Der Diktator

Kunst und Diktatur. Wenn Günter Grass sein Israel/Iran-Gedicht schreibt, „Was gesagt werden muss“, wenn er die Guten zu Bösen macht, dann jault die intellektuelle und politisch sich verantwortlich gebende Welt auf und will ihm schier an die Gurgel. Wenn Sascha Baron Cohen einen Film mit einer großen Schnittmenge zum selben Thema mit umgekehrten Vorzeichen macht, wenn er den Bösen zum Guten, zum Salonfähigen macht, dann brüllt das Publikum im Zoo, Verzeihung, im Kino. Zu toppen wäre das zumindest in Deutschland nur noch, wenn jetzt Günter Grass den Diktator spielen würde, dann wäre der Film vielleicht abgrundtief komisch, so ist er immerhin noch professionell mechanistisch-komisch.

Humor und Professionalität. Sacha Baron Cohen, der die Hauptrolle des Diktators Aladeen spielt, die er sich mithilfe von Alec Berg, David Mandel und Jeff Schaffer auf den Leib geschrieben hat, treibt sein Spiel des Versuchs der Befreiung von der Schwere politisch erstarrter Feindbildbegriffe, indem er konsequent politisch inkorrekt die Begriffe umwertet. Sowas ist als Lern- und Spielprozess bei Kindern zu beobachten, wenn sie dabei sind, Moral zu lernen. Spätestens im Räuber-Hotzenplotz-Alter muss sich die Sache geklärt haben. Bis Sacha Baron Cohen auftritt.

Diktatur ist was Feines, Vergewaltigung ist gut angesehen, Köpfen ist eine Art Dankeschön (dumm nur, dass der Henker für die Freiheit ist und alle zu Henkenden in New York im Anti-Aladeen Kaffee versammelt), Kinderarbeit nicht schlimmer als ein Job vom Jobcenter. Diese politisch konsequente Umwertung der Werte wird erotoschlüpfrig angereichert mit ständigem Fingern und Blasen und Manipulieren in der Nähe der Gürtellinie. Was ist ein Mensch, dem nicht andauernd das Lustteil in die Quere kommt.

Das Seichte, was den Menschen doch immer und immer wieder juckt in sämtliche Richtungen, es mit dem gleichen Geschlecht versuchen, mit sich selber, um anschließend strahlend mit dem Wichsprodukt auf einem Toilettenpapier wie mit einer Siegestrophäe triumphierend im Ökoladen aufzutrumpfen. Noch ein Tick politisch unkorrekter die groteske Szene bei der Geburt.

Die Geschichte orientiert sich an orientalischen Vorbildern, ähnlich wie die Geschichte vom König, der für einen Tag einen Bettler auf den Thron setzte. Hier läuft es leicht anders. Der Diktator will einen Atomsprengkopf bauen. Sein Chefingenieur präsentiert ein Modell, das an der Spitze rund ist. Das findet Aladeen doof, er hätte lieber eine spitze Spitze. Deshalb macht er die kleine Geste am Hals. Der Ingenieur soll also gehenkt werden. Aber wie alle anderen findet er sich in New York im Anti-Aladeen-Lokal wieder und wird noch sehr wichtig für Aladeen werden.

Da Aladeen verständlicherweise viele Feinde hat, setzt er klugerweise für riskante Auftritte ein Double ein. Hops zu gehen, das ist ihr Job.

In New York soll Aladeen vor der UN-Versammlung reden. Da passiert ihm das Malheur, dass er plötzlich auf der Strasse steht, ohne irgendwas und sein Double soll die Rede halten, das ist im Sinne der Hofintrige.

Sein Problem ist jetzt, so zerlumpt wie er aussieht, durch all die Sicherheitskordons wieder in sein Hotel und an seinen Position zurückzukehren. Wie ihm das gelingen wird und all die Komplikationen auf dem Weg dahin, erotischer wie politischer Natur, das ist das Story-Material, das darauf abzielt das Publikum von der Starrheit der Bösbegriffe für kurze Kino(kinder)zeit zumindest zu erlösen, zu befreien, was es dann mittels Lachen auch bereitwillig tut, dem Publikum die Chance zu geben, im dunklen Raum des Kinos sich politisch korrekt mit dem Bösen identifizieren zu dürfen.

Systematische, mechanisierte, auf Lacher getrimmte political Uncorrectness. Vielleicht lacht der Zuschauer einzig aus dem Grund, weil er sich dabei ertappt, dass ihm das Böse gar nicht so fremd ist, weil er sich bei seiner eigenen Faszination durch das Böse ertappt.

Mit diesem Prinzip dürfte Sacha Baron Cohen ein um einiges besseres Geschäft machen als Günter Grass mit seinem Gedicht. Ob einer von beiden die Welt dabei verändert, das ist eine andere Frage, oder ob sie sie nur für ihre eigenen Zwecke benutzen.

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