Yellow Sea

Durch die Dauer von über zweieinhalb Stunden entsteht gegen Ende doch noch so etwas wie ein Kinogefühl. Das dürfte vor allem dem Hauptdarsteller geschuldet sein, der den Film trägt und immer interessant ist. Er hat einen stets wachen Blick, kann vom Bewegungsgestus her bald wie ein aufgeweckter Junge, bald wie ein Taxifahrer vom Lande wirken. Vor allem fasziniert er, und das wiederum ist dem Buch und der Regie von Na Hong-Jin zu verdanken, durch diese innere Autonomie unter der er zu handeln scheint.

Unser Protagonist, ein hochverschuldeter Taxifahrer aus China handelt zwar unter Auftrag. Um seine Schulden zu begleichen hat ihm sein Schuldner ein Angebot gemacht, illegal nach Südkorea einzureisen und dort jemanden umzubringen, das erstere eine offenbar gängige Praxis. Privat geht es dem Typen auch nicht gut. Seine Frau hat ihn verlassen, ist nach Südkorea abgehauen. Da es ihm wirtschaftlich wie menschlich beschissen geht, entscheidet er sich, das Angebot anzunehmen. Er, der nun nicht gerade ein Killer ist. Genau das wird den Reiz seiner Küchenmesserkämpfe in Südkorea ausmachen.

Nach vielen Impressionen aus China, wie er Taxi fährt, wie er spielt und verliert, gibt es Eindrücke von der illegalen Überfahrt; dicht gedrängt hocken sie im Schiffsbauch und unser Protagonist mitten unter ihnen, in einem kahlen, grauen, großen Schiffsbauch schaukeln sie über die See.

Mitten in der Nacht werden die Leute brutal geweckt und praktisch vom Schiff in zwei wartende Schlauchboote gestoßen. Die meisten springen erst ins Wasser und klettern dann in die Schlauchboote. Eine Person ist im Schiffsbauch gestorben, man sieht von einem der sich entfernenden Schlauchmotorboote aus, wie ein Körper ins Wasser geworfen wird.

Unser Protagonist ist gut ausgestattet mit Geld und Papieren. Und sieht sich in Seoul um. Er findet eine bescheidene Unterkunft. Er beobachtet sein ausersehenes Opfer. Das hat ein bestimmtes Ritual mit Heimfahrt in der Schwarzen Limousine. Mit dem Lift hochfahren in den 4. Stock. Es gehen Flurlampen an und später wieder aus, die an Bewegungsmelder angeschlossen sind. Das wird sehr schön und klar im Film gezeigt.

Er macht sich in seinem Zimmer Notizen. Da hängt auch ein Kalender, denn genau zehn Tage später ist die Rückfahrt für ihn geplant. Einmal ersticht er erfolgreich sein Opfer. Das ist aber ein Traum gewesen. Er kann das in dem Moment tun, wo der Fahrer auf das An und Aus der Lampen im Treppenhaus achtet, dazu muss er sich an einer bestimmten Stelle verstecken.

Dann macht er sich auf die Suche nach seiner Frau. Vorher hatte er übrigens, das hat ihm einer geraten, eine Mütze gekauft, weil er mit seiner chinesischen Frisur sofort als Illegaler erkennbar wäre. Mit dieser Mütze sieht er recht cool aus.

Dann ist er wieder vorm Gebäude seines Opfers, auch das wurde von den Location Scouts gut ausgesucht, es ist ein Gebäude, was so ein bisschen ausgewuchtet scheint, was recht einmalig ist und gut zu merken, eine filmische Qualität.

Dann folgt der definitive Mord. Und wer sich jetzt die Spannung an dem irgendwie doch bemerkenswerten Film nicht nehmen lassen will, der sollte tunlichst nicht weiter lesen.

Täter beobachtet zwei Individuen, die sich ins Haus schleichen und das Opfer in Kämpfe verwickeln, bis einer aus dem Fenster stürzt, direkt auf das Dach der Limousine, der Fahrer nix wie ins Haus und der Auftragskiller hinterher. Der findet sein Opfer nur noch tot und darf in koreanisch genüsslicher Manier, so wie sie genüsslich Schmatzen beim Essen, in einer längeren Sequenz, in der man nur sein Gesicht und seinen Bewegungen sieht, den Finger abzutrennen versuchen.

Doch da ist schon die Polizei im Anmarsch. Es folgt eine der üblichen Fluchtgeschichten. Wobei das sicher eine koreanische Originalität ist, wie 50 Polizisten hinter ihm her rennen und Polizeiautos dazu und wie er denen einfach entkommt, das macht schon was Superheldisches aus ihm, das attestiert ihm unheimliche Kräfte, diese Autonomie der Figur, die offenbar durch nichts aufzuhalten, noch zu bremsen noch vom Kurs abzubringen ist. Das sind fulminante Actionszenen, aber irgendwie wirken sie auch ein bisschen hausbacken, es fallen einem amerikanische Filme ein, bei denen doch viel durchgeknalltere Verfolgungsjagden stattfinden, zum Beispiel wie die Fast and Furios Five mit ihrem Autos schreddernden Tresor als Anhänger und der Jagd durch Rio.

Hier wirken die Polizisten immer auch ziemlich deppert und benehmen sich wie Kindsköpfe, unfähig, einen einsamen nordkoreanischen Wolf dingfest zu machen.

Ab hier etwa kommt mir die Chose doch sehr fernsehmässig vor und ich verstehe überhaupt nicht, wie manche Leute von Film Noir reden können oder vom besten Mafiafilm seit langem. Dafür ist doch die Konstruktion zu routiniert, wer da wem ins Gehege kommt. Und die Figuren, die verschiedenen Gang- und Polizeibosse bleiben mir zu wenig charakterisiert.

Der Film zieht sich und man fragt sich, was daran noch so spannend sei. Der Täter entkommt dem riesigen Polizeiapparat, erledigt noch diverse rivalisierende Gruppen, bis er ein Boot kidnappt und damit auf See sticht, wo er stirbt und vom Kapitän ins Meer gekippt wird.

So faszinierend ich den Schauspieler finde, irgendwie agiert er ins Leere. Die Gegenfiguren sind nicht spannend genug entworfen, das dürfte der Grund sein, dass es lediglich um Verfolgungsjagd geht und überhaupt keine Psychologie im Spiel ist. Eine oberflächliche Verfolgerei. Die dauert und dauert. Und sehr viel Gemetzel, was auf die koreanische Art vor allem mit Küchenmessern erledigt wird. Brutalität, die mir nicht viel erzählt.

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