Sind diese Verhältnisse jetzt noch menschlich oder schon tierisch zu nennen? Ist es das wirtschaftliche Elend, das die Verhältnisse so werden lässt? Ist es eine Vorahnung dessen, was auf uns zukommen könnte, wenn es den Euro zerbröselt?
Menschen am Rande des Vegetierens, aber noch vor filmischem Zombietum. Einsame, fotogene Gegend irgendwo in Polen, vielleicht Masuren, was sich auf jeden Fall gut anhören würde.
Einige Männer gehen durch einen Wald, sie stellen Tierfangfallen auf, befestigen Drähte. Ein Schrottauto wird auf einen einsamen Hof gefahren. Der Transport muss vor einem Bahnübergang warten. Zwei Männer sitzen im Auto. Im Hof wird das Gefährt vom Transporter gelassen. Das Schrottauto wird auseinandergenommen. Im Zwei-Zimmer-Häuschen daneben wohnt die verwirrte Mutter eines der Männer, sie ist eben wieder abgehauen. Aber sie ist auch gefunden worden, wird von einer anderen Frau unsanft zurückgebracht; am besten sperrt man sie in ihr Zimmer ein. Irgendwann geht es nicht mehr mit der Mutter, sie wird weggebracht.
Nächtens stürzen sich mehrere Personen wie die Hyänen zur Entrümpelung des Zwei-Zimmer-Häuschens der Mutter. Pawel ist einer der Akteure im Film. Er hat ein Verhältnis zu einer Frauensperson. Einmal fährt er mit ihr Nachts in den Wald hinaus. Dann schläft er in seinem Zimmer. Die senile Mutter kommt und pisst auf die Matratze. Das Bett muss dann zum Lüften vors Haus getragen werden.
Es gibt einen Fluss in der Nähe, dunkle, braune Flut. Es gibt eine Fähre, die kann an einem Seil ans andere Ufer gezogen werden. Hier badet die Jugend. Auch unsere jungen Männer. Vielleicht ist es auch ein Männerbetrachungsfilm. Wie sie ihre entblössten Oberkörper präsentieren. Überhaupt, wie sie sich bewegen, in einer eindrucksvollen Mischung aus Eitelkeit, Machotum und Weltverachtung. Wie der eine am Ufer ein paar Tropfen Bier aus der Dose auf seinen Oberschenkel verschüttet, mit welch verstecktem Degout er versucht, sauber zu machen. Nur ja nicht auffallen mit so einer Aktion. Auch die Entrümpelung. Wie die Gegenstände angepackt werden. Man könnte mit soviel männlicher Kraft auch anderes tun, als Gegenstände zusammenraffen. Aber das meiste davon erledigen die Frauen. Die funktionieren viel unprätentiöser.
Die Männer zerlegen Autos. Oder sie rauchen Zigaretten. Oder einer zählt mit gespreiztem Zeigefinger die Waggons am Zug, der hinter der Schranke die Straße passiert.
Der Ton macht die Musik. Anka und Wilhelm Sasna, die das Drehbuch geschrieben und die Regie geführt haben, legen Wert darauf, Sound zu verstärken. Wie man erst die offene, für uns sicher sehr altmodische Waschmaschine von außen vor dem Haus hört, so denkt man, das muss mindestens ein Kohlebagger im Tagebau sein. Die Geräuschverstärkungen arbeiten viel Horror heraus an diesem Alltag, der uns fragen lässt, wie leben diese Menschen nur. Oder das Geräusch, das das Rad auf dem Seil macht, an welchem die Fähre über den Fluss gezogen wird. Das sind fast eigene, elementare Geschichten, die mit so einem Sound erzählt werden.
Die Menschen, die mit der Fähre den Fluss überqueren, sie sind sonntäglich gekleidet und gehen zur Kirche, die darf nämlich in einem polnischen Film nicht fehlen. Es knirscht also nicht nur am Rad bei der Fähre, der Haupteindruck von der Kirche, deren Publikum ohne Blick auf den Altar in Richtung Ein-Ausgang aufgenommen wird, der ist auch das Knirschgeräusch und Schlurfgeräusch von Schuhen, die den Kirchenboden betreten. Die Menschen scheinen gefangen in der eigenen Geräuschkulisse. Kurz hört man noch eine Pfarrer-Stimme, aber das wars dann auch schon.
Dass es vielleicht ein Männerbeobachtungsfilm ist, darauf deutet auch ein kleines Gespräch im Tante-Emma-Laden zwischen zwei Frauen, über Männer, die Frauen einfach sitzen lassen, ihnen aber ein Kind angehängt haben. Das wird noch Folgen haben und zu einer heftigen Schlussszene auf einsamer Landstrasse führen. Männer, die sich aufführen, alt hätten sie nichts nötig, die sich aber mit Kleinkram beschäftigen, der ihre Eitelkeit und gebannte Aggressivität in einem kuriosen Lichte erscheinen lässt.