Die Liebenden – von der Last, glücklich zu sein

Den Dreh mit der Liebe im Kino haben die Franzosen raus. Dafür lieben wir sie ja so sehr. Und das wissen sie auch. Darum haben sie Stars, die das alles spielen können. Ein breites Feld. Christophe Honoré hat sich mit seinem Buch und seiner Regie viel vorgenommen. Seine Paarerzählungen oder Paarbeobachtungen fangen 1964 an. Sie ziehen sich bis 2011.

1964. Die Schuhverkäuferin Madeleine klaut im eleganten und teuren Geschäft, in dem sie arbeitet, ein paar rote Roger Visiers Schuhe von Christian Dior. Wenige Minuten später schon bietet sich ein Passant als Freier an; Madeleine zögert nicht lange, nimmt ihn mit aufs Zimmer. So leicht und schnell geht das mit dieser Liebe. Als nächstes wartet ein Bekannter ihres ersten Freiers auf sie, sie sei ihm empfohlen worden. Es ist ein Arzt aus der Tschechoslowakei. Hier wird Liebe daraus. Sie heiraten und ziehen nach Prag.

1968 leben die beiden mit Tochter Vera in Prag. Aber der Papa geht fremd. 1968 (?) hat Madeleine Francois geheiratet, aber ihr Ex-Mann taucht wieder auf.

1997 tanzt Vera lange in einem Club in London. Ihr ehemaliger Freund, ein Franzose, soll dort ein Buch vorstellen. Im Club lernt sie Henderson kennen. Wie es zur Liebessache gehen soll, outet er sich als schwul. Aber man will Freunde bleiben.

Veras Eltern sind in die Jahre gekommen. Sie werden jetzt gespielt von Catherine Deneuve und Milos Forman.

Genau am 11. September 2011 will Vera Henderson in New York besuchen, ihr Flugzeug wird aber wegen der Anschläge nach Montreal umgeleitet. Hier endet die Erzählung mit einer Ménage á Trois in einem Hotelzimmer, Henderson, dessen Freund Mathieu und Véra, die ein Kind von Henderson haben möchte.

Das hört sich alles recht kompliziert an, ist aber in der Wirklichkeit dieses Filmes noch viel komplexer. Andererseits wird es sehr angenehm serviert, indem – auch da hat Frankreich eine wunderschöne Tradition, man denke nur an Jacques Demy – immer wieder aus der Szene heraus in ein Chanson übergegangen wird, ganz leicht und problemlos.

Die Akteure singen von der Liebe, deren Bleischwere, der Sehnuscht nach ihr, dass sie das Leben verändere oder vom Verlust derselben oder vom Warten darauf, bis wir uns hassen, denn der Eiffelturm langweilt einen schon oder von diesen Kilogramme an Gefühlen, von der Liebe wie Mühlsteine, leicht zwiespältige Lobgesänge auf die Liebe. Oder es geht um die Veränderung durch die Liebe. Die Liebe als Warterei darauf, als Sehnsucht. Auch diese Songs sind Ausdruck der Lässigkeit, mit der die Franzosen mit diesem Thema kultiviert umzugehen verstehen.

Man spricht intelligent und gefühlvoll über die Liebe, singt Songs, aber man spart an Bettszenen, denn die Vorstellung von der Liebe ist stärker als der Vorgang selbst. Vielleicht könnte man auch sagen: Christophe Honoré versucht uns ein cineastisches Zaubergebinde auf die Liebe zu präsentieren.

Meist spielen die Szenen in feinerem, bürgerlichen Milieu. Die Liebe ist was für die Bürgerschaft, für die Gebildeten, für die gehobene Klasse. Man isst Langusten zu Mittag.

Es gibt auch den Moment der ironischen Distanz: wenn besipielswiese der Exgatte von Madeleine, Milos Forman, beim aktuellen Gatten von Madeleine um deren Hand anhält. Auf die Frage des Ex-Gatten, wie er denn hierher gefunden habe, antwortet Milos Forman, der eine interessante Persönlichkeit auf der Leinwand abgibt, er könne Telefonbuch lesen. Er redet aber auch gebildet über die Liebe, dass sie Courage brauche und Klugheit, Enthusiasmus und Vergnügen, Bonmots über die Liebe.

Das immer gleiche Problem, ich kann ohne Dich nicht sein.

Was will uns Christophe Honoré nun erzählen mit seinem Film? Dass die Franzosen das können? Dass sie unbefangen im französischen Kino-Liebesfundus rumstöbern und rausnehmen dürfen, was ihnen gefällt? Dass ein gewisses Niveau an Action und Kinogeschmeidigkeit nie unterschritten wird? Dass wir uns im Kinosessel einfach mal wieder in angehmem Ambiente ganz ungestört von anderen Menschen, weil wir ja alle auf die Leinwand schauen, ein paar Gedanken über die Liebe machen sollen?

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