Der Verdingbub (Filmfest München)

Einen harten Stoff hat sich Markus Imboden für diesen Schweizer Kinofilm ausgesucht, zu dem Plinio Bachmann das Buch geschrieben hat.

Verdingbuben waren Waisenkinder oder Kinder aus sozial zerrütteten Familien, die sich bei Bauern verdingen mussten. Sie wurden fast wie Leibeigene gehalten. Sie mussten auf dem Hof mithelfen, erhielten dafür ein Dach über dem Kopf, auch wenn es im Stall oder ein schäbiges Abstellkämmerelein war und auch zu Essen und wie in unserem Fall, der vom Verdingbub Max handelt, noch ein regelmässiges Haushaltsgeld für den Bauern vom Pfarrer dazu.

Wie die Kinder gehalten worden sind auf den Höfen, die von merkwürdigen Schweizer Zombies bewirtschaftet wurden, das interessierte keinen, niemand kümmerte sich darum, welchen Schikanen sie ausgesetzt waren, ja die sehr wohl wissende Öffentlichkeit (Bürgermeister, Pfarrer) ignorierten das schreiende Unrecht geflissentlich, deckten es sogar.

Bei Bachmann/Imboden muss der Bub Max gleich bei der Ankunft auf dem Bauernhof die guten Schuhe ausziehen und auf dem Hof barfuß gehen, das verlangt die Bäuerin, Katja Riemann in einer Glanzrolle als vierschrötiges Weib mit schwerem bäuerischen Schuhwerk, die noch dazu wunderbar auf Schweizerdeutsch nachsynchronisiert worden ist.

Max ist anfänglich überglücklich ein eigenes „Zimmer“ zu erhalten, was aber mehr ein Verschlag im Stall ist. Warum er das zuerst schön findet, ist nachvollziehbar, denn wir haben vorher einen Einblick in den Schlafsaal des Waisenhauses erhalten, fröstelnde Gestalten zwischen unfreundlichen Eisenbetten.

Max hat etwas Besonderes dabei: das ist ein Akkordeon, und er ist ein begabter Akkordeon-Spieler. Sein Traum ist, wie er das erste Mal am Radio ein argentinisches Bandaneon hört, nach Argentinien auszureisen und dort als Musiker zu leben. Die Hauptfigur, die durch grauenhaftes Unrecht und Misshandlung gehen wird, mit einer solchen Musikneigung auszustatten, ist sicher ein geschickter Schachzug des Autors. Das macht eine Figur interessant, gibt ihr ein Gegengewicht zu den Brutalitäten, die sie erleben wird.

Auf dem Hof gibt es keinerlei menschliche Zuneigung, gar Zärtlichkeit oder Verständnis. Der Vater ist ein brutaler Alkoholiker (obwohl gerade ihm der Max anfänglich ganz gut gefällt), der Sohn kommt aus dem Militär zurück, scheint auch ziemlich dumpf, die Großmutter liegt bald schon im Sterben und es kommt noch ein Verdingmädchen dazu, eines der Töchterchen einer Fleischerfamilie im Dorf, deren Vater gestorben und die Mutter mit den drei Mädchen überfordert ist. So hat der Bub denn wenigstens eine solidarische Person auf dem Hof.

Zur Schule müssen und dürfen sie immerhin gehen, ein Rest Zivilisation bleibt auch für die Verdingkinder erhalten. Die Lehrerin bemerkt schnell das Musiktalent von Max, setzt es in der Schule und beim Fest der Ringer ein. Aber weil der Sohn des Bauern beim Schwingen verloren hat, besäuft er sich, legt sich mit Max an, verbrennt ihm sein Musikinstrument.

Auch auf dem Hof wird Max jetzt brutal geschlagen mit Gürtel und Berteli, das Mädchen, muss sich auf die spitze Kante eines Holzscheites knien und wird drauf niedergedrückt. Es kommt ferner zu einer tierischen Vergewaltigung durch den Bauernsohn und im Gefolge dessen zu einem nicht weniger scheußlichen Abtreibungsversuch mit Rizinusöl und in dessen Gefolge zu einem zweiten Gang der Bestatter auf den Hof mit dem düsteren Namen „Dunkelmatte“, denn bevor Max dort ankam, ist uns gezeigt worden, wie sein Vorgänger in der Holzkiste weggetragen worden ist, kein Mensch hat sich für die Todesursache interessiert und wie der Pfarrer, der der Kirche nun nicht gerade zur Ehre gereicht in dieser und seinen weitere Handlungen, den Max abliefert, hofft er, dass es mit diesem ein bisschen länger anhalte.

