Das haben Roadmovies gerne an sich, dass man sich an die kleine Reisegesellschaft, die recht zufällig zusammengewürfelt sein mag, durch den Fortgang der Reise gewöhnt, und selbst wenn ein Film kaum zum Schluss kommen will oder großzügig einen möglichen Schluss an den nächsten hängt, so wird man doch etwas wehmütig, die Reisegenossen auf der Leinwand entschwinden zu sehen.

Dieser Film von Emilio Estevez bietet allerdings dazu noch etwas Eigenbrötlerisches. Er wollte nicht eines der üblichen Jakobsweg-Movies machen. Mir scheint, dass er zuerst einen durchaus pilgerwegkritischen Film im Sinne hatte, der sich aber, je näher Santiago rückte, sich immer mehr zum Feelgoodmovie wandelte, um beinah als Melo zu enden, wenn nicht der Protagonist am Ende endlich selber losziehen würde, um Neues zu entdecken, und so wird er schließlich zum Mutmachfilm. Man muss sich was trauen.

Die Geschichte fängt in Amerika an. Der wohlstandsgesättigte Augenarzt Tom Avery, der mit einem supermisanthropischen Gesichtsausdruck von Martin Sheen gespielt wird, als müsse er in jedem Moment von überall her Angriffe gewärtigen, wird mit einem Anruf vom Golfspielen weggeholt. Sein Sohn Daniel, der vom Regisseur selber, dem leiblichen Sohn von Martin Sheen gespielt wird, ist in Südfrankreich tödlich verunfallt.

Zwischen Vater und Sohn hat mehr ein Nicht-, denn ein Verhältnis geherrscht. Spätestens beim Tod des Sohnes erwachen jedoch dunkle Vatergefühle. Tom will die Leiche seines Sohnes selber abholen. Dabei erfährt er, dass sein Sohn dabei war, den Jakobsweg nach Santiago de Compostela unter die Füsse zu nehmen, genau genommen war er bereits einen Tag unterwegs.

Aus einem Impuls heraus entscheidet Tom, den Sohn einäschern zu lassen und mit dessen Asche in einer Art Botanisierbüchse den Pilgerweg an Sohnes Statt zu machen und an markanten Punkten des Weges etwas von der Asche diesen Punkten zu widmen oder die Punkte mit diesen Aschengaben seinem Sohn zu widmen, die Interpretation bleibt dem Zuschauer überlassen.

Vielleicht hat Emilio Estevez den Pilgerweg selber gemacht oder er hat sich von Pilgern berichten lassen. Jedenfalls hat, wer eine Reise tut, eine Menge zu erzählen. So reiht sich denn, wie es das Leben vielleicht geschrieben hat, viel Pilgeranekdotisches aneinander. Dadurch entsteht vorerst der Eindruck, der Film sei recht uninspiriert. Es scheint mir aber aus Distanz gesehen eher die Liebe und gar die Ehrfurcht vor dem Projekt, was möglicherweise einen solchen Eindruck erstehen lassen konnte. Denn lange ist überhaupt nicht zu erkennen, dass ein Pilgerweg ein geistiger Weg sein soll.

Andererseits entspricht das vielleicht genau der inneren Haltung von Tom, der den Weg vollkommen unvorbereitet angeht. Vielleicht möchte er einfach etwas über seinen Sohn erfahren. Auch die Mitpilger, die sich allmählich zu einer Gruppe zusammenfinden, scheinen ähnlich wenig von religiösen Motiven, von der Idee eines inneren Weges bewegt. Sarah, die Amerikanerin, möchte am Ende des Weges ihre letzte Cigarette rauchen, Joost, der Holländer, möchte vor allem abspecken, da der Sex nicht mehr so gut läuft, während der Ire sich eine Entriegelung seiner Schreibblockade erhofft. Es sind alles ganz irdische Erwartungen, die die Pilger mit dem Weg, dem …“buen Camino!“ verbinden.

Filmtechnisch ist der Film bewusst pilgerhaft einfach gehalten, keine Lichtorgien, keine X-Kameras, kein großer Farbabgleich. Das trägt mit bei zu diesem familiären, fast laienhaften, sehr persönlichen Eindruck, den der Film hinterlässt. Ihm scheint es allein um die Geschichte zu gehen, auch ohne den Ehrgeiz, sie gewinnmaximierend zu bürsten.

Anekdoten: Streit um die Geschichte: Roland oder Charlemagne, der Brasilianer im roten Tanga, der Wäsche aufhängt, der Rucksackklau durch Ismail den Zigeunerjungen in Burgos, der Aufenthalt im Luxushotel in Leon, der Priester mit der Kippa (zum Verdecken eines sich beulenden Hirntumors), diverse Herbergsväter, einer ziemlich durchgeknallt, nach diesem rücken sie aus und übernachten im Freien und finden, jetzt seien sie richtige Pilger, und der Amerikanerin fällt nichts mehr ein, worauf der wortgewandte und gern geschwätzige Ire und verhinderte Autor meint: endlich ein Amerikaner ohne Meinung, macht ein Foto!

Zur deutschen Synchronisation: die ist leider am unteren Ende, vermutlich Billig- und Schnell-Schnell-Routinesynchro.

Die Texte und Themen wirken ein bisschen wie Kraut und Rüben, aber es kann gut sein, dass der Autor Authentisches möglichst authentisch einfließen lassen wollte.

Die Absicht, die Verweltlichung, das Modehafte an diesem Pilgerweg zu zeigen, dürfte auch dahinter stecken, gar die Verkommenheit der Modepilgerei.

Ein sehr persönliches Movie, wie sich herausstellt, von Leuten, denen die Kinoschrift im Blut liegt und die hier, der Sache zuliebe, keinerlei Ehrgeiz in Hochglanzkino oder Brillianz oder Blockbustertauglichkeit legten.

Oder: der Jakobsweg auf gut Amerikanisch.

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