Holidays by the Sea

Eine dezidierte Hommage und eine Reflektion des Zeichners Pascal Rabaté zu Jacques Tatis „Les vacances de Monsieur Hulot“.

Wenn man sich vor dem Screening versucht, den Tati in Erinnerung zu rufen, so fällt auf den ersten Blick auf, dass Rabaté tatsächlich statischer inszeniert, nicht ganz so filmgeschmeidig wie Tati, aber bald schon versteht Rabaté es, einen für dieses kleine zeichnerisch-filmische Werk zu vereinnahmen.

Die Behauptung, dass alle finster schauen müssen, damit es komisch sei, dieser Eindruck trügt. Dieser scheinbar oberflächliche Billig-Effekt ist nicht das, was Rabaté interessiert, das wird man bald feststellen.

Die Grundstruktur des Tati-Filmes ist hier in eine groteske Rahmenhandlung eingebettet, der Auftritt einer Märchen-Pop-Gruppe in einem Schulauditorium vor lauter Kleinkindern, die nicht eine Miene verziehen. Und am Schluss sind lauter Alte im Saal, die verstehen, die tanzen sogar zu der Musik, die Frage suggerierend, wer will und kann Tati heute noch verstehen? Tatis Filme werden auf jeden Fall immer wieder gezeigt.

Aber die Zeiten ändern sich. Heute gibt es keinen Tati mehr, keinen leibhaftigen, der selber im Film auftreten könnte, mit seiner grandiosen Haltung aus zu langen Beinen und einer offensiven Freundlichkeit gegen jedermann. Heute muss eine Hommage an Tati ohne Tati auskommen. Wir sind in einer tatilosen Zeit. Dass das auch geht, das beweist Rabaté.

In der Haupthandlung behält er die Grundstruktur der „Ferien des Monsieur Hulot“ bei, die Leute kommen an, die Ortschaft ist verblüffend ähnlich, wenn nicht die exakt gleiche, allerdings mit großem Teerparkplatz modernisiert, die Leute erleben ihre Urlaubsverwicklungen und reisen nach weniger als 77 angenehm kurzen Kinominuten wieder ab. Das ist klug gemacht, den Tati nicht toppen zu wollen, ihm lediglich die Referenz erweisen zu wollen, aus einer sich bescheidenden, distanzierten aber nichtsdestoweniger verehrenden Sicht und Haltung heraus. Dann aber reicht es dem Filmemacher, alle reisen ab, die Läden werden verriegelt, an den Hauswänden prangen Schilder „à vendre“ zu verkaufen oder die Restbuchstaben einer abblätternden Inschrift ergeben gerade noch den Schriftzug „Ca M suffit“, das genügt mir, es reicht. Mehr geht nicht. Näher ist an Tati nicht ran zu kommen. Auch das ein Hinweis auf gesundes Urteilsvermögen dem eigenen Werk gegenüber und wohltuend für den Film.

Es ist die Suche eines jedem nach seinem kleinen Glück, die der Suche der anderen nach ihrem kleinen Glück ständig in die Quere kommt und so unendlich viele Komplikationen verursacht, bis ein böser Sturm die kleinen Idyllen auf den Kopf stellt.

Kleines Glück ist für das Tramperpaar mit den zwei Hunden, am Strand zu liegen und Liebeserklärungen in den Sand zu schreiben, die die nächste Flut wieder wegfegen wird oder für das ältere Paar, das ein Häuschen gemietet hat, gerade so groß, dass zwei Menschen drin liegen können, beim Scrabble Liebeserklärungen zu schreiben und wenn der Sturm alles durcheinander gefegt hat, findet der Gatte ein Jugendbild seiner Frau und verliebt sich erneut. Ein Todesfall ist eine weitere Storyline, die Asche aus der Kremationshalle weht es zu den Campern und directemeng in den Kaffe eines älteren Herren, der nicht recht weiß, wieso der Kaffee jetzt, hm, so eigenartig schmeckt.

Ein Masochist in Lederkluft bestellt eine Domina ins Hotel, die fesselt ihn unfein ans eiserne Bettgestell, nimmt seine Klamotten mit, legt sie auf den öffentlichen Mülleimer und haut ab. Oder ein Papierflugdrachen, der davonfliegt, kann ein Liebe übers Kreuz bei zwei Paaren auf wunderbar verrückte Weise in Gang setzen. Glück für die Jungen, die sind das Tramperpaar und die beiden Jungs aus dem ärmlichen Supermarkt mit zwei Campermädels, ist das ganz konservative Lagerfeuer mit einem Stück Fleisch am Spieß. Im Supermarkt gibt es übrigens ein, ein einziges, Bavaria Bier.

Ferner kommen vor: ein Nudistencamp, ein Golfplatz (wehe dem Kaninchen, das im falschen Moment aus einem Golfloch schlüpft!), eine stramme Familie, mit einem Familienzelt, was den Grundriss einer romanischen Kirche hat mit Apsis und allem Drumunddran.

Zentrale Location ist wie bei Tati, das Hotel vor Ort, es ist das „Grand Hotel de l’Océan“; einmal essen auch viele der Protatonisten hier, die einzigen, die wirklich dick Meeresfrüchte und dergleichen auftragen lassen, das sind die beiden Diebe, die in ihrem Golfgefährt die Gegend unsicher machen.

Ich würde mir nach diesem Film nicht anmassen zu sagen, ich hätte den Tati besser verstanden als der Zeichner Rabaté. Vielleicht ist der Film geeignet, sich erneut mit Tati auseinanderzusetzen, zu fragen, ob das, was Rabaté sieht, wirklich das zentrale Interesse auch von Tati war, diese kleinen privaten Glücke, die wie ein Drache im Wind fliegen, die von Umständen abhängen oder getroffen werden, von einem Tennisball und verheerende Wirkungen haben, oder der Trauergast mit dem Schluckauf, der so ein kleiner, unpassend heller Ton war.

Der Film kommt praktisch ohne gesprochenen Text aus, selbst wenn mal Fernsehen oder Radio zu hören ist, so scheint es ein Fantasiefranzösisch zu sein mit nur einzeln verständlichen Worten und sonst einfach musikalisch französisierendem Wortsalat.

Die Deutschen kommen auch vor, in Form des Blockhauses, das jedem Sturm standhält, Hort der Stabilität, hoffen wir, das Bild gilt auch für den Euro, bevor seine Krise die Millionen europäischer Familienidyllen durcheinanderwirbelt!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.