Die Räuberin

Dieser Film sollte besser „Die Frau mit dem bösen Blick“ heißen, denn die Schauspielerin Birge Schade geht ohne mit der Wimper zu zucken unangefochten und mit dicker Schale souverän durch das konfuse Drehbuch und die unbeholfene Regie und überspielt sämtliche anderen Darsteller, dass es keine Freude mehr ist.

Wir haben es – einmal mehr – mit einem jener Sorte von Büchern zu tun, die ihr Thema erst ganz am Schluss verraten, am Schluss erst erfährt der Zuschauer, worum es wirklich geht und dass es nicht um Schauspieler-Übungen gegangen sei (die zwar konzentriert vorgeführt wurden), wie der Eindruck entstand, wie begegnen sich zwei Fremde an einem einsamen Nordseestrand, wie kann eine Frau mit einem bösen Blick einen völlig harmlosen Jungen gleich als verrückt bezeichnen, bloss weil er einen literarischen Text zitiert hat, wie kann man eine Liebe zwischen einer älteren Frau und Künstlerin aus München und einem unerfahren jungen Burschen spielen, ohne dass jede Erotik oder andere Spannung entsteht, wie kann man eine Bettszene zwischen einem jungen Burschen und einer älteren Frau darstellen, ohne dass es etwas zu sehen gibt, wie kann man immer so tun, als wisse man schon alles, obwohl die Figur, so wie der Zuschauer es mitgekriegt hat, noch gar nichts wissen kann.

Genau, das scheint mir eine der problematischsten Geschichten in dieser Nicht-Geschichte zu sein, dass sich die Darsteller offenbar als Kollegen gut verstanden haben und dann spielten sie Fremde, ohne dass sie sich je fremd waren. Der Ton zwischen der Frau aus München, von der wir nach einer Stunde erfahren, dass sie Tanja Kalkmeier (oder so ähnlich lautend) aus München sei und den Dorfbewohnern, die sie als Fremde aufgesucht haben und die sie irgendwie anmachen wollen, der teilt uns mit, die wissen das längst, nur der Zuschauer wusste es nicht. Ihr Ton dem jungen Mann gegenüber, den sie schon sehr früh Thore nennt, ist vom Anfang an mütterlich und zeigt sich an ihm interessiert, es ist aber unklar wieso.

Es ist überhaupt von Anfang an unklar, was diese Frau aus dem Süden im Norden sucht. Erst fährt ein Auto durch die Weiten des Nordens. Zwischendrin gibt’s großartige Landschaftaufnahmen. Dass es auch München kommt ist kurz zu erkennen. Jemand fährt also aus München wohin. Dann kommt ein leicht wirrer Text (oder ein dichterischer?), der von Störchen und Gesichtern handelt, und davon, dass er vor 10 Stunden noch angerufen habe und sie habe zweimal angerufen, kann mir einer sagen, schon mal was von einer Exposition gehört?

Plötzlich ist die Frau vor einer Behausung mit einem Reetdach. Sie inspiziert die bescheidenen Innenräume eines Anbaues des Hauses. Die Möbel sind abgedeckt, wie man es bei längerer Abwesenheit in Ferienhäusern oder Wohnungen macht. Die Frau sieht vollkommen fertig aus. Eine ausgewachsene Depression? Dann steht sie plötzlich im Watt. Aha, das Reethaus muss also ganz nah beim Meer sein. Da steht sie und man weiß nicht, ob sie im nächsten Moment ins Wasser will. Ein junger Mann kommt gezielt auf sie zu. Ein alter Bekannter? Er sagt auch, er kenne sie. Und fragt sie, ob sie keine Angst habe. Das Gespräch geht abstrakt weiter über eine andere Frau, die auch mal so einsam am Strand gestanden habe. Ein vollkommen abstraktes Gespräch, in dem nicht eine Sekunde Befremdung da ist und somit auch keine Spannung aufkommen kann. Denn wir wissen immer noch nicht, was mit Frau Tanja lost ist. Das hängt in der Luft.

So geht es weiter mit Thore und Tanja. Bemerkenswert ist einzig, dass es nach dem Gesehenen befremdlich klänge, den Film „Thore und Tanja“ zu nennen, weil es gar nicht um Thore und Tanja geht. Die spielen zwar schon ständig Szenen miteinander, aber näher als sie sich von Anfang an waren, können sie gar nicht kommen. Ergo: null Spannung. Dazu helfen auch die anderen Jungmänner des Ortes nicht, noch die älteren Herren noch die Eltern von Thore, die in ihrer Feindlichkeit und Ablehnung von Tanja ohne jeder Veränderung konstant, fast mechanisch sind, da ist also auch nichts zu machen.

Nach über einer Stunde erfahren wir endlich etwas vom Schicksal von Tanja. Dass sie sich von ihrem Mann getrennt hat und dass sie ein Kind hatte und dieses sofort nach der Geburt zur Adoption frei gegeben hat und dass das Kind samt Adoptiveltern, wie es zwölf Jahre alte war bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen ist. Und ganz am Schluss, wo unwiderruflich feststeht, dass der Film definitiv nur „die Frau mit dem bösen Blick“ heißen kann, weil es nur um sie geht, aber da sie nur Infos, aber keine Durchlässigkeit oder Gefühle oder eine Entwicklung preisgibt, handelt es sich dabei um einen Stillstand, da muss zur Deckelung des verpassten Filminhaltes der biblische Epheser herhalten, dass man sein Unglück hinter sich lassen müsse. So wie Tanja sich im Norden verhält, hält sie krampfhaft an ihrem Unglück fest.

Für Buch und Regie zeichnet Markus Busch. Seine Geldgeber müssen drehbuchlesetechnisch gesehen Legastheniker sein.

3 Gedanken zu „Die Räuberin“

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