschiedene Aspekte dieses Abenteuers von Christine noch herausarbeiten; das wirkt erfunden, führt dazu dass die Verhältnisse und Situationen zusehends klischeehaft werden, und damit nicht gerade aufweckend für einen Zuschauer; es fehlt die Resonanz zum Leben, wie es der Zuschauer außerhalb des Kinos kennt.

Die Liebesszenen sind nicht eben aussagekräftig. Was diesem durch und durch ordentlich und solide gebauten Film fehlt, ist schlicht das Besondere. 30 Jahre war die Frau „raisonnable“ gewesen, vernünftig, jetzt behauptet sie, nicht mehr vernünftig zu sein? Eigentlich handelt sie doch ganz vernünftig, zu überlegen, das sind eigens ausgearbeitete Szenen, ob das Haus für 40’000 Euro verkauft werden soll oder ob man den kühnen Reparaturentwurf des Architekten für 90’000 zustimmen soll. Solche Szenen verleihen dem Film momentweise den Touch eines Schulungsfilmes, eines Lehrfilmes für Hausrestauration vor lauter Sachlichkeit, was auch Christine eher als mittelmässig sachlich definiert, also gerade kein besonderes Interesse an ihr weckt.

Ferner muss noch eine Art Leidens- und Versöhnungs-Story mit der Familie ihres Mannes her, das scheint mir reichlich erfunden, als Füllmaterial für die dünne Geschichte auf Korsika zurechtgebogen; aber das passiert exakt dann, wenn ein Charakter nicht gründlich genug studiert wurde und also nicht ergiebig genug ist für eine dynamische sich entwickelnde Geschichte.

Schließlich noch, auch das ein Symptom des Ersatzes für mangelnde Figurbearbeitung, die nervige Streichermusik, wenn Christine auf der Alp den Hirten sucht und durch den Steingarten irrt. Auch die Besetzung mit Christine als einer eher schwerblütigen Frau ist nicht dazu angetan, Interesse mittels Brisanz zu wecken. Weiterer witzig sein wollender Name: Roman Nervoso ein Musiker, der Hard Core Musik macht. Diesem Film fehlt die Kinoradikalität, er bleibt zu brav, zu anständig, zu grundsolide und will mit Namensgebungen originell sein.

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