Sachverhalte, die der ach so humanen, ach so neutralen Schweiz mit dem Sitz des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz, ans Eingemachte gehen, weshalb der Film dort auch sehr gut angekommen ist.

Zur cineastischen Umsetzung dieses dunklen Kapitels der fast sklavenmässigen Haltung von Menschen in der Schweiz bis in die 70er Jahre des letzten Jahrhunderts wäre anzumerken, dass schon die Nennung der vielen Produzenten inklusive Degeto in den Vorspanntiteln ärgerlich ist und den Film gleich zu Beginn eher als einen funktionärshaften Verwaltungsakt denn einen universellen Kinofilm erscheinen lässt. Fürs Publikum sind doch vor allem die Darsteller, der Autor und je nachdem noch der Regisseur von Interesse aber doch nicht Produktionsfirmen oder Filmförderer, die beim Kinoerlebnis bittschön im Hintergrund zu bleiben haben.

Ein Problem scheint für mich die zeitliche Einordnung zu sein. Der Schlafsaal am Anfang, der lässt einen weit zurück im letzten bis ins vorletzte Jahrhundert denken. Andererseits ist im Dorf unverhältnismässig viel Boden zugeteert, versiegelt. Vermutlich ist es in der reichen Schweiz schwierig noch Höfe zu finden, die nicht modernisiert sind.

Was fürs große Kinoerlebnis fehlt, für ein international vermittelbares, das ist die Weite, das wären landschaftliche Zwischenschnitte, die gibt es zwar, aber nur allzu hastig, als hätten die Macher Angst, es könnte irgendwo ein Handymast oder dergleichen entdeckt werden. Überhaupt arbeitet der Film fernsehmässig mit viel zu vielen Close-Ups, den etwas geübteren Zuschauer ständig vermuten lassend, da sollte vermieden werden, dass gewisse Dinge, die nicht in die Zeit passen, zu sehen sind.

Auch der Bauernhof der dunklen Matte scheint aus verschiedenen Locations zusammengestückelt zu sein – oder wieso wurde auf eine orientierende Gesamtansicht verzichtet?

Dann das Buch: macht den typisch deutschen und offenbar auch schweizerischen Fernsehfehler, dass es thematisch vorgeht und nicht personifiziert, wobei die mit Max Hubacher einen wunderbaren Hauptdarsteller haben und diesen mit der Besonderheit des Musikalität und der Freude am Akkordeon mit einem wichtigen charakterisierenden und auch künstlerisch dankbaren Merkmal ausgestattet haben, das nicht nur schöne Gegengewichte gegen die oft schier unerträgliche Brutalität auf dem Hof setzt, sondern auch noch die Chance für einen richtig schön sentimentalen Schluss gibt. Das wiegt zum Teil auf, dass das Buch nicht konsequent aus der Perspektive der spannungserzeugenden Konflikte von Max geschrieben worden ist, sondern doch primär unter der Prämisse, einen Film zu machen, der dieses verschwiegene Kapitel der Schweizer Gesellschaft aufdeckt, ein Film der „aufzeigt“ wie brutal und menschenverachtend mit diesen Verdingkindern ohne Besitz und Lobby umgegangen worden ist. Auf andere zeigen.

So bleibt das Kino doch vor allem thematisches Aufzeigekino, was meines Erachtens den Wirkradius doch sehr auf die Betroffenen, in diesem Falle also die Schweizer, einengt. Schaut her, so brutal ist es in unserem Lande bis vor nicht allzu lange Zeit noch zugegangen. Den Zuschauer Brutalitäten aussetzen, gegen die er nichts unternehmen kann. Nicht das exklusivste Kinoprinzip.

