Tomboy

Diese Film zeigt besonders krass, wie brutal abhängig der Mensch von seinem geschlechtlichen Rollenspiel, von seiner geschlechtlichen Identität ist. Céline Sciamma, die Autorin und Regisseurin dieses kleinen wie beiläufigen Filmes tut ihre Sicht nicht mit dem Holzhammer kund. Sie versteckt sich klug und geschickt hinter der Dardenne-Methode. Sie gibt vor, die Neugierige, die neutral Beobachtende zu sein, einer Realität, die sie selbstredend selbst inszeniert hat. Allein das ist eine Kunst, eine Realität so zu inszenieren. Und dann noch so zu tun, als schaue man völlig unvoreingenommen zu, als entdecke man diese Dinge gerade. Dabei gilt ihr Hauptinteresse dezidiert der Hauptfigur. Das dürfte der Trick sein, warum die Message dann so unerwartet stark rüberkommt.

Das Mädchen Laure gibt vor, der Bub Michael zu sein. Im ersten Bild ist Laure unterwegs. Sie sitzt erhöht in einem Fahrzeug im Fahrtwind. Sie hält einen Arm in die Höhe, der Zuschauer sieht Oberarm und Hand, und sie betrachtet diese. Da vermutlich kaum ein Zuschauer uninformiert diesen Film schauen wird (dass es sich um die Geschichte eines Mädchens handelt, das ein Bub sein möchte); so fängt das Hirn des Zuschauers bereits an zu arbeiten, was wohl in ihr vorgehe, wenn sie ihren Arm betrachtet, ihre Hand, ob ihr diese Körperteile männlich genug vorkommen.

Die Familie, das sind ihr Vater, ihre schwangere Mutter und das kleine Schwesterchen Jeanne, ist gerade dabei, umzuziehen. Ein paar flüchtige Blicke in die neue Wohnung, aber was interessiert unsere Filmemacherin die Einrichtung, sie interessiert sich für Laure, wie sie mit der neuen Situation umgeht. Zuerst Besuch im plüschig eingerichteten Zimmer vom kleinen Schwesterchen, etwas plaudern. Wie Laure das erste Mal das Haus verlässt, zieht sie viel zu große Sportschuhe, breite Hosen und ein Leibchen an – wie ein Bub.

Das erste Mädchen, das sie anspricht, das ist Lisa – ihr stellt sie sich als Michael vor (auf französisch mit zwei Pünktchen auf dem e versehen, ausgesprochen wie der deutsche Michael); vorher hat sie schon die Buben im Park beobachtet, sehnsüchtig beobachtet – auch für so eine Szene lässt Céline Sciamma sich so viel Zeit, dass der Zuschauer den inneren Monolog der Darstellerin atemnah nachvollziehen kann; so zwingt man den Zuschauer aktiv ins Hineindenken in die Figur und damit in die Probleme, auf die sie zulaufen wird – geschickt gemacht.

Lisa hat gesehen, dass Michael die Buben beobachtet hat und sagt ihr, wo sie sind. Zuhause geht das Leben weiter wie bisher. Alltäglichkeiten, alltägliche Begegnungen. Einmal spielen die beiden Schwesterchen mit Knetmasse; Laure formt einen länglichen Gegenstand; Jeanne, ein goldig-lockköpfiges Zahnlückmädchen, möchte wissen, was die große Schwester damit macht.

Michael ist jetzt auch äußerlich noch mehr Bub. Legt sich mit den anderen Buben an, kämpft heftig, zeigt den anderen Buben den Meister. So weit, dass sie einen so schmerzhaft schlägt, dass die Mutter dieses Buben bei ihrer Mutter auftaucht. Der Zuschauer ist inzwischen in die Problemwelt, in die Geschlechterrollenbewältigungs-, resp. Verdrängungswelt hineingezogen worden, dass er schon bangt, wie Michael damit umgehen wird, dass er auffliegen könnte.

Die brutale Mechanik des Geschlechterrollengesetzes setzt ein. Das wird umso härter, als sie zu Lisa eine Ahnung von erotischer Liebe und zarte erste Küsse entwickelt hat. Auch das ist für den Zuschauer stark nachempfindbar, wie wohl für Lisa eine Welt zusammenbrechen würde, wenn sie die körperliche Identität von Michael entdecken würde, weil sie sich unter Michael einen Buben und kein Mädchen vorgestellt hat.

Die Mutter allerdings, die reagiert erst Mal mit Haue und dem Befehl, einen Mädchenrock anzuziehen – der Zuschauer fühlt sich selbst in eine Zwangsjacke gesteckt. Wie die anderen Buben reagieren, das wird nicht so wichtig gezeigt, das ist mehr eine Ratsch-Szene im Wald.

Bevor das alles passiert ist, war schön zu sehen, wie Jeanne, die schnell dahinter gekommen ist, was Laure für ein Spiel treibt, weil Lisa einmal da war und nach ihr gefragt hat, und dann der Mutter stolz erzählt, sie habe jetzt einen Freund, den Michael und der sei stark und sei ihr Beschützer. Das ist noch etwas sehr Süßes vor dem Bitteren. Zu wissen, auf was Laure/Michael unweigerlich zusteuern wird, wohin sie die phyische körperliche Entwicklung wie eine Schicksalsmacht treiben wird, was die Gesellschaft fordern wird, wie unbarmherzig sie mit Michael umgehen wird, der wahr Horror, der wird hier in den Kopf des Zuschauers delegiert.

Der Film selbst ist hingebungsvoll leicht und geschmeidig erzählt; dabei den Horror nicht auslassend, nämlich sich vorzustellen, was auf Laure/Michael noch alles an Krisen und Selbstmordgefährdungen auf dem Wege der Identitätsfindung zukommen wird bei diesem tief in die Kindheitsidentität eingreifende Prozess der Umwandlung der physischen Geschlechtsmerkmale, das ist das was bei diesem Film am meisten schmerzt. Aber er richtet sich, im Gegensatz zu „Romeos“ nicht nur an ein Insider-Publikum.

Was Laure/Michael erlebt, ist vielleicht nur eine besonders brutale Coming-of-Age-Variante. Der Film lässt generell eine Ahnung oder Erinnerung daran aufkommen, wie das mit dem Coming-of-Age so ist, dem Verlust der kindlichen Unschuld, des Kindseins, die Veränderung zum erwachsenen Sexualmenschen.

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