Callgirl

Ein richtiger Festivalfilm, der schon eine endlose Reihe von Festivalteilnahmen vorzuweisen hat.

Was sind die Qualitäten, die diesem Erfolg zugrunde liegen dürften?
Einmal die sehr sorgfältige, sehr gesetzte Machart. Prima ausgewählte Schauspieler, sorgfältig geführt und die Szenen sehr überlegt eingesetzt vom Autor und Regisseur Damjan Kozole. Der Plot mit einem fast feierlich zu nennenden Existentialismus, einem schier theologisch präsentierten Ernst am Nihilismus vorgetragen. Meist mit gedeckter Stimme gesprochen, die deutsche Synchronisation verstärkt noch diesen getragenen Eindruck. Ljubljana als Kulisse für eine öde Sinnlosigkeit im Leben, ständig durchbraust von martinshorneskortierten Diplomatenkonvois. Diese werden ab der ersten Szene für den Rest des Filmes an Viagra erinnern.

Es geht um Aleksandra, auch Sascha genannt, die aus Krsk, einem Vorort von Ljubljana kommt. Dort lebt ihr depressiver Vater, der sich längst mit seinem Auto vor einen LKW gesetzt hätte, wenn nicht seine Tochter Aleksandra wäre, die in Ljubljana studiert und die er mit etwas Geld unterstützt.

Das Geld reicht Aleksandra allerdings nicht für einen Lebensstandard, wie sie ihn sich vorstellt. Sie möchte ein feines Appartement ihr eigen nennen. So etwas ist mit einfachen Studentenjobs nicht zu leisten. Sie geht anschaffen. Sie inseriert in den Tageszeitungen als die „Slowenin“ und wickelt ihre Herrenbesuche im feinen Hotel Lev ab.

Mit ihrem Weg ins Hotel fängt der Film an. Wie sie an der Rezeption vorbei zum Lift geht, kurzer Blick des Rezeptionisten, dann auf dem Flur der Zieletage sich ein paar Mal nach einem Zimmerkellner umdreht, der sich auch umdreht, etwas stimmt nicht ganz an diesem Gast. Sie kommt ins Zimmer. Ihr dicker deutscher Diplomat und Kunde hat schon mindestens zwei Viagra geschluckt. Es ist ihm nicht bekommen. Er infarktiert. Aleksandra ruft die Rezeption an, verlangt sofortige Hilfe, holt sich noch ihren Dirnenlohn aus der Geldbörse des feinen Herren und verduftet.

Der Fall macht in Slowenien Schlagzeile. Niemand weiß, wer die „Slowenin“ ist. Auch weiß niemand aus ihrer Umgebung davon, weder ihre Freundin Vesna noch Gregor, der unrettbar in sie verliebt ist, von ihr aber immer abgewiesen wird und der sich wegen ihr hat scheiden lassen und ihr immer wieder nachstiehlt und erst recht ihr Vater darf davon nichts wissen. Der hatte in der Jugend selbst Drogen genommen, tritt jetzt noch mit einigen wohlbeleibten Kumpels als Altherrenrockband auf.

Die dramatische Entwicklung geht nach dem Infarkt und ihrer Inkognito-Berühmtheit so weiter, dass zwei Zuhälter sie aufspüren und sie erpressen mit ihrem Wissen und sie für sich arbeiten lassen wollen. Sie nimmt Reißaus, sucht Zuflucht bei Gregor, aber sie kann nicht mehr soviel arbeiten und gerät mit den Zinszahlungen für die Hypotheken in Rückstand.

Merkwürdigerweise ist die Wohnung, die doch ein Traumwohnung sein soll, überhaupt nicht eingerichtet und der Blick vom Balkon geht auf einen trostlosen städtischen Verhau von Straßen und Gebäuden.

Es wird eng für sie und noch enger, wie eines Tages ein Kumpel aus Vaters Rockband im Hotelzimmer als Kunde auf sie wartet. Sie entscheiden sich beide für die Aussage, dass das Leben beschissen sei.

Nebenher will Aleksandra auch noch weiter studieren, sie will unbedingt Prüfungen bestehen, verpasst aber den Termin und ist sowieso nicht vorbereitet. Sie tischt dem Professor eiskalt eine Tumorlüge auf. Sie ist wirklich eiskalt in ihrem Handeln gegen alle. Es gibt nicht einen Menschen, zu dem sie Vertrauen hat, auch die Begegnung mit der Mutter, die ein rechtes Flittchen gewesen sein muss, verläuft eisig, dabei ist die Darstellerin gar nicht nach dem Prinzip der Eisigkeit ausgewählt.

Das macht vielleicht die Sonderheit von diesem Film. Dass eine Frau als Protagonistin besetzt worden ist, die wie ein Opfertyp, wie eine Maria aussieht, auch wenn sie Aleksandra heißt, die uns aber unsympathisch, eiskaltes Handeln vorexerziert. Und dann Ljubljana als Kulisse für den Frust existenzieller Leere und Einsamkeit. Vielleicht tut sich der Film auch insofern schwer, oder wird sich im normalen Kinobetrieb schwer tun, weil nur die allergewöhnlichsten Alltagssituationen vorkommen, abgesehen von den wenig prickelnden Sexszenen. Kunde, Gespräch mit Freundin, mit Vater, mit Verehrer Gregor und immer wieder die Fahrt im Vorortszug nach Krsko und zurück.

Dem Vater schenkt sie zum Geburtstag eine elektrische Pfeffermühle mit eingebautem Licht. Die kommt beim üblichen Spiegelei-Essen der beiden schön zur Geltung.

Die Männer sind in diesem Film alle die ärmsten Hunde. Wie sollen Frauen um lauter arme Hunde zum Glänzen kommen? Was ist das für eine traurige Welt, die uns Damjan Kozole hier mit der Bedeutsamkeit eines theologischen Existenzialismus schildert? Dergleichen mag wirklich für Filmfestivals interessant und in der Umgebung vieler doch lebensfreundlicherer Filme erträglich sein, für einen Kinoabend, für den man extra ins Kino geht, dürfte er die Zuschauer möglicherweise befremdet zurücklassen.

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