Zum Casting: was den alten und den jungen Bauern betrifft, scheint in der Zombie-Kartei (die Bäuerin sagt ja im Drehbuch, ihr Mann sei ein Vieh, es gibt auch eine eher linkische Sexszene im Bauernbett, die das belegen soll), gewühlt worden zu sein; im übrigen stellt sich das Gefühl einer Gemeinschaft, wie sie bei allem Streit, bei allen Brutalitäten über kurz oder lang auf so einem Hof wie hier bei den Bösigers zwangsweise entsteht, überhaupt nicht ein; das mag einerseits am Casting, aber auch an der Regie gelegen zu haben.

Brisant an diesem Film ist das Thema und das vor allem für die Schweiz, brisant ist nicht die Machtart.

Fazit: Ein TV-degetohaft-verkürztes Verständnis von Kino serviert uns Schweizer Zombies mit deftigen Schweizer Brutalitäten, zeigt auf ein dunkles, inhumanes Kapitel der Schweiz.

2 Gedanken zu „Der Verdingbub (Filmfest München)“

  1. ja der Film zeigt ein dunkels Kapitel aus der Geschichte der Schweiz. Aber wurden Waisenkindern nicht in ganz Europa unmenschlich behandelt?
    Schiesst nicht einfach gegen die Schweizer oder gegen Schweizerbauern, es gab nähmlich auch gute und sehr wohl auch zärtliche Schweizerbauern. Zombies, ich würde mal sagen solche Zombies gab es auf der ganzen Welt überall. In Deutschland müsstet ihr dies ja sehr genau wissen. Was dazumals alles von Deutschen verrichtet wurden ein paar Jahrzehnte bevor diese Film spielen sollte… Auch die zeitliche Einordnung ist gar nicht so unklar, Heime waren sehr lange noch sehr trist gehalten worden. und der Bauernhof war wirklich alles andere als modern der ist definitiv zimliech alt. Auch das es in einem Dorf asphaltierte Strassen gab war in der Nachkriegszeit nicht so sehr unüblich zudem zum Hof selbst führte ja ein schlechte Feld-/Wiesenweg.
    Macht doch bitte Filmkritik und nicht einfach Kritik gegen euren Nachbarn.

  2. Hallo Christian,
    vielen Dank für das Feedback.

    Den Begriff Zombies verwende ich lediglich für die drei Figuren Bauer, Bäuerin und Sohn in diesem Film, um zu verdeutlichen, wie sie auf mich wirken; den Begriff auf die Gesamtheit der Schweizer Bauern auszudehnen, das ist offenbar Ihre Aktivität.

    Von einem Verdingbub-Problem in Deutschland ist mir nichts bekannt; hingegen werden hier jede Menge Internats- und Kirchenskandale aufgearbeitet, die Jugendliche betreffen.

    Das mit der zeitlichen Einordnung bleibt für mich ein Problem. Es kann ja nicht sein, dass der Bub irgendwann zur Schule gegangen ist. Vielleicht können Sie mir helfen: in welchem Jahr kam der Bub im Film auf den Hof? War es 1950, 1960, 1970 gar? Vielleicht ist mir die genaue zeitliche Einordnung entgangen.

    Was den Teer betrifft, da haben Sie allerdings recht, der Weg zu dem Hof ist ungeteert. Ich habe aber auch nicht das Gegenteil behauptet, ich habe geschrieben „im Dorf“ sei unverhältnismässig viel Boden versiegelt oder zugeteert. Andererseits konnte ich mir vom Hof kein klares Bild machen und das beschreibe ich deshalb als irritierend, weil ich an so einer Unklarheit hängen bleibe, weil sie mich abzulenken droht.

    „Der Verdingbub“ kommt hier übernächste Woche ins Kino. Gleichzeitig startet mit „Die Kinder vom Napf“ ein weiterer Schweizer Film in Deutschland und da werden Sie sehen, dass ich einem Schweizer Film viel Positives abgewinnen kann; „Die Kinder vom Napf“ kommt herzerfrischend wach daher. Dagegen dürfte es der cineastisch schwerfällig-schwerblütige und offensichtlich stark gremiengeschädigte „Verdingbub“ hierzulande schwer haben.

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