Kohlhaas oder die Verhältnismässigkeit der Mittel (Filmfest München)

über KOHLHAAS ODER DIE VERHÄLTNISMÄSSIGKEIT DER MITTEL (Filmfest München)

Hier wird Kinoreflektionsanspruch gestellt – das ist doch schon mal was in der subventionsgebravten deutschen Kinolandschaft!

Frei sei der Mensch nur, wenn er nicht da stehen bleibe, wo das Schicksal in hingestellt habe, nach Heinrich von Kleist. Kino und Freiheit, Kino und Imagination, das ist schon lange keine Thema mehr gewesen im deutschen, subventionierten Film.

Der Freiheitsanspruch ans Kino, ich interpretierte das jetzt so, ist schon lange nicht mehr so deutlich von der Leinwand runter zu vernehmen gewesen. Wobei zwischen der formulierten Forderung nach Freiheit und Mut im Kino und der Tat noch Welten liegen können.

Aron Lehman hat das Drehbuch geschrieben und die Regie geführt. Seine Hauptfigur heißt denn auch Lehman, ein Regisseur. Der wird von Robert Gwisdek zusehends glaubwürdig verkörpert. Der möchte einen Film „Kohlhaas“ drehen, aber schon nach dem ersten Drehtag steht er vor den Trümmern seines Projektes. Die Geldmittel wurden gestrichen, es stehen keine Pferde mehr zur Verfügung, kein Hotel.

So kommt es früh im Film zu einem schönen Ausgangsbild: die Filmtruppe, die das Ritterspiel drehen möchte, ist auch aus dem Reisebus rausgeworfen worden, steht nun wie für ein Gruppenfoto aufgereiht in einer Wiese und weiß nicht weiter. Kein schlechter Ausgangspunkt für eine Kinogeschichte.

Aber unser Regisseur Lehmann ist ein visionärer Mann, der nicht da stehen bleibt, wo das Schicksal ihn hinwirft. Film ist Imagination. Wenn einer behauptet, er sitzt auf einem Pferd, dann sitzt er auf einem Pferd.

Natürlich sind die Stars der Truppe nicht einverstanden mit der provisorischen Einquartierung in der Kneipe des Schlosses, wo sie trotz aller Schicksalsschläge drehen dürfen, denn fast alle Leute in diesem kleinen bayerischen Ort Speckbrodi sind Laienschauspieler, auch der Bürgermeister und wollen also mittun und die Produktion unterstützen.

Statt eines Pferdes gibt es einen Ochsen und wie Jan Messutat als der große Schauspielerprofi, der den Kohlhaas spielen soll, sich gebärdet und windet und rausredet, bis er endlich auf dem Ochsen sitzt, das ist schon eine köstliche Show für sich und gar nicht so weit neben dem wahren Schauspieler-Leben.

Im Kino kann es allerdings nicht nur um die Ungerechtigkeit gehen, die einem Kohlhaas widerfährt, er hat eine Frau zuhause, Lisbeth, es geht im Kino auch um die Liebe; die kann ein Engel sein, Rosalie Thomass spielt den, aber nicht immer sehen ihn alle; auch da gibt’s eine herrliche Szene, wie der Regisseur einem anderen Darsteller versucht klar zu machen, was die Kraft der Einbildung sei und dieser beschwert sich, wenn er halt nichts sehe, er spiele ja alles, einen LKW-Fahrer, zur Not auch einen LKW-Reifen, aber wenn er nicht sehe, dann sei nichts zu machen.

Mit dieser Frau gibt’s später eine richtig zärtliche Liebesszene zwischen ihr und dem Regisseur. Eine Film-im-Film-Liebesszene, die der Regisseur anstelle des ausgestiegenen Kohlhaas selber spielt.
Dann tanzt der Regisseur noch einen fast anthroposophischen Tanz, Ausdruckstanz der verlorenen Hoffnung, auch so ein Element. Poetische Momente.

Zum Need fürs Kino, der unbedingte Wille etwas zu erreichen, dazu gibt es ein weiteres schönes Bild, das Umstoßen eines festgewachsenen, ausgewachsenen Baumes durch einige Männer.

Es geht in manchen Moment auch um schauspielerische Konzentration, auch da legt der Regisseur im Film überzeugend vor

Es gibt auch eine kleine Referenz an den deutschen Film, ein künstlerischer Absetzversuch vom dominanten subventionssterilisierten Mainstream, wie der Schauspieler sich über die Dreh-Umstände beschwert, antwortet der Regisseur, man sei ja hier nicht bei Tom Tykwer – schön wenn sich der Nachwuchs am feinsten Establishmet die Zähne auszubeißen versucht, bei ihm gehe es um etwas anderes, darum, etwas zu wagen, das Erlebnis zu suchen, Mut ist gefragt auch vor der Kamera. Ansätze zu aufmüpfigen Tönen im Filmland.

Aber wie schon erwähnt, sich etwas vornehmen ist eines, ein Programm zu formulieren und es auch zu tun, ist ein anderes. Beleg dafür, dass es mit der filmischen Tat noch arg hapert, sind die Film-im-Film-Szenen, die leider nicht mehr als solides Bauerntheater sind und offenbar von den Träumen dieser junge Macher noch völlig unbelecktes Kino darbieten.

Ein Film, der sich Ansätze zur Formulierung eines Programmes traut, der als Produkt für die Kinokasse aber nicht rund und auch nicht innovativ genug ist. Aber garantiert ein Aufheller in der subventionsüberdüngten, filmschulgesättigten und entsprechend ordentlich-öden deutschen Kinolandschaft.

2 Gedanken zu „Kohlhaas oder die Verhältnismässigkeit der Mittel (Filmfest München)“

  1. Die Jungs können einem schier leid tun, in einem Filmland gedeihen zu sollen, in dem der einzige filmische Vater, an dem sie sich im Sinne des Sichnichtreiben-Könnens, reiben sollten, Tom Tykwer heisst; da wäre eine Vertiefung der Beschäftigung des Kinodenkens mit Kleist vermutlich die nachhaltigere Aussicht. Wenn sie mit der Kraft und dem Nachdruck, mit dem sie im Film den Baum fällen, sich gegen die Einflussnahme durch die Förderstrukturen stemmten, so könnte noch was aus ihnen werden; aber auch sie sind nicht immun gegen die Droge „Förderung“. Man versuche sich mal vorzustellen, wie ein Heinrich von Kleist, so es denn Kino schon gegeben hätte zu seiner Zeit und er Filme hätte machen wollen, mit Filmfördergremien und Fernsehredaktionen umgesprungen wäre…

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